Migration nicht nur als Problembereich sehen
Fachsymposion der katholisch-theologischen Fakultät Wien zu Wanderungsbewegungen offenbart gesellschaftliche "Wahrnehmungsschwächen" - Migration bereichert auch Kirche
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Wien, 07.11.2011 (KAP) Der unvoreingenommene Blick auf Migration könnte den Fokus von der derzeitigen "Problemfixiertheit" auf Chancen und Bereicherungen durch kulturellen Austausch verlagern: Darauf hat die Wiener Theologin Regina Polak im Anschluss an das Fachsymposion "Geteilte Welten" hingewiesen, das am Freitag auf Initiative des Instituts für Praktische Theologie an der Universität Wien stattfand. Die dortigen interdisziplinären Zugänge zu einem stereotyp auf Probleme reduzierten Thema hätten gesellschaftliche wie auch kirchliche "Wahrnehmungsschwächen" offenbart, so Polak am Samstag im Gespräch mit "Kathpress".
Wanderungsbewegungen seien ein selbstverständliches Phänomen europäischer Gesellschaften - und das immer schon, betonte Polak, die erst kürzlich das Buch "Zukunft. Werte. Europa" über die Ergebnisse der jüngsten Europäischen Wertestudie herausgab. Immer wieder habe sich gezeigt, dass Gesellschaften gerade dann Entwicklungsschübe erfuhren, wenn sie Zuwanderung zur eigenen kulturellen Befruchtung nutzten.
Öffentliche Institutionen hätten bisher auf Migration nicht angemessen reagiert, gab Polak den Tenor des Studientages wieder. In Österreich sei das etwa daran erkennbar, dass Kinder aus Zuwandererfamilien in Schulen mit sonderpädagogischem Förderbedarf dramatisch überrepräsentiert sind. Das heimische Bildungssystem müsse eines ihrer Hauptdefizite - die mangelnde Durchlässigkeit von "unten" nach "oben" - endlich abstellen. Die Wiener Theologin wies auf die Ausführungen des Referenten J. Matthew Wilson von der Southern Methodist University in Dallas (USA) hin, der für die Erfolge bei der Integration der Latinos in die US-Gesellschaft die Faktoren Zugang zum Arbeitsmarkt, "intermarriage" (kulturübergreifende Ehen) und eben Bildung nannte. Und anders als in Europa spiele Religion bei der Zuwanderung in den USA eine Nebenrolle.
In Europa würden stereotype Bilder zum Thema Migration gezeichnet - meist kopftuchtragende Muslimas. "Der Diskurs ist zugespitzt auf den Islam", gab Polak auch den Medien Mitschuld an der Engführung. In einem Atemzug mit "Migration" werde oft "Integration" genannt - gemeint als Eingliederung einer Minderheit in die Mehrheit, "bis sie nicht mehr auffällt". Ziel müsse jedoch vielmehr "Partizipation" sein, Mitgestaltung der Gesellschaft ohne Ausblendung der je eigenen Kultur, umschrieb Polak ein Ergebnis des Symposions.
Viel zu oft werde übersehen, dass das Leben in einer Diasporasituation Kompetenzen wie geistige Flexibilität, Sensibilität für "Anderes" als das Eigene oder das Zurechtfinden in verschiedenen Kontexten fördert. Auch religiöse Communities sind - wie die Erfahrungsberichte im zweiten Teil des Fachsymposions gezeigt hätten - geeignet, die potenzielle und tatsächliche Bereicherung durch kulturelle Vielfalt zu veranschaulichen. In der etwa 4.000 Katholiken umfassenden indischen Gemeinde Wiens, die in der Pfarre Maria Lourdes in Meidling beheimatet ist, sei die Unterstützung neu zugewanderter Mitglieder eine Selbstverständlichkeit: Der Anspruch, dass "Neue" binnen zwei Wochen eine Arbeit fänden, werde fast immer umgesetzt, berichtete Polak.
Anderssprachige Gemeinden "mehr als nur Folklore"
Allerdings werde die Bedeutung anderssprachiger Gemeinden in der katholischen Kirche noch nicht ausreichend wahrgenommen, bedauerte Polak. Deren Vertreter wie z.B. afrikanische Katholiken würden darauf pochen, "nicht nur für Folklore da" zu sein, weiß Polak nicht nur aus ihrem im laufenden Wintersemester angebotenen Uni-Seminar "Leben und Lernen im Kontext von Migration. Der Beitrag der Theologie".
Migration ist für wahrhaftes Katholischsein - im Sinn von "weltumspannend" - "hochgradig relevant", betonte Polak. Immerhin sei auch die Bibel ein "Migrationsbuch", Jesus selbst einer, der herumwandert, und Pfingsten das Fest, an dem die Geistbeschenkten nicht nur mehr in einer Sprache redeten, sondern sich in verschiedenen Sprachen verstanden.
Polak erinnerte an das "kirchlicherseits noch nicht eingelöste" Vatikan-Dokument "Erga migrantes caritas Christi" aus dem Jahr 2004 hin, in dem der "Päpstliche Rat der Seelsorge für die Migranten und Menschen unterwegs" Wegweisendes zu den modernen Wanderungsbewegungen gesagt habe. Hier werde von lehramtlicher Seite überzeugend deutlich, dass Migration ein "Herzthema" der Kirche sein müsse.