Papst zu Missbrauch: Kirche ist sich Schuld bewusst
Angesichts des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen durch Priester rief Benedikt XVI. beim Jahresrückblick zu einer eingehenden Erneuerung der Kirche auf
Image (img2) invalid or missing |
|
Die Erschütterung der Kirche durch den Missbrauchsskandal bildete den thematischen Schwerpunkt im traditionellen Jahresrückblick von Papst Benedikt XVI. Dazu empfing er am Montag in einer Audienz in der Sala Regia des Apostolischen Palastes die Kardinäle und Prälaten der römischen Kurie. Benedikt XVI. sieht einen wichtigen Grund für den Missbrauchsskandal in einem nach 1970 ins Wanken gekommenen Schuldbewusstsein im Blick auf Kindesmissbrauch und Pornographie.Vatikanstadt (KAP)
Angesichts des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen durch Priester rief der Benedikt XVI. zu einer eingehenden Erneuerung der Kirche auf. Vor dem Hintergrund des "unvorstellbaren Ausmaßes" der Fälle müsse sich die Kirche fragen, welche Fehler sie gemacht habe. In der Vorbereitung der Priesteramtskandidaten müsse alles unternommen werden, um künftig zu verhindern, dass jungen Menschen "unter dem Deckmantel des Heiligen" schwerwiegende Verletzungen zugefügt würden, die einen Schaden für das ganze Leben hinterließen, hob der Papst hervor. Er dankte all jenen, die mit großer Hingabe Opfer betreut und ihnen das Vertrauen in die Kirche zurückgegeben hätten. Gleichzeitig dankte er den "viele guten Priestern", die in Demut und Treue ihren Dienst verrichteten.
Die Kirche sei sich ihrer Schuld bewusst; die Missbrauchsfälle in der Kirche dürften jedoch nicht als isoliertes Phänomen betrachtet werden. Benedikt XVI. verurteilte eine allgemeine Verharmlosung von Pädophilie und Pornographie in der Gesellschaft. Es sei ein "erschreckendes Zeichen der Zeit", dass der Markt für Kinderpornographie in der Gesellschaft in mancher Hinsicht immer mehr als etwas Normales angesehen werde. Kinder würden psychologisch ausgebeutet und auf eine Handelsware reduziert. In den Ländern des "Südens" bedrohe der Sextourismus mittlerweile die Menschenwürde einer ganzen Generation.
Die "ideologischen Fundamente" für diese Entwicklung sind nach den Worten des Papstes in den 1970er Jahren gelegt worden. Damals sei Pädophilie verharmlost worden. Dies sei eine "Perversion" gewesen, die mit einer allgemeinen Aufweichung der Moral einhergegangen sei, sagte der Papst.
Sogar bis in die katholische Theologie hinein sei die Relativierung moralischer Maßstäbe damals vorgedrungen. Oft sei die Auffassung vertreten worden, es gebe nichts In-sich-Schlechtes oder -Gutes, sondern nur "Schlechteres" und "Besseres". Alles hänge von den jeweiligen Umständen und Absichten einer Handlung ab.
Der Papst ging auch auf seine Auslandsreisen ein, insbesondere die nach Zypern im Juni sowie jene nach Großbritannien im September. Als weitere Schwerpunkte hob er die Nahostsynode sowie das im Juni abgeschlossene Priesterjahr hervor.
Demokratie braucht moralischen Konsens
In seinen Ausführungen über die Reise nach Großbritannien erinnerte der Papst an die Beobachtungen des französischen Politologen, Historikers und Publizisten Alexis de Tocqueville (1805-59). Tocqueville habe in seinem Hauptwerk "Über die Demokratie in Amerika" betont, dass das demokratische System in dem damals noch jungem Land nur deshalb funktioniere, weil es einen fundamentalen moralischen Konsens gebe, den alle dort vorhandenen Religionsgemeinschaften teilten. Dieser Konsens - so der Papst - sei heute in den Demokratien des Westens in Gefahr. Der aus dem christlichen Erbe kommende Konsens, der sich bewährt habe, drohe deshalb verloren zu gehen, weil statt seiner eine reine Zweckrationalität Platz greife. Deshalb bedürfe es einer erneuten Bewusstmachung dessen, was "das Gute und das Wahre" sei, betonte Benedikt XVI.
Bei seinem Treffen mit Vertretern aus Politik und Kultur in London sei das Bewusstsein für eine gemeinsame Verantwortung für das Gemeinwohl im Vordergrund gestanden, betonte der Papst. Ausführlich legte er die Gründe für die Seligsprechung John Henry Newmans in Birmingham und die fortwährende Aktualität von dessen theologischem Denken dar. Zudem würdigte er die große Gastfreundschaft der orthodoxen Kirche während seines Zypernbesuchs.
Auch wenn die vollständige Gemeinschaft mit den orthodoxen Kirchen noch nicht verwirklicht sei, vereine Katholiken und Orthodoxe die antike Kirche als gemeinsames Fundament, erklärte der Papst. Mit Blick auf seine Reisen nach Malta, Portugal und Spanien sagte Benedikt XVI., diese hätten abermals gezeigt, dass der Glaube lebendig und keineswegs der Vergangenheit angehöre.
Im Blick auf die Nahostsynode von Oktober rief der Papst die Verantwortlichen in Politik und Religion im Nahen Osten auf, die Diskriminierung von Christen zu beenden. Diese seien gegenwärtig die am meisten unterdrückte Minderheit in der Region. Die synodale Bischofsversammlung habe ein großartiges Konzept des Dialogs entwickelt und jede Anwendung von Gewalt im Nahostkonflikt einhellig verurteilt.
Als großen Erfolg wertete der Papst das im Juni zu Ende gegangene Internationale Priesterjahr. Diese Initiative habe das Bewusstsein für die Bedeutung des Priestertums in der katholischen Kirche auch unter jungen Menschen erneuert, sagte Benedikt XVI.
Kardinäle spenden für Irak und Haiti
Der Dekan des Kardinalskollegiums, der frühere Kardinal-Staatssekretär Angelo Sodano, richtete eine Dankansprache an den Papst. Er berichtete u.a. über eine Solidaritätsinitiative seines Kollegiums für die Kirche in Haiti und im Irak. Sie habe 200.000 Dollar (umgerechnet ca. 152.000 Euro) ergeben.
Das Geld war demnach in einer Kollekte während des Konsistoriums zur Berufung von 24 neuen Kardinälen vor einem Monat gesammelt worden. Die Nuntien in Haiti und dem Irak sollen die Spende in Höhe von je 100.000 Dollar an die Bischofskonferenzen der beiden Staaten weitergegeben.