Theologen von heute müssen "gute Übersetzer" sein
Wien, 25.9.06 (KAP) "Wir Theologen müssen heute in der Debatte um die christlichen Wurzeln Europas vor allem eines sein: gute Übersetzer". Dies betonte der Wiener Kirchenhistoriker Rupert Klieber am Montag im Gespräch mit "Kathpress". Gemeinsam mit dem Wiener Theologen Martin Stowasser hat Klieber ein Buch unter dem Titel "Inkulturation" herausgegeben, in dem sich die Autoren, insgesamt elf Theologen der Wiener Katholisch-Theologischen und der Evangelisch-theologischen Fakultät, der Frage nach dem Verhältnis von Kultur und christlicher Botschaft gestellt haben.
Aus der Perspektive der verschiedenen theologischen Disziplinen habe man sich darin einem "Kernbestand des Christentums" anzunähern versucht, dabei jedoch festgestellt, dass dieser "sich immer inkulturiert, also immer durch den kulturellen Ausdruck vermittelt" wird. Jeder Bezug auf die christlichen Wurzeln Europas müsse daher zugleich den Versuch bedeuten, das "Schatzhaus des Christentums in der europäischen Geschichte in einer neuen Situation zum Strahlen zu bringen". Den Theologen komme dabei die Funktion der "Übersetzer" zu, insofern es nicht darum gehe, "einfach Elemente aus diesem Schatzhaus aufzupolieren", sondern "sie in der Sprache von heute auszudrücken".
Klieber verglich diese Übersetzungsfunktion in die heutige Kultur mit einem Theaterstück: "Es steht zwar auf dem Papier geschrieben, aber wenn es wirksam werden soll, so muss es jede Zeit jeweils neu inszenieren und mit je neuen und anderen Schwerpunkten auf die Bühne bringen". Will sich die Kirche daher aktiv in die Debatte um die Wurzeln Europas einbringen, so sei sie vor allem gefordert, ihre Botschaft heute neu zu "inkulturieren" und damit ihre Bedeutsamkeit "nicht nur im historischen Rückblick" zu beschreiben, sondern sie im aktuellen Zusammenhang aufzuzeigen.
Selbst gewähltes Ghetto oder gestaltende Kraft
Das Christentum stehe daher heute vor einer "Richtungsentscheidung", so Klieber und Stowasser in ihrem neuen Buch. Entweder werde das Christentum in ein selbst gewähltes Ghetto abdriften und in gesellschaftliche Opposition gehen, so die beiden Theologen. Oder aber es gelingt, durch die aktuelle Inkulturation des christlichen Erbes als gestaltende Kraft in gesellschaftliche Prozesse einzugreifen und diese zu gestalten.
Das Buch"Inkulturation. Historische Beispiele und theologische Reflexionen zur Flexibilität und Widerständigkeit des Christlichen" ist im "LIT"-Verlag erschienen. Neben den beiden Herausgebern haben an diesem Buch mitgewirkt: von katholisch-theologischer Seite Roland Faber (Dogmatik), Gerhard Hödl (Religionswissenschaften), Hermann Hold (Kirchengeschichte), Wolfgang Klaghofer (Fundamentaltheologie), Gerhard Marschütz (Moraltheologie), Gunter Prüller-Jagenteufel (Moraltheologie), Michael Weigl (Altes Testament); von evangelisch-theologischer Seite: Markus Öhler (Neues Testament) und Robert Schelander (Religionspädagogik).