Schönborn beeindruckt von Vitalität des US-Katholizismus
Europäer und Amerikaner - auch europäische und amerikanische Katholiken - sollen voneinander lernen, sagte der Wiener Kardinal bei viel beachtetem USA-Besuch
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Washington, 3.2.10 (PEW) Europa und Amerika sollen nicht erlauben, dass sich die Kluft zwischen ihnen vertieft, sagte Kardinal Christoph Schönborn zum Auftakt seiner USA-Reise bei einer festlichen Messfeier in der Abteikirche des Benediktinerklosters St. Benedict's in der Erzdiözese Kansas City. Im Gegenteil sollten Europäer und Amerikaner - auch europäische und amerikanische Katholiken - voneinander lernen. Bei einer anschließenden Begegnung mit hunderten Studenten des "Benedictine College" in Atchison nahm der Wiener Erzbischof zum Verhältnis von Glaube und Vernunft Stellung. Dabei betonte Kardinal Schönborn, dass gläubige Christen "weder Evolutionisten noch Kreationisten" sein können. Sowohl dem religiösen als auch dem naturwissenschaftlichen "Fundamentalismus" sei Widerstand zu leisten.
Begegnung mit Schwesternorden
Der Wiener Erzbischof entsprach mit seiner Reise nach Kansas einer Einladung des Erzbischofs von Kansas City, Joseph F. Naumann. Ein Höhepunkt des Besuchs in Kansas City war die Begegnung mit den "Kleinen Schwestern vom Lamm", die in der Stadt ihre erste Niederlassung in den USA haben. In Kansas City waren auch die Gründerin der "Kleinen Schwestern", Soeur Marie, und mehrere "Kleine Brüder vom Lamm" anwesend. Die "Gemeinschaft vom Lamm" ist ein neuer Zweig der dominikanischen Ordensfamilie; Kardinal Schönborn ist mit der Gemeinschaft seit vielen Jahren verbunden und als Bischof für sie zuständig.
Die "Kleinen Schwestern" leben in Kansas City in einem alten Pfarrhaus in einem Viertel, das stark durch mexikanische Einwanderer geprägt ist. Charakteristisch für die "Kleinen Schwestern" ist, dass sie ganz bewusst das Leben der Armen teilen; wie sehr sie mit ihrer Umgebung verbunden sind, wurde schon bei der Ankunft des Kardinals sichtbar, als Bewohnerinnen und Bewohner des Viertels mit ihren Kindern dem Wiener Erzbischof einen enthusiastischen Empfang bereiteten und dabei auch die typischen Tänze zu Ehren der Gottesmutter von Guadalupe aufführten. Am nächsten Abend zeigte sich bei einer spontanen Begegnung im alten Pfarrhaus, dass die "Kleinen Schwestern" nicht nur mit den mexikanischen Immigranten, sondern genauso auch mit Menschen des benachbarten afro-amerikanischen Viertels und mit Angehörigen der freien Berufe verbunden sind. "Die Schwestern üben durch ihr Dasein einen überaus positiven Einfluss aus", sagte Erzbischof Naumann im Gespräch mit dem "Pressedienst der Erzdiözese Wien": "Sie schaffen Gemeinschaft, wenn sie bei den Menschen anklopfen, um Brot bitten und den Menschen die Chancen geben, zu Hause etwas vom Evangelium zu hören". Die Schwestern in der schlichten blauen Ordenstracht wurden in Kansas City überaus freundlich aufgenommen - vom Erzbischof und Priestern unterschiedlicher Ausrichtung, aber auch von den anderen Frauenorden, von den Behörden und von der Öffentlichkeit.
Viel beachteter Vortrag
Der Besuch des Kardinals wurde in der Öffentlichkeit in Kansas City stark registriert. Besonders sein Vortrag am "Benedictine College" - einer hochangesehenen akademischen Einrichtung, zu deren Absolventinnen auch die kenianische Wissenschaftlerin Wangari Maathai zählt, die 2004 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde - fand große Beachtung. Der Wiener Erzbischof machte deutlich, dass das Verhältnis von Glaube und Vernunft "das" Thema von Papst Benedikt XVI. ist. Der Papst erinnere die Menschen daran, dass der Glaube nicht eine bloße "Gefühlssache" sein könne, dass der totale Subjektivismus eine Sackgasse darstellt. Für Benedikt XVI. sei die Anerkennung der universalen Geltung der Vernunft auch die Grundlage für jeden "echten Dialog der Kulturen". Vernunft sei dabei in einem weiteren Sinn zu verstehen als der auf das "Mess-, Zähl- und Wägbare" eingeschränkte Vernunftbegriff der modernen Naturwissenschaften.
In seiner Predigt in St. Benedict's hatte Kardinal Schönborn auf den Passus des Evangeliums Bezug genommen, in dem geschildert wird, wie Jesus "hinweg geht", als die Bewohner von Nazareth ihn vom Abhang ihres Stadthügels hinabstürzen wollen. Angesichts der geistigen Situation in Europa - mit der Zuwendung zum Säkularismus und "seltsamen Ideen" - gebe es die erschreckende Vision, dass Jesus gleichsam auch aus Europa "hinweg gehen" könnte.
Oft entstehe der Eindruck, als seien die Europäer des Evangeliums "müde" geworden. Die Kraft des großen missionarischen Aufbruchs, mit dem das Evangelium in alle Welt gebracht wurde, scheine erschöpft. Und doch gebe es in Europa heute eindrucksvolle "Zeichen von Glaube, Hoffnung und Liebe": "Jesus schien 'hinweg zu gehen", aber er kehrt zurück".
Beeindruckt von Vitalität des amerikanischen Katholizismus
Im Gespräch mit dem "Pressedienst der Erzdiözese Wien" betonte der Wiener Erzbischof, er sei in Kansas City nach den Begegnungen mit Erzbischof Naumann, dem Präsidenten des "Benedictine College", Stephen D. Minnis, und anderen Verantwortlichen, vor allem auch mit vielen Pfarrern, Ordensleuten und Laienchristen stark beeindruckt von der Vitalität des amerikanischen Katholizismus.