Katholische Soziallehre "Impulsgeber" für Familienpolitik
Prof. Bertram war einer der Hauptredner beim Symposion "starke.familien.werte", das am kürzlich in Wien auf Initiative des Katholischen Familienverbandes Österreichs (KFÖ) stattfand. Ziel des Symposions, an dem u.a. der Wiener Sozialrechtler und Familienexperten Prof. Wolfgang Mazal sowie den Grazer Sozialethiker Prof. Leopold Neuhold teilnehmen werden, war laut KFÖ die "(Wieder)Entdeckung der Solidarität".
Eine erfolgreiche Familienpolitik bestehe nicht darin, "die Eltern durch Institutionen zu kompensieren, sondern sie zu stützen", so Bertram weiter. Gerade im Bereich der "kleinen Lebenskreise" gebe es ein großes Engagement junger Familien. Dies müsse gefördert werden, wie es etwa die skandinavischen Staaten vormachten. Im Blick auf unerlässliche Rahmenbedingungen betonte der Familienexperte außerdem die Notwendigkeit flächendeckender Ganztagsschulangebote. Bei der Entscheidung etwa zu einem dritten Kind würden solche Angebote einen wichtigen Ausschlag geben.
Zweifel an Steigerung der Geburtenraten
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Skeptisch zeigte sich Bertram in diesem Zusammenhang vor jeglicher Erwartung einer gravierenden Steigerung der Geburtenrate allein durch politische Maßnahmen. Dies sei eine "familienpolitische Illusion", so Bertram, da die Entscheidungen zum oder gegen Kinder sehr individuell gefasst würden. Durch politische Maßnahmen allein sei eine Steigerung der Geburtenrate nur eingeschränkt - etwa von 1,3 Kinder auf 1,7 Kinder - möglich.
Zugleich warnte Bertram vor dem Trugschluss, dass ein religiöses Umfeld ein Garant für hohe Geburtenraten sei. Diese These lasse sich - wie Studien in Deutschland zeigen - empirisch nicht belegen.
Nüchtern betrachtet müsse man feststellen, dass die zeitliche wie finanzielle Belastung der Eltern durch die Betreuungsintensität im Vergleich zur Elternschaft vor wenigen Jahrzehnten deutlich gestiegen sei. Niedrige Geburtenraten seien heute daher laut Bertram "der Preis für die hohen gesellschaftlichen Erwartungen, die heute an Eltern und an die Ausbildung der Kinder gestellt werden".
Zweifel hegt der Familienexperte auch am Instrument einer volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung der Familienleistungen. Eine solche Rechnung habe für Deutschland zwar ergeben, dass die Hälfte des Bruttoinlandsprodukts noch einmal zusätzlich durch die Familien erwirtschaftet werde - offen sei jedoch die politische Verwertung dieser Daten: "Politik ist immer eine Frage von Interessen - und solche Daten können auch sehr unterschiedlich interpretiert und ausgelegt werden", so Bertram.
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| KFÖ-Präsident Clemens Steindl | |
Eine Neuausrichtung der Familienpolitik in Österreich "sollte sich nach den Leitideen der Katholischen Soziallehre richten". Das forderte der Präsident des Katholischen Familienverbandes Österreichs (KFÖ), Clemens Steindl, zur Eröffnung des Symposions. Insbesondere die Prinzipien der Solidarität und der Subsidiarität (Vorrang der Eigenverantwortung) müssten von staatlicher Seite in der Familienpolitik gestärkt werden, so Steindl. "Autonomie statt Bevormundung" laute das Stichwort, zugleich müsse der wachsenden Bedeutung der "kleinen Lebenskreise" stärkere Beachtung geschenkt werden.
Steindl würdigte bei der Tagung die "wegweisende und orientierende Kraft" der Katholischen Soziallehre, die vor 120 Jahren mit der Enzyklika "Rerum novarum" ihren Anfang nahm, gerade auch für die Familienpolitik: Gerade angesichts eines sich laufend verändernden Familienbildes könne eine Rückbesinnung auf Prinzipien der Katholischen Soziallehre Orientierung bieten: "Worauf es ankommt - und da kann die Soziallehre inhaltliche Haltegriffe bieten - ist, das Erforderliche in Eigenständigkeit gemeinsam mit anderen zu tun", so Steindl.
Weiters verwies Steindl auf die - allen demoskopischen Visionen wie auch medialen Darstellungen zum Trotz - hohe Akzeptanz der Familie. Sie sei für viele Menschen ein "Sehnsuchtswert" und werde als Garant von "Verlässlichkeit, Sicherheit und Vertrauen" gesehen. Den gesellschaftlichen Diskurs über Familie dürfe man daher "nicht scheuklappigen Ideologen oder verengten Modernisierern überlassen", es gehe vielmehr um die Balance zwischen einer "immateriellen Aufwertung" der Familien und gerechtfertigen materiellen Unterstützungen durch die öffentliche Hand.
