"Überreaktion ähnlich jener im Karikaturenstreit"
Wien, 20.9.06 (KAP) Als "Überreaktion ähnlich jener im Karikaturenstreit" bezeichnet der Wiener Islamwissenschaftler und Imam Mouhannad Khorchide die Proteste von Muslimen gegen die Rede Papst Benedikts XVI. in Regensburg. Im Rahmen einer "kreuz&quer-spezial"-Sendung unter dem Titel "Der Streit um den Papst" diskutierte Khorchide am Dienstagabend mit dem Grazer Theologen und Ökumeniker em.Prof. Philipp Harnoncourt.
Harnoncourt zeigte sich überzeugt, dass Benedikt XVI. das umstrittene Zitat des byzantinischen Kaisers Manuel II. "mit Bedacht gewählt" hat. Der Papst werde auch gewusst haben, so Harnoncourt im ORF, dass seine Rede, "auch wenn sie im Rahmen einer universitären Vorlesung stattfand, Wort für Wort gehört wird". Auch in einem universitären Vortrag "bleibt der Papst nun einmal Papst", so der Theologe. Über die Proteste zeigte sich Harnoncourt nicht überrascht: "Bereits als ich die Papstworte nachgelesen habe, wusste ich, dass es Proteste geben wird".
Die derzeitige Eskalation sei vor allem als "Impuls" zu verstehen, so Harnoncourt, "um intensiver und mit größerem Ernst als bisher den Dialog mit dem Islam in Angriff zu nehmen". Als eines der größten Probleme des derzeitigen Dialogs bezeichnete der Theologe die "Frage der Repräsentationskraft der Dialoggruppen". Insbesondere auf Seiten der arabischen Muslime bestünden zahlreiche Vorbehalte gegen einen Dialog der Religionen. Diese müssten zunächst überwunden werden, so Harnoncourt, wobei er darauf hinwies, dass es auch von Seiten der katholischen Kirche bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil große Vorbehalte gegen den interreligiösen Dialog gegeben habe. Voraussetzung eines gelingenden Dialogs sei es daher laut Harnoncourt, "Vorurteile zu unterbinden, sich gegenseitig in Respekt zu begegnen" und von Seiten der Theologen und Priester "die Gläubigen zu motivieren, auf den Anderen zuzugehen".
Politische Ursachen der Reaktionen
Auch Khorchide bestätigte, dass er "mit einer Überreaktion ähnlich jener im Karikaturenstreit gerechnet" habe; er betonte jedoch ausdrücklich, dass es sich bei den Eskalationen nicht um den Ausdruck eines religiösen oder theologischen Konflikts zwischen dem Christentum und dem Islam handle. Vielmehr entspringe die Überreaktion einer Politisierung des Islam in Folge der realpolitischen Konflikte im Nahen Osten sowie der "massiven demokratischen Probleme in zahlreichen arabischen Ländern". Die islamische Religion werde in dieser Situation als "identitätsstiftend" und Sicherheit bietend erfahren, jeder Angriff auf den Islam entsprechend als "Angriff auf die eigene Identität".
Weiters betonte Khorchide, der Vortrag Papst Benedikts XVI. sei "an Christen gerichtet gewesen" und dürfe nicht als Ausdruck einer islamkritischen Haltung des Papstes verstanden werden. Seiner Meinung sei das Zitat von Kaiser Manuel aber "unsensibel gewählt in einer unsensiblen Zeit".
"Jihad" ist niemals Angriffskrieg
Zum Begriff des "Jihad", den Papst Benedikt XVI. in seinem Vortrag mit "heiliger Krieg" übersetzte, merkte der Islamwissenschaftler an, dass dieser Begriff einzig die Rechtmäßigkeit der Verteidigung des Glaubens bezeichne. "Wenn der Koran vom Jihad spricht, so spricht er immer nur von einer Verteidigung, niemals von einem Krieg aus politischen, wirtschaftlichen oder gar religiösen Motiven", so die Darstellung Khorchides. Er verurteilte ausdrücklich die Gewalt, die "im Namen des Koran" ausgeübt wird. Diese sei mit den Grundsätzen des Koran nicht vereinbar und stelle eine "illegitime Verkürzung und Manipulation des Koran" dar.
Auch Khorchide betonte, dass der interreligiöse Dialog nicht nur auf der Ebene theologischer Fachdiskussionen geführt werden dürfe. "Er muss auch auf der gesellschaftlichen Ebene stattfinden und die Menschen auf der Straße berühren", so der Imam. Er empfehle daher, "Räume der Begegnung zu schaffen". Dabei müsse man bereits in Kindergärten und Schulen mit gemeinsamen Projekten beginnen, um auf diese Weise den Anderen kennen und respektieren zu lernen.