"Konzil bietet bis heute unabgegoltene Potenziale"
Debatte über Piusbruderschaft und innerkirchlichen Reformdruck entfachen neuen "Streit über das Konzil" - Blick aufs Konzil kann Bischöfe Selbstvertrauen und Kollegialität lehren - "Selbstghettoisierung und Restauration sind nicht der Weg des Konzils"
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Wien, 17.01.12 (KAP) Auf zahlreiche "theologisch unabgegoltene Potenziale" der Beschlüsse und Texte des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) hat der Wiener Dogmatiker Prof. Jan-Heiner Tück hingewiesen. Drohte das Konzil, dessen 50-Jahr-Jubiläum heuer gefeiert wird, "bis vor kurzem noch ins historische Bewusstsein abzugleiten", so gebe es derzeit einen "neuen Streit um das Konzil", der sich u.a. an der Rolle der lefebvristischen Piusbruderschaft, aber auch am Umgang mit Reformforderungen von der kirchlichen Basis entzündet, so der Theologe im Gespräch mit "Kathpress". Die prinzipielle Marschrichtung sei aber klar und "unhintergehbar": Kirche ist kein "Bollwerk gegen die Moderne mehr" - ein "innerkatholischer Kurs der Restauration oder der Selbstghettoisierung ist nicht der Weg des Konzils", so Tück.
In einem Durchgang durch die wichtigsten Dokumente und Konzilsbeschlüsse verdeutlichte Tück diese bleibende Aktualität. So unterstreicht er etwa, dass das im Konzil aufgegriffene Motiv des gemeinsamen Priestertums aller Getauften "bis heute noch nicht ausgeschöpft" sei; ähnliches gelte für die im Konzil festgehaltene Kollegialität der Bischöfe. Zwar werde im Dokument "Lumen gentium" die Lehre vom päpstlichen Primat bestätigt, doch dieser zugleich ein "Communio"-Verständnis zur Seite gestellt und so "ein allzu starker Zentralismus ausbalanciert".
Zugleich erinnerte Tück daran, dass das Konzil nicht zu einem solchen Markstein geworden wäre, wenn die Bischöfe damals nicht aufgestanden wären und sich gegen das ursprüngliche Vorhaben der Kurie gewendet hätten, vorbereitete Papiere "einfach nur abzunicken". Von diesem Mut und Kollegialitätsverständnis könnten Bischöfe auch heute noch etwas lernen, so Tück - nicht zuletzt in der pastoralen Arbeit und dem selbstbewussten Beschreiten neuer Wege, etwa beim Thema wiederverheiratete Geschiedene.
Neues Ökumene-, Kirchen- und Offenbarungsverständnis
"Neue Wege geöffnet" habe das Konzil schließlich auch in den Bereichen Ökumene, interreligiöser Dialog, Umgang mit dem Judentum sowie Offenbarungs- und Kirchenverständnis. Die Ökumene habe etwa maßgebliche Impulse durch den "radikalen Perspektivwechsel" des Konzils erfahren - indem nämlich der jeweilige Gegenüber zunächst als Partner mit Gemeinsamkeiten anerkannt worden sei und erst von dort aus das Trennende in den Blick genommen wurde und bis heute wird. Im Blick auf das Verhältnis zum Judentum bleibe die Aufgabe bis heute aufrecht, so Tück, "an einer nicht-antijudaistischen Christologie zu arbeiten, die in Erinnerung hält, dass Jesus 'dem Fleisch nach' Jude ist".
Bis heute auf der Tagesordnung steht laut Tück der Streit um das Offenbarungsverständnis, d.h. um die Art und Weise, wie sich Gott dem Menschen - in der Geschichte wie in der Heiligen Schrift - mitteilt. Das Konzil habe sowohl die historisch-kritische Form der Bibelauslegung als auch die traditionelle Lesart, die an einem großen Zusammenhang der Texte und einer geistlich-theologischen Auslegung festhält, gewürdigt. Kein geringerer als Papst Benedikt XVI. hatte diesen Streit zuletzt in seinen beiden "Jesus"-Büchern durch sein Plädoyer für eine beide Elemente verbindende "kanonische Exegese" neu befeuert.
Dialog mit moderner Literatur
Für sein eigenes theologischen Schaffen sei - so Tück - außerdem der durch das Konzil eröffnete Dialog von Theologie und Literatur der Gegenwart wichtig. Interessant werde diese Literatur für die Theologie gerade dort, wo sie in ihrer Unabhängigkeit und Eigenständigkeit auch Nicht-Glaubenden ein Forum bietet, in dem sich etwas über den Menschen in seiner ganzen Komplexität lernen lasse: "Glanz und Elend des Menschen, die radikale Fraglichkeit des Lebens, aber auch das nüchterne Absehen von jeder transzendenten Deutungsperspektive wird zur Herausforderung für eine gläubige Weltinterpretation", so Tück. Der sensible Umgang mit Sprache, der sich in der Literatur findet, könne darüber hinaus für die Theologie "ein heilsamer Anstoß sein, an der sprachlichen Vermittlung des Glaubens immer wieder neu zu feilen, ohne die Differenz zwischen poetischer Erzähl- und argumentativer Reflexionssprache einzuebnen".
Tück zeichnete u.a. für die Organisation der internationalen Tagung "Erinnerung an die Zukunft" zum Konzils-Jubiläum verantwortlich, die in der Vorwoche in Wien stattfand. Bei der Tagung fand sich viel theologische Prominenz ein - u.a. Peter Hünermann (Tübingen), Albert Gerhards (Bonn), Christoph Theobald (Paris), Thomas Söding (Bochum), Ottmar Fuchs (Tübingen) und Eberhard Schockenhoff (Freiburg). Ein Dokumentationsband zur Tagung soll im August erscheinen.