Eine Zukunft für Esztergoms Roma-Kinder
Im "Haus der Unbegrenzten Liebe" der Maristen-Schulbrüder erhalten Roma-Sprösslinge Lernhilfe und sinnvolle Freizeitbeschäftigung - Caritas und Erste Stiftung helfen über den "Komensky-Fond" - "Kathpress"-Bericht von Silvia Schober
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Budapest-Wien, 10.11.2011 (KAP) Wenn man Pablo Adolfo Tristany de Juan nach seinem Wunsch für die Zukunft fragt, kommt ihm nur eines in den Sinn: "Dass die Kinder es in eine bessere Zukunft schaffen." Der Maristen-Schulbruder leitet das vor neun Jahren im ungarischen Esztergom gegründete Kinderzentrum, das "Haus der Unbegrenzten Liebe".
Das kleine Gebäude mit bunten Wänden und verwinkelter Holztreppe liegt am Ende der "Tölte's utca": Hier, in trister, verfallener, vermüllter Umgebung, leben etwa 20 Familien, die der ethnischen Gruppe der Roma angehören. Ihr Leben ist geprägt von großer Armut; der Großteil der Erwachsenen ist arbeitslos, die Kinder ohne Zukunftsperspektive. Das wollen Bruder Pablo und sein Team über das von den Maristen-Schulbrüdern gegründete Zentrum ändern.
Mit geschätzten elf Millionen Angehörigen sind die Roma die größte europäische Minderheit. Wer dazugehört, lebt zumeist hoffnungslos am Rande der Gesellschaft, in Barracken oder abgewohnten Behausungen, die den traditionell kinderreichen Familien oft nur ein, zwei Räume zum Leben bieten. In Ungarn sind sechs bis elf Prozent der Bevölkerung Roma, in der Stadt Esztergom und Umgebung sind es geschätzte 3.000 Menschen.
Viele der Roma-Familien finden sich in der "Tölte's utca". Die Straße, kaum länger als 400 Meter, ist rechts und links gesäumt von kleinen Wohnungen, alt und verfallen. Kaum geschützt von Wind und Kälte wohnen hier die Familien auf engem Raum zusammen. Am Ende der Straße steht das "Haus der Unbegrenzten Liebe" und wartet mit Freizeitbeschäftigung, Lernbetreuung und Hausaufgabenhilfe für die Kinder auf. Hier bekommen die Sprösslinge auch zu essen und finden bei Spiel und Spaß unter ihresgleichen Ausgleich vom nicht ganz einfachen Leben als Roma-Kind. Bei den Zentrumsmitarbeitern stoßen sie auf Liebe und Respekt und erfahren, dass sie auch als Angehörige der Roma nicht Menschen "zweiter Klasse" sind.
"Unser langfristiges Ziel ist die Integration der Roma-Kinder", betont Bruder Pablo. "Wir sind überzeugt davon, dass Integration im Kindesalter und in der Erziehung beginnt." Bildung und Ausbildung soll den Roma-Kindern Chancen ermöglichen, die ihre Eltern ohne schulische Ausbildung nicht hatten. Dazu gehört, einen Arbeitsplatz zu finden, aus der Schuldenfalle herauskommen und eine Rolle in der Gesellschaft zu finden. "Ich wünsche mir, dass die Kinder die Motivation und die Kraft haben, weiterzulernen", erklärt der Ordensmann im "Kathpress"-Gespräch.
Vor fünf Jahren ist Bruder Pablo von Spanien nach Ungarn gekommen, seit drei Jahren ist er im Kinderzentrum tätig. "Es ist eine sehr schöne Arbeit, aber auch eine schwere", sagt er - und betont in einem Nachsatz, dass sich "schwer" lediglich auf die verwalterischen und organisatorischen Aufgaben im Haus beziehen, "keinesfalls die pädagogischen". Neben Pablo leben noch zwei weitere Maristen-Schulbrüder in der Roma-Siedlung und arbeiten mit den Familien. Was man als Ordensmann hier besonderes einbringen kann? Pablo: "Werte, die man zum Leben braucht, wie z.B. dass Bildung und Familienzusammengehörigkeit wichtig sind."
Schulbesuch führt in bessere Zukunft
Neben der Freizeit- und Lernprogramm organisiert das Zentrum auch eine "Externistenklasse". Hier haben Roma-Kinder und auch junge Frauen mit speziellem Förderbedarf Platz, die sonst von keiner Schule aufgenommen würden. Wer in diese Klasse kommt, werde gemeinsam mit dem Jugendamt entschieden, erklärt Bruder Pablo. Grundsätzlich besuchten Roma-Kinder gemeinsam mit ungarischen Sprösslingen die Schulen, jedoch würden sie von den Schulen oft als "Last" empfunden. Deshalb sei man sehr um gute Kooperationen mit den verschiedenen Schulen bemüht.
Gleichzeitig versucht man, allen Roma-Eltern den Wert einer guten Ausbildung bewusst zu machen, denn traditionell wurde früher in den Roma-Familien nicht allzu großer Wert auf einen Schulbesuch oder gar einen Abschluss gelegt. Deshalb haben die Zentrumsmitarbeiter vorsorglich auch einen Schulbus organisiert, der die Kinder frühmorgens aus den Roma-Siedlungen abholt und in die weiter entfernt gelegenen Schulen - sowie auch wieder zurück - bringt.
Im "Haus der Unbegrenzten Liebe" gibt es aber auch Angebote für Erwachsene. Neben einem Mutter-Baby-Club und der Möglichkeit zu duschen und Wäsche zu waschen, schulen Zentrumsmitarbeiter die Eltern auch in Vorträgen und Gesprächen zu Themen wie Hygiene oder gesunder Ernährung.
