Wien: Diözese nimmt nächsten Reformschritt
Pilotprojekt in Wien-Favoriten bringt Strukturreformen bis September 2013 - Schönborn: "Wir müssen auf die veränderte Kirchengestalt angemessen reagieren" - "Kein zurück zum business as usual"
Image (img2) invalid or missing |
|
Wien, 16.01.12 (KAP) Die Erzdiözese Wien nimmt unbeirrt den nächsten Schritt auf ihrem Reformweg. So wurde das Dekanat 10 (Wien-Favoriten) von Kardinal Christoph Schönborn in einem Pilotprojekt am Wochenende beauftragt, im Laufe des Jahres einen Neuordnungsprozess in Form einer Reorganisation von Pfarren und Gemeinden zu entwickeln. Die Strukturreformen sollten dabei jedoch stets unter der Vorgabe eines missionarischen Aufbruchs und neuer pastoraler Initiativen stehen, erläuterte Schönborn das Ziel des Projekts bei einer Pressekonferenz am Montag in Wien. Bis Sommer soll ein Zwischenbericht vorgelegt werden, bis 1. September 2013 sollen die neuen Strukturen dann umgesetzt werden. Zugleich soll das Favoritener Pilotprojekt zum Vorbild für weitere Reformen in den anderen Wiener Dekanaten werden.
Die Zeit, in der die Kirche die alles bestimmende gesellschaftliche Realität war, sei heute vorbei. Man leben "in einer Kultur der Freiheit. Und das ist sehr gut", so der Wiener Erzbischof. Zugleich müsse man auf die damit einhergehende "veränderte Kirchengestalt" angemessen reagieren - es könne "kein Zurück zum business as usual mehr geben". In Wien-Favoriten etwa lebten heute 177.000 Menschen, von denen nurmehr rund ein Drittel katholisch sei (60.000) - kaum mehr als ein Prozent der Bevölkerung bzw. drei Prozent der Katholiken besuchten Sonntags den Gottesdienst. Auf diese Herausforderung zu reagieren bedeute u.a. auch eine Veränderung der bestehenden Pfarrstrukturen. "Die Pfarren werden teilweise größer sein - aber in jedem Fall offener, und sie werden mit schlankeren Strukturen der Realität einer flexiblen Gesellschaft besser gerecht werden", wagte der Kardinal den Ausblick.
Konkret sollen neben einer Verschlankung der pfarrlichen Strukturen kleinere christliche Gemeinschaften gefördert oder neu aufgebaut werden. Zu den Rahmenvorgaben gehören u.a., dass eine Pfarre zukünftig mindestens über 4.000 Katholiken verfügen müsse, fünf Prozent des Pfarrbudgets für neue Initiativen und Projekte gewidmet sein müssen, die Kosten für den Pfarrhof und das Pfarrheim nicht mehr als 20 Prozent der erwirtschafteten Einnahmen ausmachen dürfen und die Instandhaltungskosten der Sakralbauten ohne diözesane Zuschüsse auskommen können müssen. Nicht ausgeschlossen wird laut Rahmenplan auch eine alternative Nutzung von nicht erhaltbaren Kirchen.
Dabei gebe es laut Kardinal Schönborn "nicht nur Ab- sondern auch zahlreiche Aufbrüche" in der Diözese. So habe sich etwa die Zahl der katholischen Privatschulen seit seinem Amtsantritt im Jahr 1995 verdreifacht. Auch die Caritas sei ein starkes kirchliches Wachstumssegment - hier habe sich etwa die Zahl der Mitarbeiter in dieser Zeit verdoppelt, so der Wiener Erzbischof.
Die Notwendigkeit reformerischer Einschnitte hat der Generalvikar der Erzdiözese Wien, Nikolaus Krasa, unterstrichen. In den vergangenen fünfzehn Jahren hätten sich die Rahmenbedingungen für die Kirche und die seelsorgerische Arbeit in Wien grundlegend gewandelt. Bei einer nahezu gleich gebliebenen diözesanen Struktur habe zugleich der Anteil der Katholiken weiter abgenommen. Dies gehe langfristig mit Finanzierungsproblemen einher, aber auch mit der Notwendigkeit, neue missionarische Initiativen an der Basis zu setzen. Bei allen Reformprojekten wisse man sich zugleich als Erzdiözese in einen europäischen Trend eingebunden, insofern auch andere Diözesen etwa in Deutschland ähnliche Reformprozesse durchlaufen.
Die Wiener Pastoralamtsleiterin Veronika Prüller-Jagenteufel unterstrich, dass das bestehende flächendeckende seelsorgerische Netz durch die Reformschritte nicht durchtrennt werde. Nach wie vor bestehe das Ziel einer Förderung von Gemeinden vor Ort und das Bekenntnis zu einer "Pastoral der Nähe", so Prüller-Jagenteufel. "Die Grundgestalt bleibt die Pfarrgemeinde, aber in pluriformer Form". Für das Favoritener Pilotprojekt sagte Prüller-Jagenteufel außerdem eine Planungssicherheit für die Beteiligten von 8-10 Jahren voraus. Der Veränderungsprozess brauche Zeit und auch Sicherheit, damit sich nicht zuletzt auch das Priesterbild nach und nach ändern könne - hin zum Bild eines "Begleiters und Ermöglichers".
Auf die Bedeutung der Ordensgemeinschaften im gesamten Reformprozess hat P. Johannes Neubauer - Dechant und Ordensmann - bei der Pressekonferenz hingewiesen. Acht der bestehenden fünfzehn Favoritener Pfarren werden derzeit von Ordensleuten geleitet. Zugleich kritisierte Neubauer, dass die Ordensgemeinschaften in den Prozess nicht optimal eingebunden seien. Da bestehe noch viel Gesprächsbedarf mit der Projektleitung, so Neubauer gegenüber "Kathpress".
Der Bischofsvikar für die Stadt Wien, P. Dariusz Schutzki, erläuterte, dass ähnliche Prozesse auch in den anderen Stadtdekanaten in Gang seien. Konkret werde als nächstes das Stadtdekant für den 15. Wiener Gemeindebezirk einen adaptierten "Projektauftrag" erhalten.
Nach der Bedeutung der "Pfarrer-Initiative" im Blick auf den Wiener Reformprozess gefragt, sagte Kardinal Schönborn, das prinzipiell "alle Reformbemühungen in der Kirche willkommen" seien. Wo Menschen "Herzblut und Hirnschmalz" in diese Reformprozesse investieren und sich darüber gegenseitig austauschen, seien sie auch willkommen. Pastoralamtsleiterin Prüller-Jagenteufel ergänzte dazu, dass man die Anliegen der "Pfarrer-Initiative" von den laufenden diözesanen Reformprozessen trennen müsse: Die Initiative habe wichtige Themen angesprochen, die auf weltkirchlicher Ebene weiter diskutiert werden müssten - "aber wir können im diözesanen Entwicklungsprozess nicht warten, bis diese Fragen auf höchster Ebene geklärt sind". Daher müsse nun mit den vorhandenen rechtlichen Möglichkeiten gearbeitet werden. "Wenn sich diese einmal ändern sollten, werden wir uns neu darauf einstellen".