Katholisch.at-Rückblick auf Militärseelsorge-Tagung
Wien, 20.10.06 Die Österreichische Militärseelsorge soll zum integrativen Zentrum der europäischen Zusammenarbeit in der Militärseelsorge werden. Dies war die einhellige Meinung der über 100 Teilnehmer bei der Enquete-Tagung des Wiener Instituts für Religoin und Frieden am 18. und 19. Oktober, zu der Militärbischöfe und -seelsorger aus Österreich, Ungarn, Slowakei, Frankreich, Deutschland, Kroatien und Großbritannien angereist waren. Auf einer Pressekonferenz am Donnerstag in Wien betonte daher der Leiter des einladenden Instituts für Religion und Frieden, Bischofsvikar Werner Freistetter: "So sehr die militärische Zusammenarbeit auf europäischer Ebene selbstverständlich ist, so sehr fehlt sie bislang auf der Ebene der Militärseelsorge". Auf diesem Gebiete gebe es laut Freistetter "noch viel zu tun". Als Ort weiterer Zusammenkünfte habe Wien "aufgrund seiner zentralen geographischen Lage und seiner historischen und kulturellen Tradition" großen Zuspruch erhalten.
Säkularisierung in den Streitkräften
Weitere Diskussionspunkte während der Tagung seien insbesondere Fragen der "geistig-religiösen Situation innerhalb der Streitkräfte" gewesen, sowie die sich daraus ergebenden Herausforderungen für eine moderne Militärseelsorge, betonte Freistetter.
Die geistig-religiöse Situation sei auch innerhalb der Streitkräfte durch die Säkularisierung bestimmt, so Freistetter. So gebe es "eine gestiegene kirchliche Entfremdung", die mit einem "gesteigerten Individualismus" einher gehe, der sich im Bereich des Militärs "mit dem Gebot der Einpassung stösst" und nicht selten zu psychischen Problemen führe. In diesen Situationen werde die Person des Militärseelsorgers dennoch auch von kirchenfernen Soldaten "als jemand geschätzt, der aus anderen Ressourcen als den militärischen Vorgaben lebt" und anderes repräsentiere als die militärische Institution.
Weiterhin gehöre die Sorge um die Familien der im Einsatz befindlichen Soldaten zu den für alle Militärordinariate gleichen Herausforderungen. Familien wie Beziehungen stünden "sehr oft unter enormem Druck", so Freistetter, "insbesondere natürlich dann, wenn es vermehrt zu Auslandseinsätzen kommt".
Notwendigkeit ethischer Ausbildung
Mit Nachdruck wies Freistetter auf die Notwendigkeit eines Ausbaus des Angebots an ethischer Ausbildung für Soldaten hin, da die Auseinandersetzung mit Fragen der Gewalt für Soldaten alltäglich sei. "Es bleiben immer die Fragen der Verwundung, der Tötung, des getötet-Werdens", doch gebe es im militärischen Alltag auch die Probleme der "Entfremdung in hierarchischen Strukturen", des "Funktionieren-Müssens und eingepaßt-Seins in Systeme", die durch Fortbildungsangebote und Schulungsmaßnahmen der Militärseelsorge aufgegriffen werden müssten. Auch gehöre es zur Aufgabe dieser ethischen Ausbildungsmaßnahmen, "die Kriterien des Einsatzes militärischer Gewalt zu reflektieren", so Freistetter, gehört es doch "zu den Paradoxien unserer Welt, das Ermöglichung und Sicherung von Frieden mitunter Gewalt notwendig macht". Aus diesen Gründen sei eine "fundierte ethische Ausbildung" der Soldaten unerlässlich.
Aufgabe der Streitkräfte neu überdenken
Die Zusammenarbeit auf europäischer Ebene werde "angesichts der großen Transformationsprozessen, vor denen die europäischen Armeen stehen", sowie aufgrund der "steigenden Anzahl friedenssichernder Einsätze" immer wichtiger, betonte Freistetter. Die Frage der österreichischen Neutralität werde durch diese Einsätze allerdings nicht berührt. Österreich bereite sich vielmehr darauf vor, "solidarische Aufgaben in der Struktur europäischer Verteidigungspolitik zu übernehmen". Im Kontext der "Herausforderung von Friedenserhaltung und Friedensdurchsetzung" müsse daher auf europoäischer Ebene "die Aufgabe der Streitkräfte neu überdacht werden", so Freistetter. Dazu gehöre auch die Frage einer "europäischen Eingreiftruppe" mit "sehr klar definierten Zielsetzungen und Rahmenvorgaben".
Islamische Militärseelsorge
Weiters betonte Freistetter, dass die "wachsende Präsenz des Islam auch für die Militärseelsorge eine Herausforderung darstellt". Derzeit gebe es noch keine islamische Militärseelsorge, doch begrüsse man jede Initiative, "um eine bessere seelsorgerische Betreuung unserer muslimischen Kameraden zu gewährleisten". Derzeit sei es für Soldaten islamischen Glaubens möglich, an den Ausbildungsangeboten der katholischen Militärseelsorge teilzunehmen.
Konkreter Anlass der in der Landesverteidigungsakademie abgehaltenen Tagung war das 50-Jahr-Jubiläum der Katholischen Militärseelsorge in Österreich, sowie das Erscheinen der Apostolischen Konstitution "Spirituali Militum Curae" von Papst Johannes Paul II. vor 20 Jahren.
Webtipp: Militärdiözese