Grazer Sozialethiker Neuhold für "wertorientierte Familienpolitik"
Für eine "wertorientierte Familienpolitik" plädierte beim KFÖ-Symposion der Grazer Sozialethiker Prof. Leopold Neuhold. Familienpolitik müsse sich der Frage stellen, welches "Werterepertoire"
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Sozialethiker Leopold Neuhold |
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gepflegt werden müsse, damit Familie - wie es das Zweite Vatikanische Konzil sagte - "eine Art Schule reich entfalteter Humanität" werden könne.
Leitfaden für eine solche Familienpolitik könne die Katholische Soziallehre sein, stimmte Neuhold Steindl zu. Konkret benannte Neuhold das "Personenprinzip", d.h. die unbedingte Wertschätzung der einzelnen Personen und ihrer Rechte, das "Solidaritätsprinzip", d.h. die Wertschätzung des Beitrags der Familien zum gesellschaftlichen Zusammenhalt, das "Subsidiaritätsprinzip", d.h. die staatliche Unterstützung des Einzelnen zur Ermöglichung von Selbsthilfe, und schließlich das "Gemeinwohlprinzip", d.h. die Schaffung eines Raumes, in dem der einzelne "Mensch mehr Mensch werden" könne.
Kritik an einem heterogenen Familienbild in der Politik übte der Wiener Sozial- und Familienrechtler Prof. Wolfgang Mazal. Es gebe keinen einheitlichen Familienbegriff, das Familienbild in der Politik sei "ein einziges Flickwerk", so Mazal. Sei es im Zivil-, im Haftungs- oder im Sozialen Leistungsrecht: überall würden Familien anders definiert und damit der Beliebigkeit ausgesetzt. Außerdem ortete der Familienexperte ein prinzipielles Negativ-Image der Familien in der Öffentlichkeit: Familienleben würde häufig einseitig als "desaströse Lebensform" im Blick auf die Einkommenssituation, das Verarmungsrisiko und die Belastung der Eltern dargestellt.
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Die Politik rief Mazal auf, sich stärker über das jeweils kommunizierte Familienbild zu vergewissern: "Wir sollten Familien offener verstehen, als auf ein bloßes Vater-Mutter-Kind-Konzept beschränkt, aber auf der anderen Seite Familie auch nicht so weit fassen, dass es beliebig wird". Eckpunkte eines solchen offenen Familienbildes wären laut Mazal die Ermöglichung von Wahlfreiheit und Vielfalt, die Achtung von Diversität, zugleich aber auch die Förderung von Verbindlichkeit in Partnerschaften. "Wir müssen vermitteln, dass es sich lohnt, füreinander generationenübergreifend Verantwortung zu übernehmen", so Mazal.
Wahlfreiheit durch Gutscheinsystem fördern
Bei einer abschließenden Podiumsdiskussion des Familien-Symposions regte der Budgetexperte des Katholischen Familienverbandes Österreichs, Helmuth Schattovits, an, über ein mögliches Gutscheinsystem in der Kinderbetreuung nachzudenken. Dies würde die Wahlfreiheit der Eltern stärken. Wenn Eltern selbst entscheiden könnten, wo sie ihr Kind betreuen ließen, würde sich das schließlich auch positiv auf die Qualität der damit stärker und Druck geratenen Einrichtungen auswirken, so Schattovits.
Er betonte weiters die bei dem Symposion zum Ausdruck gekommene Einigkeit unter den Referenten, dass es eines stärkeren zivilgesellschaftlichen Engagements der Eltern und einer Ermächtigung zur Selbstorganisation bedürfe.
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Neuhold, Steindl, Mazal, Bertram |
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Der Berliner Familiensoziologe Hans Bertram unterstrich in diesem Zusammenhang die Notwendigkeit eines professionellen Vorgehens: Der Wille zum Engagement und zur Bildung von Bündnissen allein genüge nicht, es brauche ein hohes Maß an Kompetenz und Professionalität. Zugleich regte Bertram an, bei der Gründung kleinerer regionaler Bündnisse zur Förderung der Familien auch nach Verbündeten in bestehenden Großorganisationen zu suchen, die häufig über ein offenes Ohr für neue Projekte verfügten.
Im Blick auf die breite Varianz von Familienbildern betonte Bertram, er gehe nicht davon aus, dass sich ein neues, einheitliches Familienbild herausbilden werde. "Wir müssen wohl lernen, mit den Spannungen und Unterschieden zu leben."
Auch Mazal unterstrich, dass es nicht das Ziel sei, eine "homogene Vorstellung von Familie" zu schaffen. Dies entspreche auch nicht der österreichischen gesellschaftlichen Realität, die gerade im Blick auf die Familienbilder "stark ideologisch gespalten" sei. Ein Ziel der Familienverbände wie etwa des KFÖ müsse es dagegen sein, stärker die Werbetrommel dafür zu rühren, dass Vielfalt geschätzt und gefördert werde. "Das wäre ein kleiner Heilungsakt, der auch vom Katholischen Familienverband ausgehen könnte", so Mazal.
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