Vatikan-Urteil zu Medjugorje "nicht absehbar"
Im Mittelpunkt der Untersuchungen sollen nicht so sehr die Marienerscheinungen, die angeblich vor 30 Jahren begannen, stehen. Der Schwerpunkt solle auf dem geistlichen Leben in dem Ort sowie in der seelsorglichen Betreuung der Pilger liegen
Image (img2) invalid or missing |
|
|
St. Jakobus-Kirche, Medjugorje |
|
Rom-Sarajevo, 15.06.2011 (KAP) Ein offizielles kirchliches Urteil über die angeblichen Marienerscheinungen von Medjugorje ist nach Einschätzung von Kardinal Camillo Ruini gegenwärtig nicht absehbar. Von einem solchen Schritt sei man noch weit entfernt, sagte Ruini, der die vatikanische Untersuchungskommission für den Wallfahrtsort in Bosnien-Herzegowina leitet, am Dienstag am Rande einer Pressekonferenz in Rom.
Nähere Angaben machte Ruini unter Hinweis auf seine Verschwiegenheitspflicht nicht. Der frühere Vorsitzende der Italienischen Bischofskonferenz war gefragt worden, ob angesichts des bevorstehenden 30. Jahrestages der ersten angeblichen Marienerscheinungen am 24. Juni 1981 möglicherweise mit einer offiziellen Bewertung der Kommission zu rechnen sei.
Die aus insgesamt 13 Kardinälen, Bischöfen und Sachverständigen bestehende Kommission war von Papst Benedikt XVI. eingesetzt worden. Im März 2010 nahm sie ihre Arbeit auf.
Im Mittelpunkt der Untersuchungen sollen nach vatikanischen Angaben nicht so sehr die Marienerscheinungen selbst stehen. Der Schwerpunkt solle auf dem geistlichen Leben in dem Ort sowie in der seelsorglichen Betreuung der Pilger liegen.
In Medjugorje soll seit dem 24. Juni 1981 bis zum heutigen Tag regelmäßig Maria erscheinen. Sechs Jugendliche berichteten damals, die Gottesmutter habe sich ihnen auf einem Berg gezeigt. Nach Angaben der Seherinnen und Seher - Vicka Ivankovic, Mirijana Dragicevic, Marija Pavlovic, Ivan Dragicevic, Ivanka Ivankovic und Jakov Colo - gibt Maria jedem von ihnen weiterhin privat regelmäßig Botschaften. Eine öffentliche Zurschaustellung des Visionsempfangs in einer Kirche wurde aber von den Bischöfen untersagt.
Trotz expliziter Kritik und Skepsis seitens mancher Bischöfe und Kardinäle - namentlich Kardinal Jose Saraiva Martins - pilgern jedes Jahr pilgern Hunderttausende Menschen nach Medjugorje, unter ihnen viele Kranke und Heilungsuchende. Ende Dezember 2009 stattete auch Kardinal Christoph Schönborn Medjugorje einen mehrtägigen Besuch ab.
Jahrzehntelange Untersuchungen
Um die Pilgerseelsorge in Medjugorje hat es immer wieder Kompetenzstreit zwischen Franziskanern, ehemaligen Franziskanern, charismatischen Gruppen und dem Ortsbischof gegeben. Der Franziskanerorden, der Ortsbischof und der Vatikan haben wiederholt versucht, mit Disziplinarmaßnahmen ordnend einzugreifen.
Bereits 1983 hatte sich der damalige Ortsbischof, Pavao Zanic von Mostar, Hilfe suchend an die Glaubenskongregation unter Leitung von Kardinal Joseph Ratzinger gewandt und sich dort überaus skeptisch zu Medjugorje geäußert. Die diözesane Untersuchungskommission kam 1986 zu dem Ergebnis, dass es sich nicht um eine übernatürliche Erscheinung handle. Auch vertrat sie die Auffassung, dass weitere Untersuchungen nicht nötig seien und das offizielle Urteil der Kirche gefällt werden könne.
Zanic informierte die Bischofskonferenz, den Vatikan und die Öffentlichkeit über die Ergebnisse. Auf Empfehlung der Glaubenskongregation musste aber dennoch eine dritte Untersuchungskommission eingesetzt werden. Sie führte zu der Erklärung der Jugoslawischen Bischofskonferenz von 1991, in der es heißt, es stehe nicht fest, dass die Vorgänge übernatürlich seien.
