Kardinal Schönborn leitete Dichand-Requiem
Der verstorbene "Krone"-Chef habe das Land Österreich leidenschaftlich geliebt "und oft auch aufgeregt", sagte Schönborn bei der Seelenmesse im Stephansdom. Er sprach auch das Thema Macht an
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Hans Dichand und Kardinal Schönborn |
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Wien (KAP) "Wie gehen wir mit der uns anvertrauten Macht um?": Diese Frage stellt sich nach den Worten von Kardinal Christoph Schönborn nach dem Tod Hans Dichands. Der am 17. Juni verstorbene Herausgeber der "Kronen Zeitung", habe viel Macht gehabt in einer Zeit, da die vierte Macht im Staat - die Medien - oft zur ersten werde, sagte der Wiener Erzbischof am Samstagnachmittag im Wiener Stephansdom beim Requien für Hans Dichand. Die Seelenmesse sei Ausdruck der christlichen Überzeugung, dass der Tod "nicht Ende, sondern Durchgang" sei, und zugleich Aufforderung, für die Seele dieses "großen, aber gewiss auch umstrittenen Österreichers" zu beten, so Schönborn.
Am Trauergottesdienst für den erfolgreichen Publizisten nahmen neben dessen Familie auch Regierungsvertreter mit Bundeskanzler Werner Faymann und Vizekanzler Josef Pröll an der Spitze teil, die Landeshauptleute von Wien, Niederösterreich und dem Burgenland, Nationalratsabgeordnete und zahlreiche Vertreter der österreichischen Medienlandschaft.
Kardinal Schönborn betonte, dass am "Zahltag" beim Tritt vor Gottes Richterthron weder vorangegangene Wahltage noch die öffentliche bzw. veröffentlichte Meinung eine Rolle spielten, sondern die nach Paulus entscheidende Frage für ein geglücktes, gottgefälliges Leben: "Hast du geliebt?" Hans Dichand habe seine Frau, seine Kinder, seinen Beruf und seine Zeitung ohne Zweifel sehr geliebt. Und er habe auch das Land Österreich leidenschaftlich geliebt "und oft auch aufgeregt", wie Schönborn sagte.
Wer Macht habe, sei mehr als andere bedroht, Wesentliches aus den Augen zu verlieren, so der Kardinal. Dichand habe ein gutes Gespür dafür gehabt, dass Religion und Glaube kostbare Sinnressourcen in einer Zeit seien, die diese dringend braucht. Schönborn wies darauf hin, dass der "Krone"-Chef offen für Anliegen der Caritas und Diakonie gewesen sei, und nannte es "nicht selbstverständlich", dass Dichand dem Evangelium in seiner Zeitung allsonntäglich Platz gab: "Hat es die restlichen Seiten der Zeitung durchsäuert?", fragte der Erzbischof in Anlehnung an das Bibelwort von Sauerteig und Brot.
Seit jeher werde für Verstorbene gebetet, "weil sie es nötig haben". Denn jeder müsse Rechenschaft ablegen über die guten und schlechten Taten seines Lebens. Für den Verstorben und "für uns selber" möge gebetet werden, dass das Gute auf der Seelenwaage letztlich Übergewicht habe.
Musikalisch gestaltet war die Seelenmesse nach dem Wunsch der Familie Dichand mit Mozarts Requiem in d-moll als Hauptwerk, beendet wurde sie mit einer Komposition Bachs, die Hans Dichand viel bedeutet habe - mit der Arie "Bleibt, ihr Engel, bleibt bei mir".
Das vordere Drittel des Stephansdoms blieb bei der Feier abgesperrt und wurde durch Security-Mitarbeiter gesichert. Familie, Mitarbeiter und Wegbegleiter Dichands sowie politische Würdenträger hatten hier Zugang, die übrige Trauergemeinde konnte die "offene Messe" im mittleren und hinteren Teil des Doms mit verfolgen.
"Die Zeitung und das Evangelium"
Nachfolgend dokumentiert katholisch.at den Wortlaut der Predigt von Kardinal Christoph Schönborn beim Requiem für Hans Dichand:
Liebe trauernde Familie Dichand! Herr Bundeskanzler, Herr Vizekanzler, Herr Bürgermeister, Freunde, Wegbegleiter, Gläubige oder Suchende (wobei auch Glaubende Suchende sind)!
