Wien: 20 Jahre "Gruft"
Wien, 6.11.06 (KAP) Die Tatsache, "dass es in einem wohlhabenden Land wie Österreich Menschen gibt, die kein Dach über dem Kopf haben", nannte der Wiener Caritasdirektor Michael Landau bein einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Sozialstadträtin Renate Brauner "ein Ärgernis und eine Schande". Anlass der Pressekonferenz war das 20-Jahr-Jubiläums der Wiener Obdachloseneinrichtung "Gruft". Das 20-jährige Bestehen der Einrichtung sei zwar "ein Grund, Danke zu sagen", ein Grund zum Feiern sei dies jedoch angesichts der zunehmenden Obdachlosigkeit und Armut nicht.
An den statistischen Daten wie der Menge ausgegebener Mahlzeiten pro Jahr lasse sich ablesen, dass "der Druck auf die Menschen steigt". Im Jahr 2000 seien in der "Gruft" rund 60.000 Mahlzeiten ausgegeben worden, die Anzahl stieg im Jahr 2005 auf mehr als 71.000 Mahlzeiten. Steigende Miet- und Energiekosten veranlassten laut Landau immer mehr Menschen dazu, die Angebote der "Gruft" wahrzunehmen, zu denen neben der Möglichkeit einer warmen Mahlzeit auch ein Übernachtungsangebot sowie ein soziales Betreuungsangebot zählt. "Wir sehen daran, dass der Druck auf die Menschen offensichtlich steigt", so Landau. Die sichtbare Obdachlosigkeit sei dabei "oft nur die Spitze des Eisbergs".
Politik "verweigert Grundrecht auf Wohnen"
Zu der Entwicklung beigetragen habe nicht zuletzt die Liberalisierung des Wohnungsmarktes mit einem "faktischen Abbau des Mieterschutzes und der Abschaffung von Mietobergrenzen". Davon habe man sich eine Senkung der Mieten versprochen, "eingetreten ist aber das Gegenteil", so Landau. So seien die Mieten allein in den Jahren 2001 bis 2005 um 16 Prozent gestiegen. Wohnungslosigkeit habe daher "nicht in erster Linie mit persönlichem Versagen" zu tun, sondern insbesondere "mit mangelndem politischen Gestaltungswillen". Die Politik versage an dieser Stelle und "verweigert vielen Menschen damit das Grundrecht auf Wohnen".
Die Caritas werde sich in Zukunft insbesondere auf zwei Bereiche konzentrieren, so Landau: Zum einen gebe es noch zu wenig Betreuungsangebote für Menschen mit Drogenproblemen; außerdem sei es das "Gebot der Stunde", den mit der Eröffnung des ersten Frauenwohnzentrums in Wien begonnenen Weg weiter zu gehen und den Ausbau von Mutter-Kind-Häusern zu forcieren.
Die Wiener Sozialstadträtin Renate Brauner wies darauf hin, dass die Angebote für Obdachlose laufend ausgebaut würden. So habe die Stadt Wien in Kooperation mit verschiedenen sozialen Partnern allein seit dem Jahr 2004 zehn neue Obdachlosenhäuser eröffnen können. Gemeinsam mit Landau wies Brauner darauf hin, dass Wohnungslosigkeit ein Thema sei, das "jeden von uns treffen kann". "Das geht schneller, als man denkt", so Brauner.