Nußbaumer Beitritt der Türkei dient Friedenszielen der EU
Salzburg, 18.9.06 (KAP) Ein EU-Beitritt der Türkei ist nach Ansicht des Publizisten, Nahost-Experten und "Furche"-Herausgebers Prof. Heinz Nußbaumer eine ungeheure Friedenschance. Wer als Ziel der EU eine Friedensgemeinschaft sehe, in der möglichst viele Völker in versöhnter Verschiedenheit zusammenleben, werde die Idee einer Teilnahme der Türkei attraktiv finden. Er entspräche auch der Erfahrung der europäischen Kriegsgeschichte, so Nußbaumer am Montag bei der Jahrestagung der "Initiative Christlicher Orient" (ICO) in Salzburg. Schwerpunktländer der bis Dienstag dauernden Tagung sind die Türkei und der Libanon.
Nußbaumer äußerte in dem Zusammenhang Kritik an Aussagen Benedikts XVI. in Regensburg zum Islam, weil sie den Türkei-Besuch des Papstes gefährdeten und sich jetzt auch "viele Türken wieder daran erinnern, dass der frühere Kardinal Ratzinger ja schon eine Vorgeschichte als Gegner eines türkischen EU-Beitritts hat". Schließlich habe der Papst mit der Zitierung des byzantinischen Kaisers Manuel II. Palaeologos "auch noch eine rhetorische Brandfackel in das so heikle Verhältnis zwischen Muslimen und dem orthodoxen Patriarchat von Konstantinopel - als Nachlassverwalter des großen byzantinischen Erbes - geworfen".
"Gegenseitige Schrecken und Angstbilder"
Die Geschichte europäisch-islamischer Begegnung sei "zugegeben voller gegenseitiger Schrecken und Angstbilder, aber auch voller Nähe und Befruchtung", erinnerte Nußbaumer. Es sei Tatsache, dass der Forderungskatalog der EU an Ankara trotz aller Reformbemühungen der vergangenen Jahre auch im religiösen Bereich nach wie vor sehr umfangreich sei: "Nach einem jahrhundertelangen Wechselbad von Toleranz und Unterdrückung ist die Religionsfreiheit trotz aller Regierungsbeschlüsse und Versprechungen noch immer weitgehend lebloses Papier". Dazu komme, dass die Führung in Ankara jede Geste gegenüber ihrer christlichen Minderheit sehr sorgsam auf ihre Auswirkung auf die muslimischen Gläubigen hin abwägen müsse: "Jedes Nachgeben gegenüber christlichem Druck würde die tausendfache Begehrlichkeit der Muslime wecken".
Wenn jedoch in Europa die "Trumpfkarte der christlichen Urangst vor den Muslimen" gezogen werde, dann seien dafür jedoch nicht die Kirchen verantwortlich. Vielmehr zeige sich auch im gegenwärtigen österreichischen Wahlkampf, dass die Verantwortlichen überraschend oft gerade jene seien, "die mit dem Christentum und einem christlichen Europa ideologisch nichts oder nur sehr wenig anzufangen wissen". Der Orientalist Udo Steinbach habe kürzlich gesagt, dass es sein könnte, "dass sich die Verdunstung des christlichen Glaubens einmal als historische Schwäche Europas erweist". Dies sei aber eine Entwicklung "ganz unabhängig von einem EU-Beitritt der Türkei", so Nußbaumer bei dem von der ICO und der ökumenischen Stiftung "Pro Oriente" gemeinsam veranstalteten Vortrag.
Die Kirchen in Österreich seien hingegen "nicht in die allgemeine 'Islamophobie' verfallen", konstatierte der Publizist. Vielmehr hätten sie dem politischen und medialen Sturm "erstaunlich standgehalten". In vielen Wortmeldungen hätten sie deutlich gemacht, dass die EU zwar eine Werte- und Friedensgemeinschaft sei, "nicht aber eine Religionsgemeinschaft und ein christlich-abendländischer Klub".
Den Kirchen gehe es hingegen darum, dass "Christen sich ihrer Glaubensfundamente neu besinnen sollten". Sie hätten aber erkannt, dass sich Christentum und Islam "nicht für politische Grenzziehungen" eigneten: "Würden wir es dennoch versuchen und alte, tragisch umkämpfte Religionsgrenzen neu befestigen, dann wäre Europas Zukunft sicher verdunkelt - mit und ohne ein EU-Mitglied Türkei. Ich hoffe und bete, dass die jüngste Wortmeldung des Heiligen Vaters dabei keine Wende bedeutet", so Nußbaumer.
"Historische Chance"
Der Publizist wies darauf hin, dass Europa mit einer möglichst engen Partnerschaft mit "der - hoffentlich stabilisierten - Türkei" eine historische Chance nützen könnten: "Dass wir nämlich den USA ebenso wie den Muslimen in aller Welt beweisen könnten, dass der Islam eben nicht der unvermeidbare Feind des 'Westens' ist - was immer der abgegriffene Begriff 'Westen' seit 1989 noch wert ist. Wir Europäer könnten - gemeinsam mit der Türkei - beweisen, dass man im Gegenteil mit den Muslimen durchaus eng kooperieren und zusammenleben kann. Der Segen eines solchen geglückten Experiments wären unabsehbar - für den Nahen Osten und weit darüber hinaus". Die vielleicht weltpolitisch heilsamste Erfahrung wäre in diesem Zusammenhang, wenn es den Türken in den kommenden Jahren gelänge, "vor den Augen der Welt den Beweis zu liefern, dass Islam, Demokratie und Modernität sehr wohl zusammengehen".