Türkei: Bartholomaios I. sieht Fortschritt für Christen
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Istanbul (KAP) Von voller Religionsfreiheit kann in der Türkei zwar keine Rede sein, die Situation für die christliche Minderheit verbessere sich aber stetig, wenn mitunter auch langsam. Das hat der ökumenische Patriarch Bartholomaios I. am Vorabend des Andreasfestes (30. November) bei einem Empfang für eine gemeinsame Arbeitsgruppe der Vereinten Nationen und des Weltkirchenrates im Phanar betont. Und er bekräftigte einmal mehr die Verwurzelung der Christen in der Türkei. Diese seien in dem Land schon viele länger als die Türken bzw. Muslime.
Das Oberhaupt der Orthodoxen Kirche verwies auf die jüngste Ankündigung der türkischen Behörden, allen Stiftungen von Kirchen und Religionsgemeinschaften Rechtspersönlichkeit zu verleihen. Ausdrücklich würdigte er auch die von der türkischen Regierung vor einigen Monaten beschlossene Rückerstattung von in der Vergangenheit enteigneter Immobilien nichtmuslimischer Stiftungen.
Kritisch wies Bartholomaios I. aber darauf hin, dass es immer noch nicht zur Wiedereröffnung der orthodoxen Hochschule von Chalki gekommen sei. Zur vollen Religionsfreiheit gehöre nicht nur die Möglichkeit, Gottesdienst zu feiern, sondern auch, den eigenen Klerus ausbilden zu können, so der Patriarch.
Das Priesterseminar, das auf der Insel Heybeliada/Chalki im Marmarameer vor Istanbul liegt, ist seit 1971 geschlossen. Weil das Ökumenische Patriarchat seither keine eigenen Geistlichen mehr ausbilden konnte, wird die personelle Situation der 1.700 Jahre alten Institution von Jahr zu Jahr prekärer.
Die Kirchen (wie etwa auch die islamische Religionsgemeinschaft) waren bisher nicht als Körperschaften des öffentlichen Rechts anerkannt und mussten etwa für ihre konfessionellen Schulen oder Spitäler aber auch für Kirchen sogenannte "fromme Stiftungen" ("Vakiflar") errichten. Viele Besitztümer waren den Kirchen seither durch zweifelhafte rechtliche Schritte weggenommen worden.
Wiedergutmachung von Unrecht
Dass nun tatsächlich die Chance auf Wiedergutmachung besteht, bestätigte der langjährige Direktor des österreichischen St. Georgs-Kolleg in Istanbul, P. Franz Kangler im "Kathpress"-Gespräch: "In diesem Bereich ist in den vergangenen Jahrzehnten viel Unrecht passiert. Dass man nun von Seiten der Regierung bereit ist, das anzusprechen und zu handeln, ist ein sehr positives Zeichen."
Kangler sprach von vielen kleinen Hoffnungszeichen für eine bessere Zukunft der Christen in der Türkei. Freilich gebe es auch immer wieder gegenteilige Entwicklungen: "So klar und eindeutig sind die Zeichen auch wieder nicht."
Die Palette der jüngsten Ereignisse stimme ihn aber sehr zuversichtlich. Neben den beiden von Patriarch Bartholomaios I. angesprochenen Entscheidungen der Behörden ortete der nunmehrige Superior Bewegung etwa auch bei der Einstellung der politisch Verantwortlichen zum Ökumenischen Patriarchat. Offiziell anerkennen die türkischen Behörden weder den Titel des Ökumenischen Patriarchen noch die Aufgaben des Patriarchats für die gesamte Orthodoxie. Sie sehen in Bartholomaios I. lediglich den obersten Seelsorger der wenigen tausend in der Türkei verbliebenen griechisch-orthodoxen Christen. Wenn der Patriarch gesamtorthodoxe Aufgaben wahrnimmt, sei das von den türkischen Behörden bisher sehr kritisch gesehen worden, so Kangler gegenüber "Kathpress". Nationalistische Kreise hätten darin auch antitürkische politische Agenden gesehen: "Inzwischen mehren sich aber die Stimmen, dass die Stellung des Patriarchen keine politische Frage, sondern lediglich eine innerkirchlichen ist."
