Kardinal Schönborn: "Sind auf einem Weg der Läuterung"
Wiener Erzbischof bei Diskussion in der Nationalbibliothek: Schwere Vergehen und Schuld durch Missbrauch - Schauspieler Brandauer: Christlicher Glaube ist reizvoll
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Wien, 25.03.10 (KAP) Im Blick auf die jüngsten Missbrauchsenthüllungen sieht Kardinal Christoph Schönborn die Kirche auf einem "schmerzhaften, aber notwendigen Weg der Läuterung und der Reinigung". Wie die Missbrauchsfälle gezeigt hätten, sei dieser Prozess "zweifellos notwendig", da sich die Kirche "schwerer Vergehen in den eigenen Reihen schuldig gemacht hat", betonte der Wiener Erzbischof bei einer Diskussionsrunde mit dem Schauspieler Klaus Maria Brandauer am Mittwoch in der Österreichischen Nationalbibliothek: "Da muss die Kirche nun einfach durch, auch wenn manche Berichte in den Medien durchaus differenzierter sein könnten." Veranstalterin des Abends war die "Akademie für Evangelisation".
Einig zeigten sich Schönborn und Brandauer in der Diskussion darüber, dass es in Österreich einen "Mangel an Visionen" gebe, der sich in einem politischen wie gesellschaftlichen Stillstand zeige. "Mit großer Sorge sehe ich das Schwächeln des Landes, aber auch das Schwächeln der Kirche in unserem Land", räumte der Kardinal ein: "Wo sind die großen Hoffnungen, die Visionen? Wie soll es weitergehen?"
Den großen finanziellen und ökonomischen Herausforderungen, aber auch den Fragen des Erhalts des Sozialstaats weiche man weiträumig aus: "Uns fehlt die Wahrhaftigkeit, über diese Probleme zu reden."
Konkret beklagte der Wiener Erzbischof das "Hickhack, mit dem in beschämender Art und Weise die Themen Migration und Asyl behandelt werden". Das Land brauche eine "klare Migrationspolitik", um den hohen Sozialstandard zu halten. Auch habe man im öffentlichen Diskurs noch nicht wahrgenommen, wie viele Österreicherinnen und Österreicher bereits einen Migrationshintergrund besitzen. Schönborns Resümee: "Es fehlt ein mutiger, offener und klarer Diskurs in Österreich."
Zustimmung zur politischen Diagnose äußerte auch Klaus Maria Brandauer. Politik und öffentlicher Diskurs in Österreich seien "furchtbar fad", Stillstand sei an der Tagesordnung, gerade für die Jugend gebe es keine greifbaren Alternativen. Hier sei auch die Kirche in der Pflicht, neue Perspektiven und Visionen anzubieten, so Brandauer.
Das Böse in der Welt
Gegenstand des Podiumsgesprächs zwischen Kardinal Schönborn und Brandauer war die Frage nach dem Verhältnis von "Gott und Teufel". Der Schauspieler unterstrich zu dieser Frage die Bedeutung der jeweils eigenen Verantwortung, mit der der Mensch auf das Böse zu reagieren habe. Wo immer man von einem Kampf von Gut gegen Böse ausgehe, drohe die menschliche Verantwortung ausgeblendet zu werden. "Das macht mich ja gerade zu einem mündigen Menschen, dass ich Verantwortung für mein Handeln übernehmen kann."
Weiters berichtete Brandauer von seiner Kindheit und katholischen Erziehung in seiner Heimat Altaussee. Bis heute stehe er zu dieser Herkunft: "Ich bin in dieses Land, in seine christliche Kultur und Religion hinein geboren worden, und ich nehme das alles an", so Brandauer. Als reizvoll empfinde er den christlichen Glauben nicht zuletzt deshalb, da in ihm "auch alle anderen Religionen und Weltanschauungen ihren Platz haben dürfen".
Kardinal Schönborn plädierte dafür, das mit dem Teufel bezeichnete Böse weder als rein personales Prinzip noch als reines Naturphänomen zu betrachten. Beides stellten Verkürzungen dar, die "die eigentliche Dramatik des Bösen banalisieren". Dem Menschen drohe so "das Gespür und das Erschrecken vor den Abgründen im eigenen Leben abhanden zu kommen".
Dennoch dürfe man auch die wichtige psychologische Funktion der Rede vom Teufel als "Entlastungsstrategie" nicht vergessen, so Schönborn weiter. Durch die Rückführung auf den Teufel werde der Mensch ein stückweit von der Last befreit, alles Böse und Dämonische in der Welt nicht allein auf eigenen Schultern tragen zu müssen, so Kardinal Schönborn. Letztlich konfrontiere die Realität des Bösen jedoch den gläubigen Menschen immer wieder mit der entscheidenden Frage, warum Gott das Böse überhaupt zulassen kann.
Zuletzt kreiste das Gespräch auch um die Frage des Gotteszweifels. Dabei überraschte Schönborn mit einem offenen "Geständnis", dass auch ihn "manchmal ein tiefes Erschrecken, ein Zweifel" befalle, "ob es Gott, jenen, von dem ich täglich spreche, überhaupt gibt". Dieses Erschrecken gehöre zutiefst zum Glauben dazu, so Kardinal Schönborn erläuternd: "Wenn wir nicht manchmal vor dieser Wirklichkeit erschrecken, droht unsere Rede vom 'lieben Gott' banal zu werden."
Konkret empfahl Schönborn dazu eine intensivere Lektüre des Alten Testaments. Dieses sei "gewissermaßen der Klangkörper des Neuen Testaments und entbanalisiert unser Gottesbild" in Form zahlreicher Erzählungen von Zweifeln, von Kämpfen mit und gegen Gott.