Glaube und Wissenschaft in "Gesinnungsverwandtschaft"
Wien, 15.12.06 (KAP) Eine "tiefe Gesinnungsverwandtschaft" zwischen Theologie und Naturwissenschaft sieht der Münchener Theologe Prof. Bertram Stubenrauch. Bei einem Symposion über "Naturwissenschaft und Glaube" im Wiener Kardinal-König-Haus sagte der Theologe, der seit diesem Jahr in München lehrt, die Verwandtschaft bestehe im beiderseitigen "Streben nach Wahrheit und Erkenntnis". Weiter sei beiden Wissenschaften gemeinsame eine "Ernsthaftigkeit und intellektuelle Redlichkeit", mit der sie sich den Fragen von Wahrheit und Erkenntnis annähern.
"Konvergenzen" zwischen Theologie und Naturwissenschaft gebe es auch im Blick auf die "beiderseitige argumentative Begründungspflicht" sowie die "Widerspruchsfreiheit der getroffenen Aussagen". Auch zeigt sich das Nahverhältnis der beiden Wissenschaften laut Stubenrauch im Blick auf die "Kommunizierbarkeit". So würden sich selbst die Naturwissenschaften heute einer "geradezu poetologischen Sprache" bei der Erklärung ihrer Forschungsergebnisse bedienen. Eine strikte Trennung von Naturwissenschaften und Glaube sei daher "nicht zulässig". Gott sei eine auch "naturwissenschaftlich vertretbare Denkoption".
In seinem Vortrag plädierte der Theologe für eine "Erweiterung des Vernunftbegriffs" von einer "bloß richtenden und urteilenden Vernunft hin zu einer 'vernehmenden Vernunft'". Unter "vernehmender Vernunft" sei laut Stubenrauch eine "prinzipielle Offenheit den Phänomenen gegenüber" zu verstehen, zu der sich auch die Naturwissenschaften verpflichten sollten. Damit nehme der Naturwissenschaftler eine Haltung ein, die die eigenen Forschungsergebnisse als vorläufig einstuft, "immer mit dem Blick auf den größeren Horizont".
Weiters regte Stubenrauch an, dass die Naturwissenschaften auch die Methode der "Retroduktion" nicht von vornherein ausschließen dürften. Darunter sei eine Reduktion der Komplexität auf einfachere Denkmodelle zu verstehen, so Stubenrauch. Diese Modelle hätten den Vorteil, dass sie "auch das Größere im Blick haben". Als Beispiel nannte Stubenrauch die Evolutionstheorie: Die Annahme eines Schöpfergottes sei "im Rahmen eines Modells vernehmender Vernunft durchaus vernünftig", um so in der Komplexität der wissenschaftlichen Forschung nicht den "Gesamtzusammenhang aus dem Auge zu verlieren".
Die Kriterien eines "gegenseitig befruchtenden Verhältnisses" zwischen Naturwissenschaft und Glaube sind laut Stubenrauch die "Vermeidung von Grenzüberschreitungen" zwischen beiden Disziplinen, die klare Scheidung von "Sachwissen" im Bereich der Naturwissenschaften und "Sinnwissen" im Bereich von Theologie und Glaube sowie die Bereitschaft zu "Dialog und gegenseitiger Ergänzung". Neben Prof. Stubenrauch kamen bei dem vom Religionspädagogischen Institut der Erzdiözese Wien, dem Kardinal-König-Haus, den Wiener Theologischen Kursen und der Buchhandlung "Herder" ausgerichteten Symposion Prof. Dieter Meschede (Institut für Angewandte Physik der Universität Bonn) und Prof. Annette Beck-Sickinger (Institut für Biochemie der Universität Leipzig) zu Wort, die jeweils zu Fragen der Grenzziehung zwischen Natur- und Geisteswissenschaften referierten.
Prof. Bertram Stubenrauch, geboren 1961, lehrte von 1996 bis 2000 an der Universität Trier Dogmatik und Dogmengeschichte. Von 2000 bis 2006 war er Professor für Dogmatik und Ökumenische Theologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien. Seit diesem Jahr ist er Ordinarius für Dogmatik und Ökumenische Theologie an der Universität München. Außerdem ist er Direktor des Ökumenischen Forschungsinstituts der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität München.