"Gesamteuropäische Strategie" im Umgang mit Muslimen
Wien, 9.10.06 (KAP) Eine "gesamteuropäische Strategie" in der Frage der Integration der europäischen Muslime hat der deutsche Religionswissenschaftler Peter Antes in Wien gefordert. Integration könne nur gelingen, wenn der "innermuslimische Dialog" forciert werde und zu einer "Isolierung der extremistischen Gruppen von innen" heraus führe, sagte Antes bei einem Vortrag im Rahmen des derzeit im Wiener "Kardinal König-Haus" laufenden "Lehrgangs Weltreligionen". Der Religionswissenschaftler plädierte für ein möglichst detailreiches Bild vom Islam und für eine Überprüfung der eigenen Vorbehalte. Die "Wirklichkeit des Islam" sei vielfältiger, als es "das gegenwärtige Bild suggeriert". So fühle sich die "überwältigende Mehrheit der Muslime" ebenso vom Terror "einiger weniger frustrierter Gruppen" bedroht wie alle anderen Menschen.
Auf dem Gebiet der Europäischen Union leben rund 12 bis 14 Millionen Muslime; es sei daher geboten, "einen Modus vivendi zu finden". Man müsse den Muslimen "eine Heimat bieten unter den Bedingungen des Rechtsstaates". Zu diesem Modell gibt es laut dem in Hannover lehrenden Religionswissenschaftler "keine Alternative". Die Integration sei aber nicht länger eine allein nationalstaatliche Aufgabe, sondern müsse europaweit debattiert und forciert werden. Antes: "Entweder es gelingt uns, miteinander zu leben, oder wir werden uns gegenseitig zerstören".
Als zentrales Problem nannte der Religionswissenschaftler in diesem Zusammenhang die Frage der Repräsentation. So habe man auf der jüngsten Islam-Konferenz in Berlin zwar erleben können, dass Vertreter von deutschlandweit etwa 40 islamischen Organisationen und Verbänden zusammenkamen. Diese hätten jedoch nur ein Fünftel der Muslime im Land repräsentiert. In Deutschland seien 58 Prozent der Muslime "völlig säkularisiert", gab der Religionswissenschaftler an. Weitere 22 Prozent ließen sich in die Kategorie "Kulturmuslime" einordnen, die sich zumindest noch an den muslimischen Festtagen und -zeiten orientieren. Lediglich 20 Prozent würden den Islam "ernsthaft praktizieren"; die Zahl der "extremistisch Gesinnten" sei "verschwindend gering".
Das Problem einer Islam-Konferenz wie der in Berlin bestehe daher auch darin, dass sich die Sprecher der Organisationen in Berlin zu Anwälten der Muslime in Deutschland gemacht hätten. Damit seien aber religiöse Anliegen in den Vordergrund gerückt, "die die Mehrheit der Menschen mit muslimischem Hintergrund überhaupt nicht teilt".
Zur Verschärfung der Integrationsfrage habe außerdem beigetragen, dass es in Folge des "Polit-Terrors" zu einer "Gleichsetzung von Islam und Terror" kam und sich somit das europäische Bild vom Islam "verdüsterte und weiter verdüstert". Die entscheidende Wandlung habe das in Europa vorherrschende Bild des Islam erst mit der "islamischen Revolution" unter Ayatollah Khomeini im Iran Ende der siebziger Jahre erfahren. Seitdem sei "das Islambild immer negativer und die Distanz zu den Muslimen immer größer geworden".
Vier Bereiche der Auseinandersetzung
Die Auseinandersetzung mit islamischen Positionen kreise in Deutschland derzeit insbesondere um vier Bereiche, sagte Antes: einen pragmatischen Bereich, zu dem unter anderem die Frage der Gleichbehandlung von Muslimen im Baurecht zählt, den Bereich des Religionsunterrichtes, die Frage der Rolle der Frau sowie die Frage der Religionsfreiheit.
In der Handhabung des Baurechts lasse sich laut Antes ablesen, dass trotz rechtlicher Anerkennung der Gleichheit die administrativen Hürden z.B. beim Bau von Moscheen oft so hoch seien, dass "der Islam allzu oft verbannt bleibt in Fabrikshallen und Hinterhöfe, ohne dass den Muslimen repräsentative Bauten zugestanden werden".
Bei der Frage des Religionsunterrichtes sehe es derzeit in Deutschland danach aus, als werde man sich "nach langem Ringen am österreichischen Modell orientieren" und einen islamischen Religionsunterricht in den öffentlichen Schulen einrichten. Dieser Vorschlag werde von den christlichen Kirchen in Deutschland "ausdrücklich unterstützt". Antes sprach sich dagegen für einen alle Konfessionen und Religionen übergreifenden "religionskundlichen Unterricht" aus. Dadurch wäre "eine bessere Kontrollierbarkeit der Inhalte" gegeben.
Ein traditionelles Frauenbild sei laut Antes zwar weiterhin im Islam zu finden, aber "bei weitem nicht in allen Kreisen der Muslime heute bestimmend". Dennoch sei von den Muslimen in dieser Frage "Anpassung und nicht ein Konvivenz-Modell" gefordert. Gleiches gelte bei der Frage der Religionsfreiheit. Auch hier müssten die Muslime "begreifen, dass sie dulden und tolerieren müssen, wenn Menschen ihrer Religion den Rücken kehren oder gänzlich ohne Religion leben wollen".
Grenzen der Toleranz
Klare Grenzen der Toleranz benannte Antes im Hinblick auf das islamische kanonische Rechtssystem, die Sharia. Es könne keinesfalls hingenommen werden, so Antes, "dass eine Gruppe öffentlich dafür eintritt, die Sharia in Europa einzuführen". Hier müsse der Staat "eine klare Sprache sprechen" und auch in der Ausbildung islamischer Religionslehrer Wachsamkeit zeigen. Eine weitere Grenze der Toleranz stelle das Gebot dar, dass Gewalt "kein Mittel der gesellschaftlichen Auseinandersetzung in Europa" ist.