Der stumme Hilfeschrei Hungernder
Wien, 27.7.06 (KAP) Mit ihrer diesjährigen Augustsammlung macht die Caritas den meist "stummen Hilfeschrei Hungernder" hörbar. Caritas-Präsident Küberl nannte es bei einer Pressekonferenz am Donnerstag in Wien eine "himmelschreiende Ungerechtigkeit", dass alle fünf Sekunden auf der Welt ein Kind an Hunger stirbt - 6,5 Millionen pro Jahr. Er bat die österreichische Bevölkerung um tatkräftige Unterstützung der Augustsammlung unter dem Motto "Hilfeschrei gegen den Hunger". Küberl: "Mit 15 Euro kann die Caritas eine Familie in Afrika einen Monat lang ernähren." Mit dem Gegenwert eines Abendessens im Restaurant sei es möglich, Hungernden neuen Lebensmut zu schenken: "Bitte, helfen Sie uns helfen!", so der Appell des Caritas-Chefs.
Küberl berichtete bei dem Pressegespräch von seinem jüngsten Lokalaugenschein im westafrikanischen Mali, das von einer Hungersnot geplagt ist. In Mali, dem viertärmsten Land der Welt, versorgt das internationale Caritas-Netzwerk nach der Dürre und der Heuschreckenplage des Vorjahrs 15.000 Menschen mit Essen. Auch der heurigen Ernte sehe man mit Bangen entgegen, weil es bisher - die Regenzeit dauert von Juni bis Oktober - noch zu wenig geregnet hat, berichtete Küberl von seinem jüngsten Besuch. Die Caritas Österreich leistet langfristige Hilfe etwa mit dem Bau von Brunnen, Bewässerungssystemen und Getreidespeichern. Frauen würden zum Anbau von Obst und Gemüse ermutigt. "Denn zum Problem der oft schlechten Ernten kommt, dass die Menschen sich in Mali oft einseitig ernähren und zu wenig Fleisch und Gemüse essen", so Küberl.
Ländliche Entwicklung stehe im Mittelpunkt der mehr als 100 Projekte der Caritas-Auslandshilfe in Ländern wie Mali, Äthiopien, Burkina Faso, Kongo, Uganda, Mosambik und Ecuador. Insgesamt flossen im Vorjahr rund 1,5 Millionen Euro in die langfristige Hungerbekämpfung, sagte Küberl. Neben dieser auf Dauer angelegten Hilfe zur Selbsthilfe leiste die Caritas Katastrophenhilfe in akuten Notsituationen und versorgt die Opfer von Naturkatastrophen und Kriegen mit Nahrung, in langfristigen Projekten hilft die Caritas mit, dass Menschen sich ihr Essen selbst erwirtschaften können und Hunger erst gar nicht entsteht.
Caritas fordert Erhöhung der EZA-Gelder
"Hunger fällt nicht vom Himmel", betonte der Caritas-Präsident, er sei vielmehr die Folge politischen, wirtschaftlichen und ökologischen Fehlverhaltens: "Hunger ist eine globale Tragödie, deren größtes Drama darin besteht, dass sie zu vermeiden ist." Insgesamt sterben 10 Millionen Menschen pro Jahr an Hunger - mehr als an Tuberkulose, Malaria und Aids zusammen, rechnete Küberl vor. Weltweit hätten mehr als 850 Millionen Menschen nicht genug zu essen, der Großteil davon Frauen und Kinder.
Im Hintergrund steht nach Überzeugung Küberls ein "Versagen der Politik". Ernährungssicherheit müsste das oberste Ziel der globalen Handelspolitik sein, damit gewährleistet ist, dass alle Menschen sich ausreichend und gesund ernähren können. Dazu solle Österreich die Mittel für die Entwicklungszusammenarbeit erhöhen, forderte Küberl; Die Erreichung der 0,7 Prozent des BNE (Bruttonationaleinkommens) mahne die Caritas seit Jahren ein und werde dies weiterhin tun, kündigte Küberl an. Österreich habe zwar im Vorjahr einen starken Anstieg der Entwicklungshilfegelder verzeichnet, Hauptursache dafür sei jedoch die Irak-Entschuldung. Österreich sollte aber beides betreiben: die Entwicklungshilfe erhöhen und gleichzeitig die Entschuldungsmaßnahmen fortsetzen, verlangte Küberl.
Die Bundesregierung solle auch den Katastrophenhilfefonds besser dotieren und neue Finanzierungsquellen zur Armutsbekämpfung forcieren. Küberl: "Schon eine Bagatellsteuer auf weltweite Devisentransaktionen von nur 0,01 Prozent - Stichwort: Tobin Tax - würde in Europa 15 bis 18 Milliarden Euro im Jahr bringen - Geld, das dringend gebraucht würde."
Auch Still-Beratung kann helfen
Schon mit einfachen Maßnahmen könnte bei der Hungerbekämpfung große Wirkung erzielt werden, berichtete Veronika Scherbaum, deutsche Ernährungswissenschaftlerin, bei der Pressekonferenz. Sie plädierte für eine gezielte Still-Beratung in den Entwicklungsländern, weil Muttermilch auch bei unterernährten Müttern kaum an Qualität verliere und für Kinder den besten Schutz vor Mangelkrankheiten darstelle. Äthiopischen Frauen müsse z.B. erklärt werden, "dass das Kolostrum, die erste Muttermilch, für die Babys nichts Schlechtes ist, sondern im Gegenteil das Immunsystem enorm stärkt und einer Schutzimpfung gleichkommt".
Viele Menschen in den Ländern des Südens, die keinen Zugang zu Bildung haben, würden oft gar keinen Zusammenhang zwischen der unzureichenden Ernährung und den Krankheiten ihrer Kinder - etwa den Hungerödemen - sehen, weiß Scherbaum aus Erfahrung: "Hungerprävention hat auch sehr viel mit Aufklärung zu tun."
Für ihre Augustsammlung 2006 "Hilfeschrei gegen den Hunger" bittet die Caritas um Spenden auf das PSK-Konto 7,700.004, BLZ 60.000, Kennwort: "Augustsammlung".