"Im Dialog auf Wesentliches konzentrieren"
Wien, 16.11.06 (KAP) Für einen christlich-muslimischen Dialog, der sich "aufs Eingemachte" konzentriert, hat der Wiener Politikwissenschaftler Prof. Heinrich Schneider plädiert. Schneider sprach in Wien bei einer Diskussion zum Thema "Der christlich-muslimische Dialog: Erfahrungen und Probleme"; zu der Veranstaltung hatte die Gesellschaft für Politisch-Strategische Studien geladen. Unter dem "Eingemachten" seien insbesondere die jeweiligen zentralen Glaubensüberzeugungen zu verstehen, insofern diese "für das Zusammenleben eine grundlegende Bedeutung haben", so Schneider.
Auch die Haltung der Dialogpartner zu Fragen der Menschenwürde und Menschenrechte müsse zum Kern eines jeden aufrichtigen Dialogs gezählt werden, so Schneider. Dabei gelte für Christen, dass die Menschenwürde "als Quellgrund der Menschenrechte ein heiliges Anliegen" darstelle. Zwar kenne auch der Koran die Idee der Menschenwürde, doch sei diese nicht ohne weiteres mit der westlichen Vorstellung kompatibel, so Schneider.
Der Dialog unter "ernsthaft Gläubigen" sei letztlich "unersetzlich", weil "Ungläubige" aus der Perspektive des Islam für einen solchen Dialog "kaum in Frage kommen", so Schneider weiter. Daher bedürfe es einer "großen Vertrautheit mit der Denkwelt der je anderen", nicht zuletzt, um eine "selektive Verwendung von Koranzitaten" zu vermeiden.
"Europäisierung des Islam kontraproduktiv"
Ausdrücklich sprach sich Schneider gegen die u.a. vom Göttinger Politikwissenschaftler Bassam Tibi initiierte Rede von einem "europäischen Islam" aus. Der Versuch einer "Europäisierung des Islam" sei dort "kontraproduktiv", wo er die in Europa lebenden Muslime unter den Druck einer Anerkennung von Menschenrechten und Demokratie setze, so Schneider. Ein ernsthafter Dialog würde stattdessen auf ein "überzeugtes Ja" zu Menschenrechten und Demokratie drängen, anstatt eine "nur pragmatische Hinnahme" und Anerkennung zu verlangen. Zwar gebe es bereits Ansätze hierzu im islamischen Denken, so Schneider, doch stünden diese angesichts der politischen Auseinandersetzungen zwischen muslimischer und westlicher Welt "derzeit nicht hoch im Kurs".
Ernsthafter Dialog ist unaufgebbar
Trotz vielfältiger Probleme wie beispielsweise "von islamistischer Seite verbreiteten Feindseligkeiten" sei der Versuch eines gegenseitigen Verstehens in einem ernsthaften Dialog "letztlich unverzichtbar", so Schneider. Es liege dabei insbesondere an den Christen, den muslimischen Dialogpartnern verständlich zu machen, warum die Christen "den Einsatz für Menschenwürde und Menschenrechte als religiöse Pflicht" betrachten.