Katechesenreihe "Schöpfung und Evolution" beendet
Wien, 26.6.06 (KAP) Kardinal Christoph Schönborn hat zum Abschluss seiner Katechesenreihe im Stephansdom über "Schöpfung und Evolution" auf die dramatischen Auswirkungen des "ideologischen Darwinismus" etwa im Bereich der Biomedizin hingewiesen. Das christliche Menschenbild sei heute oft allein auf weiter Flur in der Verteidigung der großen bioethischen Grundsätze, bedauerte Kardinal Schönborn. Nichtsdestotrotz halte die katholische Kirche aber unbeirrt daran fest, dass die Natur ihre Sprache hat, dass sie den Menschen etwas über die Schöpfungsordnung sagen könne und daher auch verbindliche Richtschnur und sittliche Orientierung bedeute.
Die Folgen der technischen Eingriffsmöglichkeiten im biomedizinischen Bereich würden heute deutlicher sichtbar, erinnerte der Wiener Erzbischof. Die oft kritisierte Haltung der katholischen Kirche dazu erweise sich als "umso prophetischer" je länger die Entwicklung gehe. Es gebe in diesem Bereich einen ethischen Dammbruch nach dem anderen, so Schönborn: "Hier wird von denen, die das 'intelligent design' von Seiten Gottes ablehnen, das 'intelligent design' der Biotechnik groß geschrieben".
Zum Abschluss der Katechesenreihe über "Schöpfung und Evolution" ging Kardinal Schönborn auch auf innerkirchliche Kritik ein. Insbesondere bezog sich der Wiener Erzbischof auf die Argumentation des Direktors des vatikanischen Observatoriums, P. George Coyne SJ, der Schönborns Auffassungen in den vergangenen Monaten mehrmals heftig kritisiert hatte. "Zu sagen, dass Gott nicht mit Sicherheit wissen konnte, dass bei der Evolution der Mensch herauskommt, das ist - theologisch gesehen - schon sehr grenzgängerisch", betonte der Kardinal mit Hinweis auf Zitate aus einem Interview mit P. Coyne, die im Februar im deutschen Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" veröffentlicht worden waren. Hinter den Positionen von P. Coyne und anderen Autoren stehe die Befürchtung, dass die Schöpfung nicht frei sei, wenn Gott zu direkt eingreife. Gott ist aber nicht "der Konkurrent der Schöpfung", betonte Kardinal Schönborn; das Wirken Gottes sei keine Behinderung der Freiheit der Schöpfung.
Es geht um Vernunft
Rückblickend auf die vergangenen Monate der Debatte sagte Schönborn, er freue sich, dass so intensiv über das Thema gesprochen werde. "Es geht letztlich um die Urfragen des Menschen über Herkunft und Zukunft, über das Woher, Wohin und den Sinn des Lebens", betonte der Kardinal. Jeder Mensch würde sich früher oder später diese Fragen stellen.
Der Wiener Erzbischof wandte sich dagegen, die Diskussion auf das Verhältnis von Wissenschaft und Religion zu reduzieren. "In Wirklichkeit geht es ganz entscheidend um das Bindeglied zwischen beiden: die Vernunft", betonte er: "Ist die Welt vernünftig? Ist das, was wir vorfinden und in dem wir leben, Produkt eines sinnlosen zufälligen Geschehens oder hat es einen Sinn"? Ohne Vernunft gebe es keine Orientierung und keinen Plan, so Schönborn, der auch darauf aufmerksam machte, dass Papst Benedikt XVI. in beinahe jeder seiner Ansprachen auf diese Frage nach der Vernunft zurückkomme. Es sei die Vernunft, die den Menschen Plan, Zielgerichtetheit und Zweck in der Natur erkennen lasse - und zwar in immer größerem Maße, so Schönborn: "Je weiter die Forschung in die Geheimnisse des Lebens eindringt, desto größer wird die Frage nach der Zielgerichtetheit, der Plan- und Zweckmäßigkeit".
Offene Fragen bei Darwin
Das darwinistische Weltbild sei zwar vorherrschend, man müsse aber die Frage stellen, warum die Darwinsche Theorie nach wie vor intensiv debattiert und auch von Leuten, die ganz und gar nicht "fundamentalismus-verdächtig" sind, kritisch hinterfragt werde, merkte der Wiener Erzbischof an. Offensichtlich gebe es nach wie vor viele offene Fragen. Zwar solle dies nicht daran hindern, die Darwinsche Schöpfungsgeschichte zu erzählen, so der Kardinal, aber: "Man müsste ehrlicherweise sagen, dass zwischen dieser so selbstverständlich erzählten Geschichte und dem, was wissenschaftlich genau erforscht ist, doch ein großer Unterschied besteht". Besonders das Motto "Alles ist Evolution" sei Teil einer "Weltanschauung", aber nicht unbedingt das, was man mit Sicherheit als "wissenschaftlich erwiesen" bezeichnen könne.
Auswirkungen des ideologischen Darwinismus
"Die Darwinsche Auffassung hat nicht nur die Vorstellung vom Ursprung des Lebens geprägt, sondern auch hineingewirkt in das gesellschaftliche Leben", erinnerte Kardinal Schönborn und nannte drei konkrete Punkte, an denen die Auswirkungen des ideologischen Darwinismus heute besonders sichtbar sind: Die Biomedizin, das neoliberale Wirtschaftsmodell (das sich an neodarwinistischen biologischen Modellen orientiert) und die Bildungsfrage.
Die Übertragung des neodarwinistischen Prinzips vom "survival of the fittest" auf die Pädagogik bereite Sorge. Der Wiener Erzbischof mahnte in diesem Zusammenhang zur "Vorsicht vor einer übermäßigen Ökonomisierung der Bildungsfrage". Bildung werde heute weitgehend danach beurteilt, ob sie zur Anpassung an die Erfordernisse des Arbeitsmarktes beitrage. Im Sinne der katholischen Soziallehre gelte aber auch für ein Bildungskonzept, dass der Mensch nicht in erster Linie für die Wirtschaft da ist, sondern dass die Wirtschaft für den Menschen da zu sein hat.
Eine Grundaufgabe von Schule und Bildung werde ausgeblendet, nämlich die Erziehung zur Widerständigkeit, erinnerte der Kardinal: "Wer werden in Zukunft die Menschen sein, die sich zu widersprechen trauen, die es nicht nur gelernt haben, sich möglichst flexibel anzupassen, sondern auch feste Standpunkte haben?". Letztlich sei der Widerstand gegen einen ideologischen Evolutionismus heute eine der Formen, "Freiheit zu verteidigen".