Vatikan: Öffnung der Archive für Österreich bedeutsam
Vatikanstadt-Wien, 13.9.06 (KAP) Die Öffnung der vatikanischen Archivbestände aus der Zwischenkriegszeit, die am 18. September erfolgen soll, könnte auch neue Aufschlüsse über Österreich bringen. Das hat der deutsche Kirchenhistoriker Hubert Wolf in einem Interview für die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift "Herder Korrespondenz" betont.
Er erwarte sich Aufschlüsse darüber, wie die Rolle von Kardinal Theodor Innitzer, der wegen des Vorwurfs der Zusammenarbeit mit den Nazis nach Rom zitiert wurde, von den vatikanischen Verantwortlichen tatsächlich bewertet wurde. Spannend sei auch die Frage, welche Berichte etwa der Apostolische Nuntius in Wien über die Vorgänge rund um den "Anschluss" nach Rom sandte.
Die Akten der Regierungszeit von Papst Pius XI. (1922-39) würden darüber hinaus ganz generell neue Erkenntnisse über das Verhältnis von Kirche und Faschismus liefern, ist Wolf überzeugt: "Wir wissen schon relativ viel zum Thema katholische Kirche und Faschismus, werden aber jetzt die Chance haben, von der Zentralüberlieferung der römischen Kurie her etwa die gesamte Vorgeschichte der Lateranverträge und damit auch das Verhältnis von Faschismus und katholischer Kirche noch einmal neu buchstabieren zu können".
Das Gleiche gelte auch für die Zeit des Spanischen Bürgerkriegs: Die Rolle der Bischöfe auf Grund ihrer Korrespondenz mit Rom sei zwar bekannt, nicht jedoch, welche Gutachten etwa über die Situation in Spanien an der Kurie angefertigt wurden. Wolf: "Wurde in Rom diskutiert, wie sich die Kirche angesichts der Gewalt von Franco, aber auch der furchtbaren Verbrechen, die gegen Klerus und Nonnen von Seiten der Republikaner verübt worden sind, verhalten sollte?"
Neue Erkenntnisse erwarte er sich weiters auch zur Sudetenfrage oder dem Münchner Abkommen, so der Historiker: "Zugespitzter formuliert: die Totalitarismen des 20. Jahrhunderts aus der Perspektive der römischen Zentrale der Institution katholische Kirche, die selbst mit einem umfassenden Wahrheitsanspruch auftritt".
Hauptsächlich handelt es sich bei den freigegebenen Archivbeständen um Materialien, die im vatikanischen Geheimarchiv und im Archiv der Sektion des Päpstlichen Staatssekretariats für die Beziehungen mit den Staaten aufbewahrt werden. Wolf: "Es werden jetzt die Berichte aller Nuntiaturen, die entsprechenden Gegenüberlieferungen im Staatssekretariat, die im Geheimarchiv befindlichen Akten aller Kongregationen und die Protokolle der internen Diskussionen der Kongregation für die außerordentlichen Angelegenheiten zugänglich".
Er erhoffe sich, so der Historiker, in den Beständen nicht nur Sachakten, sondern auch Sitzungsprotokolle einschließlich interner Geheimgutachten zu finden. In diesen seien nicht selten sogar Äußerungen einzelner Kardinäle verzeichnet.
Schwieriges Pontifikat
Die Amtszeit Pius XI. zählte zu den schwierigsten Pontifikaten des 20. Jahrhunderts. In diese Zeit fallen die außenpolitischen Auseinandersetzungen des Vatikans mit dem faschistischen Italien, Hitlerdeutschland und der stalinistischen Sowjetunion. 1937 veröffentlichte Pius XI. die Enzyklika "Mit brennender Sorge", eine profunde Abrechnung mit dem deutschen Nationalsozialismus. Im gleichen Jahr verurteilte er in dem Lehrschreiben "Divini Redemptoris" den atheistischen Kommunismus.
Bereits 2003 waren die Deutschland betreffenden Akten aus dem Pontifikat von Pius XI. für Forschungszwecke geöffnet worden. Vor Ablauf der üblichen Sperrfrist von 70 Jahren konnten Wissenschaftler die Akten des Staatssekretariats und der Nuntiaturen in München und Berlin aus der betreffenden Zeit einsehen.
Schweigen des Papstes
Wolf betonte, dass die nun neu zugänglichen Akten auch neue Erkenntnisse über Papst Pius XII. (1939-58) bringen werden, der ja von 1917 bis 1929 Nuntius in Deutschland war. Das viel kritisierte vermeintliche Schweigen des Papstes zur Judenvernichtung lasse sich aber nicht ohne die Akten aus seiner Amtszeit als Papst verstehen, so der Historiker. Man könne erst dann wirklich etwas Definitives zur Stellung des Papstes zur Shoah sagen, wenn man die Quellen von 1939 bis 1945 historisch auswerten kann. Wolf: "Ohne die Quellen des Pontifikats von Pius XII. ist es unredlich, hier definitive Aussagen treffen zu wollen. Wenn wir sie nicht für das ganze Pontifikat bekommen, so müssten wir sie zumindest bis 1945 einsehen können. Was hat er wann gewusst, was wurde in der Kurie überlegt?"
Er vermute, so der Historiker weiter, dass der Papst seit den ersten Anzeichen für eine Judenverfolgung, etwa auf Grund des Briefes von Edith Stein im Frühjahr 1933, zwischen zwei Überzeugungen zerrissen wurde: Priorität der Seelsorge einerseits und die Anwaltschaft der Kirche für alle Menschen auf Grund der Einheit des Menschengeschlechts andererseits. Manches spreche dafür, dass sich Pius XII. für die Priorität der Seelsorge entschieden habe.
Bis die notwendigen Akten zur Bestätigung dieser Hypothese vorliegen, werde es aber noch fünf bis zehn Jahre dauern, sagte Wolf. Das liege aber nicht am fehlenden Willen der Verantwortlichen, sondern an praktischen Problemen. "Ich bin mir ziemlich sicher, dass sowohl der Präfekt des Archivs als auch der jetzige Papst entschlossen sind, die Öffnungspolitik weiter fortzuführen. Es gibt keinerlei Restriktionen, die Akten werden professionell zugänglich gemacht", so der Kirchengeschichtler wörtlich.
"Kraut und Rüben"
Als Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des Archivs der Glaubenskongregation kenne er allerdings die Archivsituation relativ genau und wisse um die Probleme: "Viele neuere Archivbestände des Vatikans liegen wie Kraut und Rüben in Schachteln und müssen mühsam geordnet werden". Man habe im Geheimarchiv auch meist keine Inventare. Es gebe oft nur grobe Themenangaben. Wolf: "Dann muss man eben das Material eigenhändig durcharbeiten. Das Spannende ist, dass die vatikanischen Mitarbeiter selbst nicht im Einzelnen wissen, was in den Archiven zu finden ist".
Es brauche Leute, die die Bestände durchgehen, stempeln, paginieren, die Briefe, die zusammengehören, zusammenlegen und binden, "damit nicht alles beim ersten Benutzen wieder auseinander fällt". Bei einem Archiv mit mehr als 85 Regalkilometern Material, in dem die älteren Bestände zum Teil noch gar nicht aufgearbeitet sind, sei dies eben eine "wahnsinnig schwierige Aufgabe".