Wir beten für Hans Dichand. Dazu sind "Seelenmessen". Sie sind keine Heiligsprechungsveranstaltung und auch keine bloßen Gedenkfeiern. Es ist eine Stunde des Gebets für den Verstorbenen, den Menschen, den Christen Hans Dichand. Darin kommt eine tiefe Menschheitsgewissheit zum Ausdruck: Mit dem Tod ist das Leben nicht zu Ende. Es gibt ein Leben nach dem Tod. Diese tiefe Menschheitsgewissheit ist erst in jüngster Zeit, seit etwa 200 bis 300 Jahren, fraglich geworden. Eine der großen Fragen, die es an unsere Zeit zu stellen gilt, ist eben diese: Wieso wurde der Tod zum Ende? Wieso wurde er so verdrängt? Sinngemäß sagte Marianne Gronemeyer: "Die Menschen leben heute kürzer als im Mittelalter. Heute lebt man 90 Jahre und dann ist alles aus. Im Mittelalter dauerte das Leben 30 Jahre und dann die Ewigkeit".
Wir sind hier in einer Seelenmesse. Ich lade Sie ein, für die Seele des verstorbenen Hans Dichand zu beten. Und dabei an den eigenen Tod zu denken und an das, was danach kommt.
Warum wird für die Verstorbenen gebetet, das Messopfer gefeiert? Weil sie es nötig haben. Das wusste die Menschheit von Anbeginn an. Paläontologen sagen: Gewissheit haben wir bei Funden von Knochen, dass es sich um Menschen, um den Homo Sapiens handelt, wenn Grabbeigaben gefunden werden. Der Mensch verscharrt den Kadaver des Toten nicht, sondern bestattet ihn. Weil er an das Leben nach dem Tod glaubt. Die Grabbeigaben bezeugen den Glauben, dass der Verstorbene eine Reise angetreten hat, hinüber in die andere Welt. Die Reise ist gefährlich. Nicht, weil sie an sich gefährlich ist, sondern weil wir gefährdet sind. Denn wir müssen Rechenschaft ablegen.
Ob es das "Rechenbüchel" ist, das der Tod dem "Jedermann" mitzubringen heißt, ob es der "liber scriptus" ist, von dem wir im "Dies irae" gehört haben - in quo totum continetur (in dem alles enthalten ist)! Oder ob es die alte Vorstellung der Seelenwaage ist, die wir auf vorchristlichen und christlichen Darstellungen sehen. Oft sind es dramatische Darstellungen, wenn die Dämonen die Waage der guten Werke durch die ganze Last der bösen Taten als zu leicht nach oben schnellen lassen. Quid sum miser tunc dicturus quando iudex est venturus? (Was werde ich Armseliger sagen, wenn der Richter kommt?)
Wir beten für Hans Dichand in dieser Stunde, dass die Seelenwaage zum Guten hin sich neigt, dass das "parce mihi Domine" (Verschone mich, o Herr), das Mozart so ergreifend komponiert hat, auch ihm gelte. Und wir sind eingeladen, uns selber zu fragen, wie wohl die Waagschalen bei uns sich verhalten werden. Denn eines ist den Alten klar gewesen: Nicht der Wahltag ist der entscheidende Zahltag, sondern die Stunde, in der alles offen liegt, vor dem Tribunal nicht der Medien, nicht der öffentlichen oder der veröffentlichten Meinung. Sondern vor dem völlig "unabhängigen" Richterstuhl Gottes, vor dem nur zählt, wer du bist und nicht als wer du gesehen wirst."
Hans Dichand war ein Liebhaber des Domes von Orvieto. Zusammen mit Ernst Trost hat er darüber und über das Fronleichnamsfest - das dort einen seiner Ursprungsorte hat - einen TV-Film produziert. Besonders fasziniert war er von der Kapelle, die Luca Signorelli ausgemalt hat. Ein "Himmels- und Höllenspektakel" nannte er diese außerordentlich dramatischen Szenen vom Endgericht, wo die Menschen in ihrer völligen Nacktheit dastehen, auferstehen, dem Gericht entgegengehen. "Vom Ende der Zeiten" hieß der Film. Dachte er an sein eigenes Erscheinen vor dem Richterstuhl Gottes? Ich weiß nur aus dem Gespräch mit ihm, dass es ihn fasziniert hat.
