Der Fußball und die Religion
Wien, 6.7.06 (KAP) Religiöse Dimensionen des Phänomens Fußball analysierte der Wiener Soziologe Prof. Roland Girtler beim "Jour fixe" des Verbandes katholischer Publizisten zum Ferienbeginn in Wien. Girtler blickte weit zurück zu den Ursprüngen des Sports, der in seiner "modernen" Form erstmals bei Homer literarisch auftaucht. Bei der Beerdigung eines Freundes des griechischen Helden Achill wurden Ringkämpfe, Wagenrennen und Wettläufe veranstaltet. Die Veranstaltungen seien aber Königssöhnen und Aristokraten vorbehalten geblieben, das "einfache" Volk wurde fern gehalten, so Girtler. Das sei auch noch bei den ersten Fußballvereinen der Fall gewesen. In Österreich sei "Rapid"-Wien einer der ersten Klubs gewesen, der vor rund hundert Jahren auch Arbeiter aufnahm. Der Fußball habe sich in Folge zu einer Möglichkeit des sozialen Aufstiegs entwickelt, legte Girtler dar. Das gelte nicht nur für Einzelpersonen, sondern auch für ganze Nationen. In diesem Zusammenhang erinnerte der Soziologe an die Bedeutung der der afrikanischen Spieler in führenden europäischen Klubs.
Eine besonderen Stellenwert hätten im Sport auch Symbole, so Girtler weiter: "Durch Symbole können sich Menschen abgrenzen und mit etwas identifizieren. Das ist vor allem für Fußballfans wichtig". Für viele Fans seien Vereine so etwas wie ihre eigentliche Heimat. Und dann wieder ein Rückblick in die Geschichte: Die Farben der deutschen und österreichischen Fußballdressen kämen ursprünglich von den Deutschordensrittern.
Girtler sah im Sport auch eine gewisse Ambivalenz von Spiel und Kampf. Für einige Fans, die den Kampf und die Gewalt regelrecht suchen, gelte es, den Gegner zu erniedrigen. Für viele sei das sogar eine Art "Spaß". Als "typische Kriegsinstrumente", die man auch heute noch zahlreich im Fußballstadion finde, nannte Girtler Trommeln und Trompeten.
Lob zollte der Soziologe den Veranstaltern der Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland, die bislang weitestgehend friedlich verlaufen sei. Man habe gelernt, wie man mit dem vorhandenen Gewaltpotenzial umgehen müsse.
Welch große Bedeutung der Fußball in Ausnahmesituationen haben kann, machte Girtler an einem zeithistorisch bedeutsamen Beispiel klar: Eine der größten - selbstverständlich "gleich geschalteten" - Wiener Zeitungen habe 1941 über den Angriff auf die Sowjetunion nur mit der zweiten Schlagzeile berichtet. "Wichtiger" noch sei der von "Rapid"- Wien errungene deutsche Fußball-Meistertitel gewesen. Für die vom NS-Regime zu "Ostmärkern" reduzierten Österreicher bedeutete der "Rapid"-Erfolg eine willkommene Gelegenheit, ihre Identität auf "unverdächtige" Art in den Vordergrund zu rücken.