Bereits im Jahr davor, im August 1990, hatte Kardinal Ratzinger erklärt, dass offizielle Wallfahrten nach Medjugorje, die mit dem übernatürlichen Charakter der Erscheinungen begründet würden, verboten seien. Die Bischofskonferenz hob aber hervor, dass dennoch die Notwendigkeit der seelsorglichen Betreuung der Pilger bestehe. Die römische Glaubenskongregation hat diese Leitlinien prinzipiell bestätigt. Auch der frühere Nuntius in Belgrad (und spätere Nuntius in Wien), Erzbischof Michele Cecchini, stand den Erscheinungen skeptisch gegenüber.
Verschärfte Auseinandersetzung
1993 wurde dann Ratko Peric Bischof in der Diözese Mostar. Die innerkatholische Auseinandersetzung um Medjugorje hat sich seither verschärft. 2009 musste ein prominenter Verfechter der Marienerscheinungen von Medjugorje, Tomislav Vlasic, den Franziskanerorden verlassen und wurde als Priester suspendiert. Nach Angaben von Peric reagierte der Vatikan damit auf Vorwürfe schwerer sexueller Verfehlungen, schweren Ungehorsams, der Verbreitung von Irrlehren und der Manipulation. Vlasic soll Vater eines Kindes sein, als dessen Mutter eine Ordensfrau bezeichnet wird. Einige Jahre zuvor hatte es bereits Aufregungen um den - neben P. Vlasic - "zweiten Mann" der "Medjugorje-Szene", P. Jozo Zovko, gegeben. Zovko war damals untersagt worden, im Washingtoner "National Shrine of the Immaculate Conception", dem katholischen Nationalheiligtum der USA, eine Messe zu feiern.
Der Konflikt um Medjugorje hat tiefe historische Wurzeln. Sie reichen bis ins 15. Jahrhundert zurück. Als die Herzegowina osmanisches Territorium geworden war, zerschlugen die Behörden des Sultans die kirchliche Struktur, weil ständig die Befürchtung herrschte, die benachbarte Republik Venedig könnte mit Hilfe der Kirche Aufstände entfachen. Als katholische Seelsorger wurden von den Osmanen ausschließlich die Franziskaner zugelassen, denen keine politischen Kontakte nach Venedig unterstellt wurden. So blieb es bis zum Jahr 1878.
Die neue österreichische Verwaltung ab 1878 stellte die kirchliche Struktur wieder her. Schon damals zeigte sich aber die Schwierigkeit, die Franziskaner in die wiederhergestellte kirchliche Struktur mit Diözese und Pfarrgemeinden zu integrieren. Daran hat sich bis heute nichts geändert.
Schönborn für "Entdramatisierung"
Kardinal Schönborn plädierte nach seinem letzten Besuch in Medjugorje über den Jahreswechsel 2009/2010 für eine "Entdramatisierung" der Debatte um die "Echtheit" der Erscheinungen. Mittlerweile sei die Echtheitsfrage im Vergleich zu den sozialen Werken, die in Medjugorje entstanden sind - darunter die Gemeinschaft "Cenacolo" für drogenabhängige Jugendliche - nicht mehr vorrangig.
Für ihn gehe es in Medjugorje nicht so sehr um die "Erscheinungen", sondern vielmehr darum, dass das Dorf so etwas wie eine "Schule des normalen christlichen Lebens" sei, so Kardinal Schönborn: "Es geht um den Glauben an Christus, um das Gebet, um die Eucharistie, um gelebte Nächstenliebe, um das Wesentliche im Christentum, um die Stärkung im christlichen Alltagsleben."
Schönborn verteidigte zudem Medjugorjes Wunsch nach Anerkennung als Wallfahrtsort. Viele Aspekte träfen zu, die der "Grammatik der Marienerscheinungen" entsprechen: Es handle sich um eine arme Gegend, deren Bewohner aber sehr religiös sind. Die Visionen seien - wie in Lourdes oder Fatima - Kindern zuteil geworden und es handle sich um ganz einfache Botschaften, die aber den Kern des Evangeliums betreffen.
Marienerscheinungen
Marienerscheinungen werden seit dem 18. Jahrhundert zu den "Privatoffenbarungen" gezählt. Als solche werfen sie große theologische Probleme auf, da Gottes Offenbarung nach klassischer Lehre mit dem Tod des letzten Apostels an ihr Ende gekommen ist.
Das kirchliche Lehramt trennt daher scharf zwischen Offenbarung und Privatoffenbarungen. Letztere können nach katholischer Lehre die ursprüngliche Offenbarung nur in Erinnerung rufen, erklären oder aktualisieren. Auch steht es laut Weltkatechismus jedem Katholiken frei, an solche Privatoffenbarungen zu glauben oder eben nicht - auch wenn die Kirche sie als gesichert ansieht.