Stadtmission in Brüssel
Stadtmission Brüssel: Spiritualität und Einsatz für Arme untrennbar
Andrea Riccardi, Gründer der Gemeinschaft Sant'Egidio, betont beim Internationalen Evangelisationskongress in Brüssel den inneren Zusammenhang von Glaube und Nächstenliebe
Brüssel, 2.11.06 (KAP) Den tiefen Zusammenhang zwischen "echter Spiritualität" und der "Liebe zu den Armen" hat Prof. Andrea Riccardi, Gründer der Gemeinschaft Sant'Egidio, zu Allerheiligen beim Internationalen Evangelisationskongress (ICNE) im Rahmen der Brüsseler Stadtmission "Bruxelles Toussaint" unterstrichen. Letztlich gehe es um die persönliche Begegnung des einzelnen Christen mit seinen Mitmenschen, betonte Riccardi, der sich vehement gegen "die Abwertung des Almosens" wandte: "Auf der Straße stehen bleiben und einem Bettler ins Gesicht schauen: Das ist eine Begegnung mit den Armen, von der das Evangelium spricht. Das Alte und das Neue Testament sind ein Hymnus auf das Almosen". Das bedeute auf der anderen Seite aber nicht, die gesellschaftliche Verantwortung für gerechtere soziale Strukturen außer Acht zu lassen.
Neben der Armut in der unmittelbaren Lebenswelt habe es das globale Informationszeitalter mit sich gebracht, "dass uns auch die Armen in den fernen Ländern nahe gekommen sind", so Riccardi: "Wir dürfen den Armen in unserer Nähe nicht ausweichen und die Klagen aus der Ferne nicht überhören". Auch wenn man nicht alle Probleme lösen könne, dürfe man grundsätzlich sein Herz nicht verschließen. Alle Menschen seien hier in die Pflicht genommen.
Riccardi erinnerte an die vielfältigen Formen von Armut, an die Situation der Obdachlosen, Behinderten, Kranken, der alten Menschen. Zum Wesen des Christentums gehöre es, allen Armen als Freunde zu begegnen. Dieser Dienst sei auch immer ein gegenseitiges Geben und Nehmen: "Auch wir werden von den Armen unterstützt. Sie erinnern uns an die eigene Schwachheit und Gebrechlichkeit und machen uns auf das Wesentliche im Leben aufmerksam. Und sie werden am letzten Tag für uns eintreten".
Andrea Riccardi gründete noch als Schüler im Jahr 1968 mit einer Gruppe von jungen Leuten die Gemeinschaft Sant'Egidio, die sich für die Armen der Stadt Rom einsetzte. Jeden Abend versammelten sich die jungen Leute in einem leeren Kloster, um gemeinsam das Evangelium zu lesen. In den Vorstädten, den römischen "Borgate", kümmerten sie sich um verlassene Kinder und organisierten Armenausspeisungen. Die Hilfe für Drogensüchtige, Stadtstreicher und Obdachlose kam bald dazu. Medial viel beachteter "Höhepunkt" der Aktivitäten ist das traditionelle Weihnachtsessen für Obdachlose in der Basilika Santa Maria im Stadtteil Trastevere.
Nach eigenen Angaben hat Sant'Egidio weltweit etwa 40.000 Mitglieder in mehr als 60 Ländern. Neben karitativen Projekten setzt sich die Gemeinschaft auch intensiv für den Frieden in der Welt, für die Ökumene und den Dialog mit anderen Religionen ein. So gestaltet Sant'Egidio die alljährlichen interreligiösen Assisi-Folgetreffen.
Wie in Wien
Nach Wien, Paris und Lissabon ist Brüssel die vierte europäische Großstadt, wo die Fragen der Neuevangelisierung in internationalem Kontext (beim ICNE-Kongress) behandelt werden und gleichzeitig eine große Stadtmission stattfindet. Auch aus Wien nehmen Priester und Laien an ICNE-Kongress und Stadtmission teil.
Dompfarrer Anton Faber sagte, beide Städte seien von Säkularität geprägt, aber in ihnen "zeigen sich immer wieder Hoffnungsanker". Die Kirche habe auch "als Licht auf dem Berg in kleinerer Zahl" etwas zu sagen". Der "Samen", der durch diese Initiative der ICNE-Kongresse und Stadtmissionen "gestreut" wurde, habe - so Faber - "Früchte gezeigt". Er erinnerte dabei u.a. an das erfolgreiche Modell der "Langen Nacht der Kirchen".
"Die Situation in Brüssel ist ähnlich wie in Wien, denn junge Menschen, die oft gar nichts mehr mit dem Begriff Kirche anfangen können, entdecken hier wieder den Glauben", berichtete der Wiener Pfarrer Konstantin Spiegelfeld in einem Interview für die Wiener diözesane Website "Stephanscom.at": "Die Menschen haben eine Sehnsucht nach Orientierung".
