Staikos übt scharfe Kritik an türkischer Religionspolitik
Wien, 18.10.06 (KAP) Scharfe Kritik an der türkischen Religionspolitik hat der Wiener orthodoxe Metropolit Michael Staikos geübt. In der ORF-Radiosendung "Praxis" erinnerte Staikos an zahlreiche Restriktionen für die christlichen Kirchen, gleich ob es sich um die orthodoxe, katholische oder armenisch-apostolische Kirche handle. Laut Verfassung seien zwar alle Religionen vor dem Gesetz gleich, die Realität sehe aber ganz anders aus. Insofern bewertete der Metropolit den bevorstehenden Besuch von Papst Benedikt XVI. in der Türkei auch als Solidaritätsbesuch mit der christlichen Minderheit im Land.
Konkret kritisierte Staikos etwa, dass den Kirchen nach wie vor keine Rechtspersönlichkeit zugestanden werde und scharfe Restriktionen im Bereich der Ausbildung von Priestern oder Religionslehrern vorherrschen. "Wenn der Ökumenische Patriarch in der Türkei öffentlich im Talar auftreten will, braucht er dazu eine Bewilligung der Regierung, und das im Jahr 2006", so der Metropolit wörtlich. Auch für Reparaturarbeiten an Gotteshäusern brauche es eine Bewilligung der Behörden, auf die man meist zwischen zwei und fünf Jahre warten müsse - "von finanzieller Unterstützung ganz zu schweigen".
Es sei auch bezeichnend, so Metropolit Staikos weiter, dass sich die Führung eines offiziell "laizistischen Staates" wie der Türkei von der "Regensburger Rede" des Papstes derart beleidigt gefühlt habe. Die türkische Regierung habe sich in dieser Causa quasi mit dem Islam identifiziert und den Vorfall für eigene politische Zwecke ausgenutzt.
Wie Staikos betonte, dürfe seine Kritik an der Haltung der Regierung nicht als Ablehnung des türkischen Volkes missverstanden werden. Er hege große Zuneigung zur türkischen Bevölkerung, die zum überwiegenden Teil sehr tolerant sei. In der Geschichte hätten Christen und Muslime meist gut und friedlich zusammenleben können. Er kritisiere aber, so der Metropolit, dass in der Türkei Religion politisch instrumentalisiert werde.
Aufrichtiger Dialog
Nach Ansicht von Metropolit Staikos ist der bevorstehende Papstbesuch nicht nur für die Beziehungen zwischen dem Ökumenischen Patriarchat und der katholischen Kirche von großer Bedeutung. Die Begegnung sollte auch für andere orthodoxeKirchen, die "keine so guten Beziehungen zur katholischen Kirche haben", von Signalcharakter sein. Staikos: "Wir brauchen einen aufrichtigen Dialog im gegenseitigen Respekt". Diesen Dialog müsse man auch verstärkt zwischen den einzelnen orthodoxen Kirchen führen.
Eine deutliche Absage erteilte Metropolit Staikos Aussagen des Wiener russisch-orthodoxen Bischofs Hilarion (Alfejew), der für eine Allianz zwischen Orthodoxie und katholischer Kirche gegen die reformatorischen Kirchen plädiert hatte. Er sei gegen jede Ausgrenzung, so Staikos, gerade in der Welt von heute brauche es das gemeinsame Zeugnis aller christlichen Kirchen.
Besorgt zeigte sich der Wiener Metropolit über einige Tendenzen in der russisch-orthodoxen Kirche. Zum einen halte er die Beziehungen zwischen Kirche und Staat in Russland für zu eng. Er sei zwar gegen eine völlige Trennung von Kirche und Staat, so Staikos, aber genauso auch gegen eine weitgehende Identifizierung. Zum anderen beobachte er mit Unbehangen eine vor allem außerhalb Russlands spürbare "Expansionspolitik" der russischen Orthodoxie. Diese "Expansion" werde mitunter auch vom russischen Außenministerium unterstützt.