Weihbischof Krätzl setzt auf Papst Benedikt XVI.
Wien, 16.10.06 (KAP) "Vom jetzigen Papst, der das Zweite Vatikanische Konzil miterlebt und mitgeprägt hat, erhoffe ich mir, dass er nun zu Beginn des dritten Jahrtausends jene Konzilsergebnisse verwirklichen wird, die noch nicht umgesetzt wurden". Dies betont der Wiener Weihbischof Helmut Krätzl in einem Interview mit der katholischen Zeitschrift "Miteinander" aus Anlass seines bevorstehenden 75. Geburtstags. Benedikt XVI. werde die Verwirklichung der noch ausstehenden Konzilsergebnisse "mit aller Vorsicht" angehen, es seien keine spektakulären Ereignisse zu erwarten. Einige Ansätze in der Ökumene und "auch in der stärkeren Betonung der Kollegialität der Bischöfe" zeichneten sich aber bereits ab.
Zugleich erinnerte Bischof Krätzl daran, dass man sehen müsse, wie viel vom Konzil bereits realisiert wurde. Den Jüngeren - "allen Leuten unter 65" - sei gar nicht bewusst, "mit welcher Selbstverständlichkeit sie die Früchte des Konzils genießen". Krätzl verwies in diesem Zusammenhang auf die Erneuerung der Liturgie, das neue Verständnis in der Ökumene, die Möglichkeit des Gesprächs mit den anderen Religionen, neue Ansätze in der Moraltheologie, die neue Sicht in der Lehre über die Ehe. Man sei aber nicht "konsequent weitergegangen", so der Wiener Weihbischof. Die Kirche sei durch die gesellschaftlichen Veränderungen der späten sechziger und frühen siebziger Jahre "ängstlich" geworden und habe ihre neue Position in einer pluralen Gesellschaft noch nicht selbstbewusst gefunden.
Heute bewege die Menschen, wie sie in einer säkularen Gesellschaft Gott finden und mit ihm leben können, unterstrich Bischof Krätzl. Das betreffe auch den Bereich von ehelicher Liebe, auch die große Not zerbrochener Ehen. Er habe den Eindruck, dass die offizielle Lehre der Kirche hier manchmal "an der Lebenswirklichkeit der Menschen" vorbeigehe. Wörtlich stellte Krätzl fest: "Billige Anpassung an den Zeitgeist wäre unverantwortlich. Aber nötig ist eine noch differenziertere Auseinandersetzung mit den Lebensproblemen in einem offenen Dialog mit den Betroffenen, den neuen Erkenntnissen der Theologie und auch der Humanwissenschaften".
Als eine Frage, die ihm sehr am Herzen liege, bezeichnete Krätzl auch die Frage des Priestermangels, der "mit seinen tief greifenden Folgen noch zu wenig erkannt" werde. Zunehmend würden dadurch aber auch in Österreich immer mehr Menschen auf die Feier der Sakramente verzichten müssen. Krätzl verwies auf ländliche Gemeinden, wo nicht mehr jeden Sonntag Eucharistie gefeiert werden könne. Es wäre eine bedenkliche Entwicklung, wenn den Menschen "die tiefste Quelle des Gemeindelebens", die Eucharistie, vorenthalten wird.
Entschieden wandte sich Bischof Krätzl gegen die verbreitete Meinung, dass Glaube und Kirche nicht unbedingt zusammengehören müssen: "Gäbe es keine Kirche, wüssten die Menschen nichts vom Glauben. Ohne Kirche könnte der Glaube nicht verkündigt werden". Wenn sich die Menschen von der Kirche als "liebende Mutter" im Leben begleitet fühlen und zeitnahe Antworten auf ihre existenziellen Fragen bekommen, könnte die Kirche aber bei den Gläubigen wieder "mehr Freude" wecken.
Gerade in schwierigen Zeiten sei man nahezu gezwungen, zu überdenken, "was die Kirche ihrem Wesen nach ist und sein soll". Wörtlich sagte Krätzl in diesem Zusammenhang: "Dieses Wesen der Kirche kommt mir jetzt viel liebenswerter vor, obwohl ich in meiner Jugend von der triumphalistischen Kirche so begeistert war".
Laut Kirchenrecht müsse er nun seine Demission einreichen, kündigte Bischof Krätzl im Hinblick auf seinen 75. Geburtstag an. Wenn sie angenommen wird, sei er dann von einigen offiziellen Verpflichtungen entbunden. Kardinal Christoph Schönborn habe ihn aber bereits wissen lassen, dass er sehr dankbar wäre, wenn Krätzl der Diözese und der Kirche in Österreich weiter zur Verfügung stehen würde.