Mithelfen statt fehlender Akzeptanz
Zu Beginn sei der ungarischen Bevölkerung im Umfeld der Roma-Siedlung nicht klar gewesen, was das Kinderzentrum bringen solle, berichtet Bruder Pablo. Mittlerweile aber hätten die Menschen "den Sinn dahinter erkannt und helfen sogar freiwillig im Kinderzentrum mit".
Auch die Stadtregierung weiß die Vorteile des Hauses durchaus zu schätzen, auch wenn es mittlerweile keine finanzielle Unterstützung mehr gibt. Das Zentrum erhält sich u.a. durch Gelder aus dem von der österreichischen Caritas und der "Erste Stiftung" gegründeten "Komensky-Fonds", seitens des deutschen katholischen Osteuropahilfswerks "Renovabis" und natürlich durch den Maristenorden.
"Ich bin zufrieden"
Die 34-jährige Melinda und ihre zwei Kinder sind eine der Roma-Familien, die in der "Tölte's utca" leben. Ein kleiner Raum, der notdürftig mit einem Herd und einem Tisch ausgestattet ist, und ein dahinterliegendes zweites Zimmer mit einem großen Bett bietet wenig Platz zum Wohnen und Schlafen. Doch die junge Alleinerziehende ist stolz darauf: Es ist eine der seltenen Wohnungen in der Straße, die über ein eigenes Bad verfügt.
Die 34-Jährige ist auch eine der wenigen, die es weit gebracht haben: Sie hat seit Jahren eine Stelle als pädagogische Assistentin im Kinderzentrum, hat den Führerschein geschafft und ist nun dabei, die Matura nachzumachen. "Ich bin zufrieden", sagt sie. "Man kann zufrieden sein, wenn man einen Job und eine Wohnung hat."
Für ihre zwölfjährige Tochter und ihren siebenjährigen Buben wünscht sie sich aber "mehr". Gut und viel lernen sei hier wichtig, betont Melinda. Hier will sie ihren Kindern ein Vorbild sein, auch wenn sie noch nicht weiß, welche Möglichkeiten sie auch mit Matura haben wird.
Das Kinderzentrum spiele eine zentrale Rolle für die Roma, betont die 34-Jährige. "Was gab es hier vorher für eine Freizeitbeschäftigung? Stehlen und trinken, sonst nichts. Es würde etwas fehlen ohne das Haus." Ob die Ordensmänner hier einen besonderen Aspekt einbrächten? Melinda nickt heftig: "Sie geben dem Ganzen ein zusätzliches Plus. Wenn z.B. Bruder Pablo einmal ein paar Tage nicht da ist, da fehlt einfach etwas."
Glück gehabt in "Kertvaros"
Rund sechs Kilometer von der "Tölte's utca" entfernt liegt "Kertvaros". Hier befindet sich die zweite Roma-Siedlung der Stadt. Eine Wohnung in diesem Viertel zu haben, bedeutet, Glück gehabt zu haben, denn wer hier lebt, dem geht es geringfügig besser als Seinesgleichen in der "Tölte's utca". Einerseits sind die Wohnungen besser - mit Badezimmer - ausgestattet, andererseits ist auch die Arbeitslosigkeit hier nicht so hoch.
Dafür gebe es mehrere Gründe, vermuten Marton Gabor, der zweite Leiter des Kinderzentrums, und die Sozialarbeiterin Edit Levay. Als vor zwei Jahren einige Roma-Familien von der Stadt aus der "Tölte's utca" nach "Kertvaros" gesiedelt wurden, seien jene ausgewählt worden, die nicht so große Schulden gehabt hätten. Wer sein Zuhause hier behalten möchte, müsse außerdem Geld verdienen, um die Miete bezahlen zu können, und sich dementsprechend um eine Arbeit bemühen. "Das motiviert", meint die Sozialarbeiterin.
Nach neun Jahren sehen Bruder Pablo und sein Team jedenfalls positive Entwicklungen in beiden Roma-Siedlungen Esztergoms, auch wenn diese für Außenstehende "noch nicht so deutlich ersichtlich" seien. "Wir sehen die Früchte unserer Arbeit eher zwei Generationen später", sagt der Ordensmann. "Bedenken Sie: Während die Eltern noch nicht einmal lesen und schreiben konnten, schließen ihre Kinder mittlerweile bereits die Grundschule ab."
Weltweit mehr als 4.300 Maristen-Schulbrüder
Die Maristen-Schulbrüder wurden 1817 vom französischem Priester Marcellin Champagnat gegründet. Von Anfang an widmete sich die Gemeinschaft der Erziehung und Betreuung von Kindern und Jugendlichen. Weltweit gibt es mehr als 4.300 Brüder, die in 76 Ländern auf fünf Kontinenten tätig sind. Die Brüder sind ausgebildete Erzieher, Sozialarbeiter Psychologen oder Pädagogen. (Infos: www.champagnat.org)
"Komensky-Fond": Bildung für Randgruppen
Im Rahmen des "Komensky-Fonds" der Caritas und der "Erste Stiftung" werden seit 2006 elf Hilfsprojekte in Tschechien, der Slowakei, Ungarn, Rumänien, Serbien, der Repbulik Moldau, der Ukraine und Österreich unterstützt. Ziel aller geförderten Projekte ist, für Menschen aus gesellschaftlichen Randgruppen Zugang zu Bildung zu schaffen und ihnen somit einen Ausweg aus der Armutsspirale aufzuzeigen. (Infos: www.caritas.at bzw. www.erstestiftung.org)