Auch Wiener "Friedensdialoge" trugen zur "Wende" bei
Der Wiener Sozialethiker Prof. Rudolf Weiler, hat im Zuge des heurigen Gedenkens an die "Wende" von 1989 an die Bedeutung der "Friedensdialoge" zwischen Christen und Marxisten erinnert
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Wien (KAP) Der Wiener Sozialethiker und langjährige Präsident der Johannes-Messner-Gesellschaft, em. Prof. Rudolf Weiler, hat im Zuge des heurigen Gedenkens an die "Wende" von 1989 an die Bedeutung der "Friedensdialoge" zwischen Christen und Marxisten erinnert. Weiler hatte mit dem von ihm initiierten Wiener "Institut für Friedensforschung" ab 1971 eine wesentliche Rolle in diesem christlich-marxistischen Dialog gespielt. Heute ist klarer, dass Initiativen wie diese "Friedensdialoge" wesentlich zur Vorbereitung der "Wende" beigetragen haben.
In den insgesamt 20 vom "Institut für Friedensforschung" veranstalteten internationalen Symposien wurden zentrale Fragen der Friedenssicherung besprochen wie etwa die damals besonders akute atomare Aufrüstung. Wie Prof. Weiler im Gespräch mit "Kathpress" sagte, werde die Bedeutung dieser ausführlich dokumentierten und bis in höchste politische und kirchliche Kreise hinein verfolgten Symposien bis heute nicht ausreichend erfasst. Denn die Gesprächspartner bei diesen Symposien waren hochrangig und einflussreich. Was bei den Symposien zur Sprache kam, fand bis ins Zentralkomitee der KPdSU Beachtung.
Den Anstoß für die Friedensdialoge habe letztlich das Zweite Vatikanische Konzil mit seiner Pastoralkonstitution "Gaudium et spes" gegeben. Im Kontext des Erwachens von zivilgesellschaftlichen Friedensinitiativen in den sechziger Jahren bildete "Gaudium et spes" für die Christen eine Art Initialzündung für ihr politisch-gesellschaftliches Engagement für den Frieden.
Den eigentlichen Impuls für die Entwicklung der Friedensdialoge stellte laut Weiler schließlich die berühmte Tagung der "Internationalen Paulusgesellschaft" 1967 in Marienbad dar. Erstmals gelang damit eine Öffnung der ideologisch starren Fronten, so Weiler, der selbst an der Tagung teilnehmen und so erste Kontakte mit zukünftigen Gesprächspartnern knüpfen konnte.
Wiener "Institut für Friedensforschung"
Das an der Wiener Katholisch-Theologischen Fakultät 1967 als Frucht des Konzils errichtete "Institut für Friedensforschung" unter Leitung von Prof. Weiler sollte schließlich in Kooperation mit dem in Wien angesiedelten "Internationalen Institut für den Frieden" (IIF) den "Friedensdialog" aufnehmen. Weiler, der theologisch nie als "Linksabweichler" verdächtig war, konnte umso unbefangener auch mit prominenten sowjetischen Gesprächspartnern in Kontakt treten.
Im November 1971 kam es in Wien zu einer ersten internationalen wissenschaftlichen Konferenz des "Internationalen Instituts für den Frieden" (IIF) und des "Instituts für Friedensforschung" der Wiener Katholisch-Theologischen Fakultät, dem Weiler vorstand. Die Tagung stand unter dem Thema "Friedenssuche aus verschiedener weltanschaulicher Sicht" und zielte darauf ab, über das Trennende hinweg nach Gemeinsamkeiten zu suchen - ein Prinzip, das auch bei den folgenden Dialogen beachtet wurde.
Eine Fortsetzung fand dieser Dialog schließlich 1973 in Moskau mit einer Tagung über "Mittel und Wege zur Lösung von Problemen der gesellschaftlichen Entwicklung aus verschiedener weltanschaulicher Sicht". Es folgten nahezu jährliche weitere Treffen.
Veränderte Lage nach 1989
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Nach der "Wende" 1989 änderte sich laut Prof. Weiler auch die Ausrichtung des Dialogs maßgeblich. Die Dialoge in den siebziger und achtziger Jahren waren unter dem Schlagwort der "friedlichen Koexistenz" geführt worden. Aber schon bei der 16. Dialogrunde im August 1989 in Leusden (Niederlande) wurde bereits eine deutliche Auflockerung der Ost-West-Konfrontation festgestellt. Das 17. Symposion im September 1990 in den USA stand bereits unter gänzlich veränderten Vorzeichen. Entsprechend stand bereits die Frage der "allgemeinmenschlichen Werte" im Mittelpunkt.
Der Wegfall des politischen Ringens um den Frieden zwischen den Supermächten ging mit einer Verschiebung zu Fragen des Zusammenlebens und der gemeinsamen Wertebasis einher. Die Frage der Wertebasis hatte von Anfang an bei den Wiener Dialogen eine Rolle gespielt, rückte aber mit dem Auflösungsprozess der Sowjetunion umso mehr in den Mittelpunkt.
Vatikan war informiert
Den Schlusspunkt der "Friedensdialoge" bildete schließlich das 20. Symposion im September 1993 in Moskau. Es stand gänzlich im Zeichen des Umbruchs in das neue Jahrtausend und trug den Titel: "Europäische Zivilisation an der Grenze zweier Jahrtausende: Demokratie, Liberalismus/Marktwirtschaft und gemeinsame fundamentale Werte".
Der Heilige Stuhl war stets über den Fortgang der Gespräche informiert: Prof. Weiler pflegte immer einen intensiven Austausch über die Tagungen mit Kardinal Franz König und der Apostolischen Nuntiatur in Wien. Seit 1988 nahm außerdem der damalige Sekretär des Päpstlichen Rates für die Nichtglaubenden, Msgr. Franc Rode (der heutige Kardinal und Präfekt der Ordenskongregation), als Beobachter an den Tagungen teil.
Friedensdialog mit Entwicklungsländern
Wenn man heute an die damalige Tradition der Friedensdialoge anknüpfen wolle, müssten sie laut Weiler mit den Entwicklungsländern geführt werden. Dabei gehe es auch um Probleme der Religion, konkret etwa die Frage nach einer auch den Islam umfassenden Begründung gemeinsamer Werte des Zusammenlebens.
Die Friedensdialoge der Jahre 1971 bis 1986 sind ausführlich dokumentiert in den drei Bänden "Christen und Marxisten im Friedensgespräch". Die weiteren Dialogrunden bis 1993 wurden in der Zeitschrift "Wiener Blätter für Friedensforschung" des Universitätszentrums für Friedensforschung (UZF) dokumentiert.