Waltraud Klasnic wird Unabhängige Opferbeautragte
Der Wiener Erzbischof hat sich in der ORF-"Pressestunde" für eine von den kirchlichen Amtsträgern unabhängige Aufarbeitung der Missbrauchs-Fälle ausgesprochen. Schönborn nimmt Papst Benedikt in Schutz
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Kardinal Schönborn mit Waltraud Klasnic |
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Wien, 28.03.10 (KAP) Kardinal Christoph Schönborn hat sich in der ORF-"Pressestunde" für eine von den kirchlichen Amtsträgern unabhängige Aufarbeitung der Missbrauchs-Fälle ausgesprochen. "Wir wollen Unabhängigkeit, und es soll deshalb eine Unabhängige Opfer-Beauftragte geben", sagte der Wiener Erzbischof im Gespräche mit Robert Stoppacher (ORF) und Eva Weißenberger (Kleine Zeitung) am Palmsonntag.
Als künftige Unabhängige Opfer-Beauftragte, um die sich ein Experten-Team gruppieren soll, habe sich Waltraud Klasnic bereit erklärt. Die frühere steirische Landeschefin habe die entsprechende Erfahrung, soziale Kompetenz und das notwendige Mitfühlen aufgrund ihrer Funktionen als Restitutionsfonds-Vorsitzende und Präsidentin der Hospizbewegung. Klasnic werde allgemein als nicht vereinnehmbar eingeschätzt.
Größenordnung der Fälle in 50-Jahre-Zeitraum "im dreistelligen Bereicht"
Das erste Treffen mit Klasnic soll am Donnerstag stattfinden. Die Größenordung der Fälle sei voraussichtlich "im dreistelligen Bereich" - allerdings unter Einbeziehung eines Zeitraums von 50 Jahren, sagte Schönborn. Klasnic werde ein Team zusammenstellen, die Bischofskonferenz werde sie finanziell unterstützen, wobei keine Kirchenbeitragsmittel fließen sollen.
Die Wiedergutmachung müsse primär auf individueller Ebene laufen, betonte der Kardinal: "Wo Täter noch belangt werden können, müssen sie zur Rechenschaft gezogen werden. Wo sie schon verstorben sind, wird die Kirche einspringen."
Die Höhe der Beträge orientiere sich an den Therapiekosten, sagte der Wiener Erzbischof. Von der Unabhängigen Opfer-Beauftragten würden Orientierungsgrößen über die Zahlungen kommen, die zu leisten wären.
Den bevorstehenden Runden Tisch des Familien- und Justizministeriums sieht Schönborn auch als Gelegenheit, alle Bereiche in Augenschein zu nehmen, in denen Missbrauch geschieht. Ein Beispiel sei der Menschenhandel.
Causa Groer: Ratzinger wollte Kommission
Entschieden nahm Kardinal Schönborn Papst Benedikt XVI. vor dem Vertuschungsvorwurf in Schutz. Joseph Ratzinger sei sein Professor in Regensburg gewesen; er kenne ihn seit 37 Jahren. Der heutige Papst habe sich in der Causa Groer (1995) energisch für eine vatikanische Untersuchungskommission eingesetzt. Diese sei aber von der "anderen Partei" im Vatikan verhindert worden, berichtete Schönborn: "Ratzinger hat mir damals traurig gesagt: Die andere Partei hat sich durchgesetzt." Bei den Kommissions-Gegner habe es sich 1995 um die - im Staatssekretariat angesiedelte - "diplomatische Schiene" gehandelt.
Ratzinger sei auch der Verantwortliche für die Errichtung des "Gerichtshofs" in der Glaubenskongregation zur Behandlung der "delicta graviora" gewesen: "Ihm vorzuwerfen, er sei ein Vertuscher, ist deshalb nicht wahr."
Die zwei von deutschen und amerikanischen Medien aufgerollten angeblichen Vertuschungsfälle, in die der Papst involviert gewesen sein soll, würden untersucht, sagte Kardinal Schönborn. Er wolle dazu "jetzt nicht 1. Reihe fußfrei" Beurteilungen abgeben. Vatikan-Sprecher P. Federico Lombardi habe bereits sehr viel erläutert.
Steigerung bei Kirchenaustritten schmerzhaft
Schmerzhaft ist für den Wiener Erzbischof, dass eine Steigerung bei den Kirchenaustritten eingetreten ist. Unverständlich ist für ihn aber, dass das manche nicht als Problem erkennen wollen: "Das ist, vor dem Hintergrund der Krise und der steigenden Armut, eine Vogel-Strauß-Politik. Das soziale Netz der Kirche, besonders der Pfarren, wird in den kommenden Jahren sehr gebraucht werden."
Als Beispiel nannte Schönborn das neue Programm der Caritas zur Lebensmittelverteilung über Wiener Pfarren. Die Caritas der Erzdiözese Wien hatte im November gemeinsam mit mehreren Wiener Pfarren das Projekt "LeO" (Lebensmittel und Orientierung) gestartet; für den symbolischen Beitrag von einem Euro bekommen Berechtigte in neun über die ganze Stadt verteilten Lebensmittel-Ausgabestellen einmal pro Woche Obst, Gemüse, Mehl, Zucker, Teigwaren oder Konservendosen. Gleichzeitig soll das Angebot einer Caritas-Sozialberatung die akute Not der Menschen, die ins "LeO" kommen, auch nachhaltig lindern. Ingesamt beteiligen sich fast 300 ehrenamtlichen Mitarbeitern an dem Projekt, das die Leistungen der Caritas mit dem "Netzwerk der Solidarität" in den Wiener Pfarren verbindet.
Der Kardinal äußerte sich vor dem Hintergrund der steigenden Armut auch froh darüber, dass die Regierung die Mindestsicherung beschlossen habe. Wer meine, hier gehe es um eine "Hängematte", solle einmal in eine Caritas-Beratungsstelle kommen, riet Schönborn.
Befragt zu verheirateten Priestern erinnerte der Wiener Erzbischof, dass er in seiner Eigenschaft als Landes-Ordinarius der byzantinischen Katholiken auch für elf unierte Priester mit Familien zuständig sei. Er sehe deshalb, dass sowohl eheloses als auch in eine Ehe eingebundenes Priestertum eine große Herausforderung sei.
Zölibat nicht schuld an Missbrauch
Der Zölibat sei auf alle Fälle nicht schuld an Missbrauch. Wo Priester Probleme mit der Ehelosigkeit hätten und in Beziehungen lebten, gebe es Aussprachen, und er mache darauf aufmerksam, das "Doppelmoral auf Dauer Unrecht ist, auch für den Partner", so Schönborn.
Der Kardinal bekannte, dass es Missbrauch geistlicher Macht im Verlauf der Kirchengeschichte in verschiedener Form gegeben habe und gebe. Von Jesus her sei die Kirche beauftragt, zu befreien und zu Eigeninitiative zu führen: "Wo dies unterbleibt, ist Reformbedarf".
Im Fall der Gewaltvorwürfe gegen den Vorarlberger Bischof Elmar Fischer wollte sich Schönborn nicht äußern. Tatsache sei, dass in der Pädagogik seit den 1960er- und 1970er-Jahren ein Umdenken in Richtung Gewaltfreiheit und stärkerer Blick auf die Kinder erfolgt sei. Ob etwas - und was konkret - im Verhalten Fischers nicht zu rechtfertigen sei, müsse erst geklärt werden.