Asyl: Kritik an "Alibi-Gutachten" über Traumatisierte
Wien, 4.12.06 (KAP) Auf "Alibi-Gutachten" von teilweise "skandalösem Niveau", denen traumatisierte Flüchtlinge in Österreich oft ausgesetzt sind, haben Vertreter der Hilfsorganisationen "Hemayat" und "Aspis" kritisiert. Der grundsätzlich im Asylgesetz verankerte Schutz für Traumatisierte sei in der Praxis oft nicht gegeben, sagte der Psychologe Prof. Klaus Ottomeyer von der Universität Klagenfurt am Montag bei einer Pressekonferenz in Wien. Dem Innenministerium und dem Bundesasylamt seien die Missstände seit längerem bekannt, reagiert worden sei darauf seitens der Behörden bisher jedoch nicht.
Ottomeyer zitierte als Beispiel aus einem Gutachten, das bei einem Zulassungsverfahren im Flüchtlingslager Traiskirchen die Grundlage für die Entscheidung der Behörden bildete: Nach einem einstündigen Gespräch mit einer tschetschenischen Frau, deren Mann verschleppt wurde und die selbst Opfer einer Vergewaltigung wurde, attestierte der Gutachter auf einer knappen A4-Seite "mangelnde emotionale Involvierung", die gegen das Vorliegen eines Traumas spreche - obwohl die Betroffene über ihre Suizidgedanken gesprochen habe. Ottomeyer nannte es "unglaublich", wie inkompetent und "lieblos" manchmal über Leben und Tod entschieden werde.
Im Mittelpunkt der Pressekonferenz standen Menschen, die vom "Verschwinden-Lassen" betroffen sind. In Tschetschenien - woher die derzeit größte Anzahl an österreichischen Asylwerbern kommt - seien Entführung und Verschwinden lassen inzwischen zu einem einträglichen Geschäftszweig geworden, berichtetet Ottomeyer. Militärische Verbände - auch jene der Moskau treuen "Marionettenregierung" - kassierten von den Angehörigen der Verschleppten oft hohe Lösegelder; für Leichname seien diese oft sogar noch höher als für Lebende, denn in der tschetschenischen Kultur habe die Beerdigung nach tradierten Riten einen besonderen Stellenwert. Wie der Psychologe betonte, seien oft nicht nur unmittelbar von Folter und Willkür Betroffene traumatisiert, sondern auch deren Angehörige; gelinge diesen die Flucht nach Österreich, dürfe es ihnen gegenüber durch oberflächliche Gutachten nicht zu einem "Missbrauch des Expertentums" kommen.
"Ohne jede Spur ..."
Die Klagenfurter Psychotherapeutin Barbara Preitler von "Hemayat" bietet Flüchtlingen seit mehr als zehn Jahren therapeutische Hilfe. Ihre Erfahrungen mit Opfern des "Verschwinden-Lassens" hat sie jetzt im Buch "Ohne jede Spur..." (Psychosozial-Verlag, Gießen 2006) geschildert, das bei der Pressekonferenz präsentiert wurde. Diese Menschenrechtsverletzung beraube die Opfer selbst ihrer Existenz und lasse die Angehörigen in einer Ungewissheit zurück, "die jede weitere Entwicklung behindert", sagte Preitler. Sie berichtete von der Betreuung einer aus dem arabischen Raum stammenden Frau, die gemeinsam mit ihrem Mann vor acht Jahren verhaftet und gefoltert wurde. Sie selbst wurde dann wieder freigelassen, nicht so ihr Mann, von dem sie seither nichts mehr gehört hat. Die Betreffende lebe als anerkannter Flüchtling mit ihrer Tochter in Österreich, habe beruflich wieder Fuß gefasst und wirke wie ein gelungener Fall von Integration. Doch die Vergangenheit spiele nach wie vor eine enorme Rolle, so Preitler: Der Tochter lügt die Frau seit Jahren vor, ihr Vater werde vom Heimatland bald nach Österreich kommen, ihren Freund, der sie heiraten möchte, hält sie mit Ausreden immer wieder hin.
Mit psychotherapeutischer Begleitung sei es in diesem und ähnlichen Fällen möglich zu helfen, das Leben trotz des erlittenen Verlustes gestalten zu können, sagte Preitler. Und das nicht nur in Österreich: In Kooperation mit einer NGO in Sri Lanka hat die Universität Klagenfurt unter der Federführung Preitlers eine Ausbildung für psychosoziale Begleitung auf dem Inselstaat eingerichtet. Sri Lanka sei in besonderer Weise von plötzlichem Verschwinden von Personen betroffen, erzählte die Psychotheraputin: Ende der 80-er Jahre seien im Zuge des jetzt erneut aufgeflammten Bürgerkriegs zwischen Singhalesen und Tamilen Zehntausende verschwunden, die Tsunami-Katastrophe von 2004 habe erneut Tausende aus dem Leben gerissen, die im Meer oder in Massengräbern "verschwanden". Den Folgen werde jetzt durch die psychologische und kulturübergreifende Ausbildung von "Trauma Counsellors" begegnet.
Martin Schenk von "Hemayat" erneuerte die Forderungen, die seine Hilfsorganisation seit längerem erhebt: Folterüberlebende dürften nicht in Schubhaft genommen werden; nur entsprechend ausgebildete Experten sollen Gutachten erstellen; Abschiebungen in andere Länder sollten nur bei entsprechender Möglichkeit zur Folgebehandlung durchgeführt werden dürfen.
Der Verein "Hemayat" hat 2005 insgesamt 507 Personen aus 40 Ländern psychotherapeutisch betreut. Das Forschungs- und Beratungszentrum "Aspis" betreute im vergangenen Jahr insgesamt 171 Klienten.