St. Pölten: Dollfuß-Bild wird aus Kirche entfernt
St. Pölten, 11.1.07 (KAP) Der St. Pöltner Diözesanbischof Klaus Küng hat veranlasst, dass in der "Prandtauer-Kirche" der niederösterreichischen Landeshauptstadt in Absprache "mit dem Denkmalamt und dem Rektor der Kirche, Reinhard Knittel", eine neue Lösung für den Altarraum gesucht wird. Wegen eines Bildes von Bundeskanzler Engelbert Dollfuß (1892-1934) im Altarraum hatte es heftige Diskussionen gegeben. Dadurch sei, wie es in einer Mitteilung des St. Pöltner Ordinariats heißt, "die seelsorgliche Arbeit behindert" worden. Daher habe Bischof Küng seine Entscheidung getroffen.
Die einstige Karmelitinnenkirche in St. Pölten war 1708/12 errichtet worden. Wie viele andere kostbare Gotteshäuser fiel sie dem Klostersturm Josephs II. zum Opfer. Die gesamte Inneneinrichtung wurde an andere Kirchen verteilt, das Gotteshaus selbst wurde für diverse Zwecke missbraucht, unter anderem als Materiallager. Auf Bitte von Bischof Michael Memelauer wurde das Gotteshaus in der Regierungszeit von Engelbert Dollfuß der Kirche zurückgegeben. Die Innenausstattung wurde aus Depotbeständen rekonstruiert, insbesondere der Hochaltar entspricht aber nicht der Raumgröße.
Zur Behebung dieser Situation wurde vor eineinhalb Jahren ein Bild angefertigt, auf dem "als Ausdruck der Dankbarkeit für die Rückstellung der Kirche" auch die damaligen Verantwortungsträger dargestellt sind, unter ihnen auch Engelbert Dollfuß. Wie es in der Mitteilung aus St. Pölten heißt, sei es dabei in keiner Weise die Absicht gewesen, "jemanden zu provozieren oder alte Grabenkämpfe wieder aufleben zu lassen". Der Rektor der Kirche habe sein Vorhaben ordnungsgemäß den zuständigen Stellen des Ordinariats vorgelegt. Seitens der diözesanen Stellen habe es bereits damals "gewisse Bedenken" gegeben.
Das Bild habe dann in manchen Kreisen eine "starke Beunruhigung" ausgelöst. Es seien zwar Gespräche geführt worden, um deutlich zu machen, dass das Bild als "Ausdruck der Dankbarkeit" konzipiert war, aber keinerlei "politische Botschaft" beabsichtige und schon gar nicht eine Beurteilung der Vorgangsweisen im "Ständestaat". Da die Diskussion nicht abgerissen sei, habe Bischof Küng die Änderung im Altarraum der Kirche angeordnet.
Im Gespräch mit der Tageszeitung "Die Presse" hatte Diözesankonservator Johann Kronbichler bereits vor zehn Tagen erklärt, bei dem Bild handle es sich "sicher nicht um ein großes Kunstwerk". Er habe im Vorfeld Bedenken deponiert.
An der Person von Bundeskanzler Engelbert Dollfuß scheiden sich in Österreich auch heute noch die Geister. Die Erinnerung an den Bundeskanzler ist durch den tragischen Bürgerkrieg des Februar 1934 verdüstert. Die Kanonenschüsse auf die Gemeindebauten und die Todesurteile gegen Schutzbündler sind unlöslich mit dem Namen des Kanzlers verbunden. Dollfuß hatte - unter bis heute nicht ganz geklärten Umständen - die Vollstreckung der Todesurteile nicht verhindert; einer der Verurteilten wurde auf einer Tragbahre zum Galgen geschleppt.
Historiker betonen zugleich die leidenschaftliche Gegnerschaft Dollfuß' gegen den Nationalsozialismus. Im Kampf gegen den übermächtigen Gegner, der bedenkenlos terroristische Methoden - insbesondere Sprengstoffanschläge und Fememorde - einsetzte, habe Dollfuß sein Leben geopfert. Nationalsozialistische Verschwörer ermordeten Dollfuß am 25. Juli 1934 im Bundeskanzleramt am Ballhausplatz. Er war der einzige europäische Regierungschef, der dem NS-Wahn zum Opfer fiel.