Pflegenotstand: "grotesk und menschenverachtend"
Wien, 14.8.06 (KAP) Das Thema "Pflegenotstand" wächst sich zu einem "politischen Skandal ersten Ranges" aus: Dies stellte Luitgard Derschmidt, Präsidentin der Katholischen Aktion Österreich (KAÖ), am Montag anlässlich der "täglich neuen Enthüllungen von Ungeheuerlichkeiten" fest. Es sei "grotesk und menschenverachtend", wenn demgegenüber behauptet werde, es gebe keinen Pflegenotstand, und es handle sich nur um ein "politisches Sommerthema". Das sei die Fortsetzung der "Vogel-Strauß-Politik", die bisher betrieben wurde, kritisierte die KAÖ-Präsidentin.
Während Politiker aller Parteien "sich in bester Wahlkampfmanier zu positionieren versuchen", würden die Betroffenen für die Illegalität ihres Handelns "überfallsartig bestraft". Die Schwarzarbeit im Pflegebereich sei seit einem Jahrzehnt bekannt und seitens der Politik bisher stillschweigend akzeptiert worden, so Derschmidt, die gleichzeitig nicht illegalen Arbeitsverhältnissen das Wort reden wollte.
"Es scheint, als hätten Politik und Sozial-Administration sehenden Auges in Kauf genommen - oder etwa gar darauf gehofft? -, dass Pflegebedürftige und Pflegerinnen im illegalen Raum den anstehenden Pflegebedarf abdecken und niemandem auffällt, dass die Verantwortlichen es verabsäumen, rechtzeitig und vorausschauend zu agieren", so Derschmidt wörtlich. Dies sei jedoch, wie sich jetzt zeige, eine "naive Wunschvorstellung".
Als dringende Sofortmaßnahmen in der jetzigen Situation forderte die KAÖ die Legalisierung sowie den Verzicht auf eine Strafverfolgung der betroffener Personen, um sinnvollen weiteren Maßnahmen und Analysen den Weg zu ebnen. Derzeit aktiven Pflegekräfte müssten geschult, dafür das Ausbildungsangebot ausgeweitet werden. Wichtig seien Anreize für in verwandten Berufen tätigen Personen, in den Pflegedienst zu wechseln.
Langfristig hält die KAÖ gesamtösterreichische Lösungen für unabdingbar; dafür solle es einen Gipfel mit allen Verantwortlichen aus Bund, Ländern und NGOs geben. Detaillierte Erhebungen über den Status Quo und den tatsächlichen Pflegebedarf müssten erfolgen, bundesweite Qualitätsstandards in der Pflege formuliert werden. Derschmidt sprach sich weiters für die Entwicklung eines Angebots für Beratung, Begleitung und psychologische Betreuung von Angehörigen aus. Eine eigene Kampagne für Berufsbilder aus dem Pflegebereich sollte deren Image verbessern.
Entsprechende Pflege ist für die Katholische Aktion "eine Frage der Menschenwürde". Diese zu garantieren sei Aufgabe der Politik. Dazu sei es nötig rechtliche, Rahmenbedingungen für eine qualitätsvolle und finanzierbare Pflege zu schaffen.
Damit eine so wichtige Zukunftsfrage nicht "als Wahlkampfthema missbraucht werden" könne, forderte Derschmidt, anstelle von "unüberlegten Schnellschüssen" noch im September parteiübergreifend einen mit Bund und Ländern abgestimmten Fahrplan festzulegen. Es müsse endlich zu vernünftigen, sachlichen und den Bedürfnissen aller Betroffenen entsprechenden langfristigen Lösungen kommen.