Dass die türkische Regierung dem Patriarchat grundsätzlich wohlwollend gegenüber steht, lasse sich auch an der Entscheidung vor gut einem Jahr festmachen, wonach 16 Metropoliten der Diaspora die türkische Staatsbürgerschaft verliehen wurde. Laut türkischen Vorschriften darf das Patriarchenamt nur von einem türkischen Staatsbürger bekleidet werden. Vor gut einem Jahr waren deshalb nur noch 15 Geistliche für das Amt in Frage gekommen, von denen bereits elf über 70 Jahre alt sind. Mit den 16 neuen Kandidaten dürfte die Nachfolge nun kein Problem sein: ein "echtes Hoffnungszeichen", so Kangler.
Zugleich warnte der Türkei-Experte vor zu optimistischen Erwartungen, dass das orthodoxe Priesterseminar auf Chalki schon bald wiedereröffnet wird. Die türkische Regierung müsse bei allen Vorhaben zugunsten der christlichen Minderheiten auf innenpolitische Gegebenheiten Rücksicht nehmen. Für die Wiedereröffnung müssten eine Reihe von Gesetzen geändert werden, damit auch Studenten aus dem Ausland dort studieren könnten, sonst mache die Öffnung keinen Sinn. Solche Gesetzesänderungen seien zwar durchaus realistisch und von der Regierung kämen auch entsprechende Willensbekundungen, allerdings gehe es dabei immer auch um innenpolitische Abwägungen. Und dazu komme noch die umständliche türkische Bürokratie. Ein Termin für die Wiedereröffnung sei heute "beim besten Willen nicht abschätzbar", so Kangler.
Er erinnerte in diesem Zusammenhang auch daran, dass in der Türkei immer wieder Stimmen laut werden, die die Zukunft von Chalki mit einer Verbesserung der Situation der Muslime in Griechenland verknüpfen. Dass es dort etwa bei der Errichtung von Moscheen große Probleme gebe, werde im Westen kaum wahrgenommen, merkte Kangler kritisch an. Eine Entscheidung von Patriarch Bartholomaios I. im Hinblick auf Chalki sei aber sicherlich nicht zufällig gefallen: die Ernennung des jungen Metropoliten von Bursa (Brussa), Elpidophoros Lambrinidis, zum neuen Abt des Dreifaltigkeitsklosters auf Chalki. Der dynamische Metropolit, dessen Name "Elpidophoros" übersetzt "Hoffnungsträger" bedeutet, solle wohl Schwung in die Situation bringen und künftig die Leitung des Seminars und der Hochschule übernehmen.
Zu den weiteren positiven Zeichen in der Türkei zählte Kangler die Entscheidung der türkischen Regierung, den Kindern von illegalen armenischen Einwanderern den Besuch offizieller armenischer Schulen zu erlauben, was bisher nicht möglich war. Zwischen 30.000 und 40.000 solcher "Illegaler" soll es im Land geben, die Zahl der Schulkinder soll rund 1.000 ausmachen.
Diese Möglichkeit sei noch vor zehn Jahren undenkbar gewesen, wie auch die Erlaubnis für die syrisch-orthodxe Kirche, in Istanbul eine neue Kirche zu bauen, betonte Kangler im "Kathpress"-Gespräch.
Als wenig erfreuliches Zeichen wertete er hingegen, dass in Schulbüchern noch immer antichristliche Passagen zu finden seien. Zu denken gebe auch die vor rund vier Wochen erfolgte Umwandlung der lange Zeit als Museum genutzten einstigen Kirche Hagia Sophia von Nicäa (Iznik) in eine Moschee.
Kangler arbeitet seit 34 Jahren in der Türkei und war von 1983 bis 2010 Direktor des St. Georgs-Kolleg. Er gehört der Ordensgemeinschaft der Lazaristen mit Sitz in Graz an, die der Schulerhalter ist. Als Vertreter des Schulerhalters wirkt Kangler auch weiterhin in Istanbul.