Familienbischof: von kinderarm zu kinderreich
Wien-St. Pölten, 19.12.06 (KAP) "Jene, die keine Kinder haben, sollten ihren Teil beitragen, um kinderreichen Familien die Zukunft zu sichern": Mit diesen Worten plädierte "Familien-Bischof" Klaus Küng am Dienstag in einem "Kurier"-Interview für eine finanzielle Umverteilung zu Gunsten kinderreicher Familien. Diese Familien seien "in einer doppelt schwierigen Lage", so Küng. Ihre Einnahmen seien oft gering, die Ausgaben aber hoch. Wer viel kaufen müsse, zahle auch viele Steuern.
Auch beim zuletzt viel diskutierten Thema Grundsicherung brach der Bischof eine Lanze für die Familie: "In verschiedenen Situationen stellt eine Grundsicherung eine wichtige Grundlage dar, zum Beispiel das Kinderbetreuungs- oder das Pflegegeld. Das sollten Rechte sein. Ich denke, die Entwicklung sollte in diese Richtung gehen". Sich der Familie zu widmen, sei eine wichtige Leistung für die Gesellschaft. Ab drei Kindern in einer Familie müsste das besser vergütet werden, forderte Küng, etwa durch die Anrechnung der Kindererziehungszeiten für die Pension und durch Zuwendungen für die Betreuung.
Zur Debatte um die Sonntagsöffnung meinte Küng, Österreich solle nicht nur als Wirtschaftsland konkurrenzfähig sein, sondern auch als "Land der Humanität": "Es heißt zwar, Geld regiert die Welt, aber es gibt auch andere Werte". Der Sonntag stelle als Tag der Heiligung und der Familie einen hohen Wert dar. Er stamme als Vorarlberger selbst aus einem Tourismusland und "kenne die Auswirkungen, wenn der Sonntag kaum existiert". In vielen Berufen sei Arbeit am Sonntag nicht vermeidbar, wie er als früherer Arzt wisse. "Aber man sollte daraus nicht schließen, dass es für alle gut ist", so Küng.
Hohen Bedarf für Orientierungshilfen ortete der Bischof im Bereich Sexualität. Die CD-ROM der Diözese Linz für die 19-jährigen sei "leider keine Orientierungshilfe" gewesen. "Es wäre höchste Zeit, bewusst zu machen, dass Sexualität nicht bloß ein Konsumgut ist", betonte der "Familien-Bischof". Hier bestehe "großer Handlungsbedarf". Auch die Kirche dürfe das Thema "nicht tabuisieren".
Zurückhaltend antwortete Küng auf die Frage nach einem EU-Beitritt der Türkei. Die Probleme, die durch eine Vollmitgliedschaft entstehen, seien nicht zu unterschätzen, so Küng. Bestimmte Voraussetzungen wie Religionsfreiheit und Respekt vor der jeweiligen Kultur seien vorher sorgfältig abzuklären. Der Papst habe mit seiner Regensburger Vorlesung "eine Diskussion ausgelöst, die zwar unangenehm war, aber bewusst gemacht hat, dass hier eine differenzierte Auseinandersetzung notwendig ist". (ende)
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Nirgendwo in der EU ist Kinderwunsch so gering wie in Österreich
Wien, 19.12.06 (KAP) Neueste Daten zeigen, dass innerhalb der EU der Kinderwunsch nirgendwo so schwach ausgeprägt ist wie in Österreich. Mehr als ein Drittel der Männer zwischen 25 und 39 Jahren will gar kein Kind mehr, sagte der Demograph Wolfgang Lutz am Dienstag bei einer gemeinsamen Pressekonferenz der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und des "Forums Nachhaltiges Österreich" mit dem bezeichnenden Titel "Was, wenn die Krippe in Zukunft leer bleibt?". Dies könnte bedeuten, dass die ohnehin niedrige Geburtenrate in Österreich zukünftig noch viel tiefer sinkt, "mit allen Konsequenzen, die das für unsere Gesellschaft hätte", warnte Lutz.
Wie jüngste Daten des Eurobarometers 2006 zeigen, werden heute in Österreich nur mehr durchschnittlich 1,6 Kinder als ideale Anzahl gesehen; vor 10 bis 15 Jahren lag dieser Wert noch bei 2 Kindern. Laut Lutz, dem Direktor des Instituts für Demographie der ÖAW, könnte es zu einer Spirale nach unten kommen, wenn sich geringe Geburtenrate und geringer Kinderwunsch bündeln. Noch vor kurzem sei eine weitere Abnahme der derzeit bei rund 1,4 Kindern pro Frau liegenden Fertilitätsrate undenkbar erschienen; nach den neuesten Daten sei dies aber "eine durchaus berücksichtigenswürdige Möglichkeit", wie Lutz sagte. Gehe die Entwicklung so weiter, würde das bedeuten, dass - eine gemäßigte Zuwanderung angenommen - im Jahr 2050 bereits mehr als die Hälfte der Bevölkerung älter als 60 Jahre wäre, bis zum Ende des Jahrhunderts würde sich die österreichische Bevölkerung halbieren.
Diese Schreckensszenarien müssen nicht eintreffen, aber es gilt gegenzusteuern, betonte Lutz. Es sei eine breite öffentliche Debatte darüber erforderlich, warum so viele junge Österreicher heute keine oder nur wenige Kinder wollen. Es gelte, Szenarien zu erforschen, wie sich eine geringe Geburtenrate etwa auf die ländlichen Regionen auswirken würde, oder Instrumente zur Gegensteuerung zu entwickeln. Dafür brauche es aber in Österreich, wo nicht einmal ein Lehrstuhl für Demographie existiert, mehr Forschungsmittel, forderte Lutz.
Ob man sich hier zu Lande ein Beispiel an der erfolgreichen Familienpolitik etwa Frankreichs - das jüngst Irland als geburtenstärkstes EU-Land überholte - oder Schwedens nehmen kann, ist unter Fachleuten umstritten. Denn in Österreich unterscheide sich die Zahl der gewünschten von jener der tatsächlich geborenen Kindern nicht wesentlich - der Spielraum für politisches Eingreifen wäre somit gering, wie Lutz sagte. Umfragen zeigten auch, dass fehlende Partner und Probleme mit der Gesundheit wichtigere Faktoren für unerfüllte Kinderwünsche sind als etwa erhöhte Kosten oder die Unvereinbarkeit von Familie und Beruf. Wichtigstes Ziel einer kinderfreundlichen Politik müsse es sein, jungen Menschen einen Ausblick auf eine wirtschaftlich gesicherte Zukunft zu geben, sagte Lutz.
Margit Leuthold vom "Forum Nachhaltiges Österreich" sprach sich für eine "Politik der nachhaltigen Entwicklung" aus, die mehrdimensional auf die beobachtbare demographische Entwicklung einwirkt. Wichtig sei eine Bildungspolitik, in der Qualifikation mit Fortpflanzung kompatibel sei; mit Wissenschaftlern, Regionalpolitikern und Betroffenen müssten Gegenmittel gegen das Abwandern aus ländlichen Gebieten gefunden werden. Und es brauche eine kinderfreundliche Raumordnungspolitik, die ausreichende Betreuungsangebote, Spielplätze oder familienfreundliche Verkehrsangebote vorsieht. (ende)