Wien: "Kunst gegen das Vergessen" am Judenplatz
Wien, 25.10.06 (KAP) Die Identität Europas kann nur über die Kultur gestiftet werden, weil die Werke der großen europäischen Künstler von Menschen unterschiedlicher Nationalität intuitiv verstanden werden: Das betonte der Direktor des Kunstmuseums Bonn, Dieter Ronte, am Dienstagabend bei der Eröffnung der neuen Wiener Galerie "ArtForum", die sich dem Thema "Kunst gegen das Vergessen" widmen will.
Das "ArtForum" am Judenplatz soll zunächst zur Gänze dem Werk von Adolf Frankl (1903-1983) gewidmet sein. Ronte würdigte ihn als "einen großen österreichischen Maler, den es zu entdecken gilt". Frankl wurde 1944 als Jude nach Auschwitz deportiert und überlebte. Seine schrecklichen Erfahrungen verarbeitete er in dem Zyklus "Visionen aus dem Inferno".
Die Galerie "ArtForum" wird von Adolf Frankls Sohn Thomas und seiner Schwiegertochter Ingeborg geführt. Seit 1993 organisiert das Ehepaar Ausstellungen mit dem Werk Adolf Frankls. In der neuen Galerie sollen zunächst 45 bis 50 Ölgemälde sowie einige Zeichnungen Frankls gezeigt werden. Die getroffene Auswahl aus dem umfangreichen Zyklus "Visionen aus dem Inferno" zeige nicht eine chronologische Abfolge unterschiedlicher Bilder, sondern konzentriere sich in kleinen Werkgruppen auf die künstlerischen Methoden Frankls, wurde bei der Eröffnung betont. Alle sechs, sieben Monate soll eine neue Hängung weitere Bilder aus seinem Schaffen präsentieren. "Insgesamt gibt es rund 150 Ölgemälde und über 500 Zeichnungen von ihm", so Ingeborg Frankl. In welcher Weise man später das Thema der Galerie, "Kunst gegen das Vergessen", weiterführen werde, stehe noch nicht fest.
Adolf Frankl wurde am 12. Februar 1903 als Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie in Preßburg (Bratislava) geboren. Er begann schon in jungen Jahren zu malen und inspirierte sich an Vincent van Gogh. Ein Geschäft für Inneneinrichtung, das er seit 1937 betrieb, wurde 1941 enteignet, als sich der damalige slowakische Staat zum Handlanger der nationalsozialistischen Vernichtungspläne gegen jüdische Menschen machte. Frankl kam zunächst in ein Ghetto im September 1944 wurde er in das Konzentrationslager Auschwitz deportiert. 1945 wurde er befreit und lebte danach in Preßburg. 1949 zog er nach Wien. In den Jahren zwischen 1945 und 1982 entstand neben unzähligen Zeichnungen, Aquarellen und Karikaturen der Zyklus "Visionen aus dem Inferno". "Mit meinen Werken habe ich allen Völkern dieser Welt ein Mahnmal gesetzt", wird der 1983 gestorbene Künstler in der Einladung zitiert: "Es soll niemandem, egal welcher Religion oder politischen Anschauung, dieses oder Ähnliches widerfahren".
Die neue "ArtForum"-Galerie umfasst das Erdgeschoß des denkmalgeschützten mittelalterlichen Hauses Judenplatz 2. An dem Haus befindet sich eine ebenfalls denkmalgeschützte Inschrift mit Bezugnahme zum Pogrom von 1421. In der Übersetzung lautet die Inschrift: "Durch die Fluten des Jordan wurden die Leiber von Schmutz und Übel gereinigt. Alles weicht, was verborgen ist und sündhaft. So erhob sich 1421 die Flamme des Hasses, wütete durch die ganze Stadt und sühnte die furchtbaren Verbrechen der Hebräerhunde. Wie damals die Welt durch die Sintflut gereinigt wurde, so sind durch das Wüten des Feuers alle Strafen verbüßt".
In absurder Weise wurde mit dieser Formulierung der Mord an Juden gerechtfertigt. Eine "antithetische Funktion" dazu hat die "Kiddusch HaSchem"-Gedenktafel der Erzdiözese Wien am Schulgebäude unmittelbar neben dem Holocaust-Mahnmal. Sie war 1997/98 von Kardinal Christoph Schönborn entworfen worden.
Die Ausstellung "Visionen aus dem Inferno" gehörte im Jahre 2000 zum offiziellen Kulturprogramm Österreichs in Rom für das Heilige Jahr. Die "Visionen aus dem Inferno" wurden damals im Chiostro del Bramante - in unmittelbarer Nähe der österreichisch-deutschen Nationalstiftung Santa Maria dell'Anima - gezeigt. Kardinal Schönborn hatte damals eine viel beachtete Eröffnungsansprache gehalten.