Wir sind in dieser Stunde nicht die Richter. Auch wenn in vielen Nachrufen natürlich abgewogen, abgeschätzt und auch geurteilt wird. Wie sieht Gottes Gericht aus? Was zählt? Was wiegt auf der Seelenwaage? Paulus sagt es in der Lesung aus dem Galaterbrief: "Das ganze Gesetz ist in dem einen Wort zusammengefasst: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!" Warnend fügt Paulus hinzu: "Wenn ihr einander beißt und verschlingt, dann gebt acht, dass ihr euch nicht gegenseitig umbringt."
Hast du geliebt? Diese Frage ist die entscheidende bei der Seelenwaage. Sicher hat Hans Dichand geliebt: seine Frau, seine Kinder, seinen Beruf, seine Zeitung, sein Werk.
Die Frage, die sich gleich bei Paulus anschließt: war diese Liebe vom Geist geleitet oder vom Fleisch? Vom Geist lauterer Gesinnung oder vom Geist irdischen Begehrens?
Jetzt, da Hans Dichand seinen irdischen Weg vollendet hat, steht es uns gut an, hier im Bittgottesdienst Gott zu bitten, das Gute in die Waagschale zu legen und das was Versagen, Fehler, ja Sünde gewesen ist, zu vergeben.
Wer Macht hat, ist mehr bedroht, sie auch in fragwürdiger Weise zu verwenden. Hans Dichand hatte viel Macht, in einer Zeit, in der die vierte Macht oft die erste zu werden droht. Das Urteil darüber wird die Historiker der Nachkriegszeit beschäftigen. Heute tut es uns allen gut, die wir noch leben und Verantwortung tragen: Wie gehen wir mit der uns anvertrauten Macht um? Populistisch oder in langfristiger, nachhaltiger Verantwortung. Etwa in der Frage des Umweltschutzes, der Hans Dichand seit langem ein leidenschaftliches Anliegen war. Wie gehen wir mit der "Ressource Sinn" um, von der Jürgen Habermas mit Sorge feststellt, dass sie knapp wird?
Wenn ich in den letzten Monaten schmerzlich erleben musste, wie die größte Religionsgemeinschaft dieses Landes zum Teil fast kriminalisiert wurde (Thema Missbrauch), dann danke ich Hans Dichand, dass er hier ein Gespür dafür hatte, dass Religion, Glaube, Kirche wertvolle Sinnressourcen darstellen, die wir brauchen und dringend brauchen werden. Ich denke, es war weitsichtig, dass Hans Dichand in sozial schwieriger werdenden Zeiten der Caritas und der Diakonie zunehmend positiven Raum gegeben hat. Und ich bleibe dabei: es ist nicht selbstverständlich, dass das Evangelium Woche für Woche einen prominenten Platz in seiner Zeitung hatte.
Hat das Evangelium auch die restlichen Seiten der Zeitung "durchsäuert" und geprägt? Aber wie weit prägt es überhaupt unser öffentliches Leben, vom Parlament bis in die Wirtschaft, von den Medien bis in unseren Alltag? Wichtig ist, dass es zur Sprache kommt, dass es gelesen, gehört wird, und so zur Besinnung und Umkehr mahnt.
Das möge es auch in dieser Stunde tun, in der wir für einen großen, aber auch umstrittenen Österreicher beten. Für ihn, für seine Familie und für unser Land, das er geliebt, oft auch aufgeregt hat. Ein Lieblingsstück wird heute zu hören sein: Bachs Arie "Bleibt ihr Engel, bleibt bei mir". Mit Engelsgesang endet auch der "Jedermann". Davor spricht der Glaube: "Nun hat er vollendet das Menschenlos, tritt vor den Richter nackt und bloß und seine Werke allein, die werden ihm Beistand und Fürsprecher sein. Heil ihm, mich dünkt es ist an dem, dass ich der Engel Stimmen vernehm, wie sie in ihren himmlischen Reihn die arme Seele lassen ein."
Möge dies barmherzige Wort auch für Hans Dichand gelten. Er ruhe in Frieden. Amen.