Gräber von Judenchristen: Wien als Vorbild für München
München-Wien, 2.11.06 (KAP) Die Wiener jüdisch-christliche Gedenkinitiative zur Instandsetzung der Gräber von Christen jüdischer Herkunft aus der Zeit des Nationalsozialismus wird auch in Deutschland mit großem Interesse verfolgt. Dies berichtete die frühere Generalsekretärin der Katholischen Aktion Österreich, Ruth Steiner, im "Kathpress"-Gespräch nach ihrer Rückkehr von einer Tagung der Evangelischen Stadtakademie München. Unter dem Titel "Von ihren Kirchen verlassen und vergessen?" war es dabei um Wege des Gedenkens an Münchner Christen jüdischer Herkunft gegangen.
Wie die Leiterin der Evangelischen Stadtakademie München, Jutta Höcht-Stöhr, im "Kathpress"-Gespräch betonte, gehe es bei der Münchner Initiative zunächst darum, die in den Archiven lagernden biografischen Details von rund 200 Christen jüdischer Herkunft wissenschaftlich zu bearbeiten. "Bevor wir über ein materielles oder spirituelles Gedenken nachdenken können, muss erst einmal die Geschichte aus den Archiven gehoben werden", so Höcht-Stöhr. Die Münchner Initiative befinde sich noch ganz am Anfang. Die Tagung habe daher insbesondere der Anknüpfung von Kontakten mit potenziellen Kooperationspartnern für die Forschungsarbeit gedient.
Die Wiener Initiative zur Instandsetzung der Gräber jener Christen und Konfessionslosen, die in der NS-Zeit auf dem jüdischen Teil des Wiener Zentralfriedhofs (Tor IV) bestattet werden mussten, läuft seit mittlerweile fünf Jahren und wird getragen vom "Koordinierungsausschuss für christlich-jüdische Zusammenarbeit".
Seit 1999 hatte Ruth Steiner, die selbst jüdischer Herkunft ist und später katholisch wurde, mit dem Wiener Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg Gespräche geführt. Dabei konnte Übereinkunft erzielt werden, in einer gemeinsamen Aktion Wildwuchs zu entfernen und versinkende Grabsteine oder Grabplatten wieder aufzurichten und Gravierungen nachzuziehen.
Auf Anordnung des NS-Regimes mussten ab Oktober 1941 nach der Einführung des so genannten "Judensterns" Verstorbene, die auf Grund der "Nürnberger Gesetze" als Juden galten, auf einem jüdischen Friedhof beigesetzt werden. Dies galt auch für jene, die christlich getauft oder konfessionslos waren. Die Zahl der Bestattungen auf dem jüdischen Teil des Zentralfriedhofs belief sich bis Frühjahr 1945 auf etwa 800.
Zum Abschluss der Sanierungsarbeiten im Gräberfeld wurde im November 2003 in Anwesenheit von Kardinal Christoph Schönborn ein Gedenkstein für die Toten enthüllt. Mittlerweile sind nach Angaben von Ruth Steiner rund 200 Grabsteine saniert, ein Ende des Projekts sei jedoch noch nicht abzusehen.