Neuer Gedichtband über die "Kinder vom Spiegelgrund"
Wien, 7.11.06 (KAP) Der heute 72-jährige Alois Kaufmann hat die NS-Euthanasieaktion gegen Kinder und Jugendliche im Psychiatrischen Krankenhaus "Am Steinhof" überlebt. In dem Gedichtband "dass ich dich finde. Kind am Spiegelgrund" drückt Kaufmann, der drei Jahre lang im Pavillon 18 der "Jugendfürsorgeanstalt Am Spiegelgrund" verbracht hat, seine Erinnerungen in Gedichtform aus. Der Band wurde am Montagabend im "Jugendstiltheater" auf dem einstigen "Steinhof"-Gelände vorgestellt. Für den Überlebenden Kaufmann ist es auch heute noch sehr schwer, auf diesem Areal über seine Erlebnisse zu berichten. In seinem Gedächtnis ist das Gelände des heutigen Otto-Wagner Spitals immer noch eine "Mörderanstalt".
Lange Zeit waren die "Kinder vom Spiegelgrund" in Vergessenheit geraten. Auch die Überlebenden haben versucht, ihre Erlebnisse zu vergessen. "Dies ist aber unmöglich. Niemand ist im Stande, solch unmenschliche Behandlung aus seinem Gedächtnis zu streichen", so Hannah Lessing, Generalsekretärin des Nationalfonds der Republik Österreich für die Opfer des Nationalsozialismus. Sie hat sich in den vergangenen zehn Jahren intensiv mit dem Schicksal der "Spiegelgrund"-Kinder auseinander gesetzt.
Über Jahrzehnte hinweg waren die Überlebenden der Euthanasieanstalt "Am Spiegelgrund" offiziell nicht als Opfer anerkannt. Auf die "Kinder vom Spiegelgrund" wurde Hannah Lessing 1996 aufmerksam. Dass den "schlimmen Kindern" während des Nationalsozialismus in den "Jugendfürsorgeanstalten" unendliches Unrecht und Leid zugefügt wurde, ist erst in den letzten Jahren in das Bewusstsein der Öffentlichkeit getreten.
Erst durch das Schicksal des 1934 geborenen Alois Kaufmann, der bereits seit 20 Jahren über seine Erlebnisse publiziert, wurden die "Kinder vom Spiegelgrund" als Opfergruppe anerkannt, so Lessing. Der von Mechthild Podzeit-Lütjen herausgegebene neue Gedichtband ermögliche es nun jedem Interessierten, abseits von trockenen Statistiken das Schicksal der Kinder und Jugendlichen nachzuvollziehen, die in den düsteren frühen vierziger Jahren in das Räderwerk der NS-Vernichtungsmaschinerie gerieten.
Während der NS-Zeit wurden "Am Spiegelgrund" hunderte Kinder und Jugendliche medizinisch missbraucht undwegen der perversen Vorstellungen der NS-"Wissenschaft" ermordet. Vor dem Gebäude erinnern heute 772 Lichtstelen an die 772 hier in den Jahren 1940-1945 ermordeten Kinder und Jugendlichen. (ende)