Unterschiedliche Gotteserfahrungen in den Religionen
Salzburg, 4.8.06 (KAP) Auf Unterschiede im Gottes- und Menschenbild der drei monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam hat der Hannoveraner Religionswissenschaftler Peter Antes bei den "Salzburger Hochschulwochen" hingewiesen. Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil sei es in der katholischen Theologie üblich geworden, die drei monotheistischen Religionen als "abrahamitische Religionen" als Einheit zu begreifen, erinnerte Antes. Besonders bei der Gotteserfahrung, aber auch in der Anthropologie, gebe es allerdings Unterschiede "und zwar nicht zu knapp".
Im Islam stehe der allmächtige Gott, der im unzugänglichen Licht wohnt, im Vordergrund des theologischen Denkens: "Zwischen ihm und der Welt besteht eine Kluft, die von der Welt und vom Menschen her nicht überbrückt werden kann". Unterschiede bestünden, so Antes, auch zwischen dem Gottes- und Menschenbild von Judentum und Christentum: "Obwohl die christliche Religion aus der jüdischen hervorgegangen ist und mit der jüdischen Religion die Heilige Schrift des Ersten Bundes teilt, ist die Lesart der Bibel in beiden Religionen eine andere".
Obwohl der erste Satz der hebräischen Bibel laute: "Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde", stehe nicht Gott, der Schöpfer des Himmels und der Erde, im Mittelpunkt des jüdischen Gottesbildes. Im Mittelpunkt stehe vielmehr "die Befreiungstat Gottes gegenüber seinem Volk, der Auszug aus Ägypten". Befreiung werde daher in Israel "als irdisch-geschichtlicher Vorgang empfunden, der aber in seiner Bedeutung zuerst und zutiefst religiöser Natur ist".
"Moderate müssen sich zusammentun"
"Es gibt auf jeder Seite eine große schweigende Mehrheit der Moderaten, die sich zusammentun müssten, um die Extremisten zu marginalisieren", sagte der deutsche TV-Journalist Elmar Thevessen, ein ausgewiesener Terrorismusexperte, bei den "Salzburger Hochschulwochen". Ein Problem im Kampf gegen den fundamentalistischen Terrorismus sei, so Thevessen, dass nach dem 11. September 2001 kein Gesamtkonzept entwickelt, sondern nur "kurzgreifende polizeiliche und militärische Maßnahmen" gesetzt worden seien. "Man hat einfach nicht verstanden, was passiert ist", sagte der Journalist.
Absolutheitsansprüche, Größenwahn, Selbstgerechtigkeit und grenzenlose Intoleranz, der Glaube, allein die Wahrheit gepachtet zu haben, führten zu jener Menschenverachtung, wie sie sich in Anschlägen muslimischer Extremisten äußere. Diese Haltung sei aber auch in Hasspredigten radikaler Evangelikaler zu beobachten, wie sie im Umfeld von Präsident Bush zu beobachten sind.
"17 Jahre nach dem Ende des letzten Weltanschauungskonflikts gibt es einen neuen - und der ist noch unkalkulierbarer und gefährlicher als der letzte, denn die Akteure haben zwar wie damals auch Massenvernichtungswaffen, aber diesmal könnten sie sie tatsächlich einsetzen, weil sie das Heil nicht im Diesseits erwarten, sondern im Jenseits", sagte Thevessen.
Das Problem von Bush und Blair ortete der Grazer Pastoraltheologe Prof. Rainer Bucher in der Auffassung, für christliche Werte oder Menschenrechte mit Werkzeugen wie "Guantanamo" eintreten zu können, obwohl diese ein Bekenntnis zur Verletzung der Menschenrechte bedeuten. Gerade die Widersprüchlichkeit wecke auch den Hass der Extremisten. Dabei drohe den Gesellschaften eine weitere Gefahr, quasi von innen: "Wir nehmen uns den Radikalismus zum Feind und nehmen zu seiner Bekämpfung seine Strukturen der Gewalt an. Das dürfen wir nicht!"
Bucher unterstrich, dass islamistische Extremgruppen genauso wenig mit "dem Islam" identifiziert werden dürften wie christlich-evangelikale Fundamentalisten mit "dem Christentum".