"Hildegard Burjan ist Beispiel neuzeitlicher Spiritualität"
Theologe Greshake ortet spezifische "burjanische Spiritualität" in den "jüdischen Wurzel" und im Umgang mit "unaufgelösten Spannungen"
Image (img2) invalid or missing |
|
|
|
Wien, 24.01.12 (KAP) Die spirituelle Gestalt Hildegard Burjans ist ein Paradebeispiel für neuzeitliche Spiritualität. Zu dieser Einschätzung kommt der renommierte Theologe Gisbert Greshake nach intensiver Beschäftigung mit Leben, Werk und Spiritualität der Sozialpionierin und Gründerin der Schwesterngemeinschaft "Caritas Socialis". Ausgangspunkt für das 2008 veröffentlichte Buch über die bald Selige war für Greshake die Frage, ob es so etwas wie eine spezifische "burjanische Spiritualität" gibt und er findet sie in den "jüdischen Wurzel" und in einer Reihe von "unaufgelösten Spannungen, die sie schmerzlich in ihrem Leben durchzustehen hatte."
Auch wenn im säkular-jüdischen Elternhaus von Hildegard Burjan Gott und Glaube keine Rolle bei der Erziehung spielten, sei "die jüdische Prägung ihres Lebens und ihrer Spiritualität unverkennbar", so Greshake. Grund dafür sei der "säkularisiert messianische Gedanken" eines "Reiches der Gerechtigkeit hier auf Erden", der nicht nur für Burjan, sondern auch für viele andere jüdische Sozialreformer maßgeblich war. Das "Jüdische" bei Burjan zeige sich demnach in ihrer pointierten und bleibenden "Erdung". Damit sei auch der bei Burjan vorfindbare "Primat der Praxis" eng verbunden.
Greshake betont, dass Burjans weltzugewandte Grundhaltung "schon damals Impulse des Zweiten Vatikanischen Konzils vorweggenommen" habe. Er verweist dabei sowohl auf die Konzilskonstitution über die Kirche ("Lumen gentium", Kapitel 35) als auch auf das Dokument "Gaudium et spes" (Kapitel 43). Was in diesen Texten "lehrmäßig zum Ausdruck gebracht wird, hat Hildegard Burjan gelebt und in eine spirituelle Lebensgestalt gebracht", urteilt Greshake.
Ein "helfendes Vorbild" gerade für heute sei Burjan in der Weise, wie man als Christ in den "verschiedenen Welten" leben und bestehen könne. Es gelte, "den vorgegebenen Pluralismus und die damit gegebenen Spannungen auszuhalten, vielleicht sogar auszuleiden", schreibt Greshake mit Blick auf die Biografie Burjans.
Der Theologe ortet drei wichtige Spannungsfelder, die für Burjans Spiritualität bedeutsam sind: Der Wunsch, den Menschen Christus zu bringen und/oder der Einsatz in der Sozialarbeit. Eine auffallende Spannung zwischen "der Kindlichkeit ihrer Gottesbeziehung" einerseits und ihrer "Weise selbstbewussten Denkens und Auftretens" andererseits. Schließlich sei die Ehefrau, Mutter und Dame der höheren Wiener Gesellschaft immer im Spannungsfeld "Leben nach dem Evangelium und/oder Leben in der Welt" gestanden. Hildegard Burjan habe diese tiefgreifenden Spannungen "im ständigen Hören auf den Ruf Gottes durchlebt und durchlitten" bis hin zu Erfahrungen der "Gottesfinsternis".
Für den Theologen seien solche Spannungen "zusammenzuhalten im Glauben, dass Gott selbst es ist, der in der ganzen zerreißenden Pluralität unseres Lebens die Einheit garantiert, und in der Hoffnung, dass Gott selbst die Auflösung der Ecken und Kanten, der Spannungen und Widersprüche unseres Lebens herbeiführen wird." Diese Haltung zeige sich beispielhaft bei Hildegard Burjan, die damit "Leitgestalt einer spezifisch heutigen Spiritualität" sein könne.
Das Buch von Gisbert Greshake über Leben, Werk und Spiritualität von Hildegard Burjan ist unter dem Titel "Selig, die nach der Gerechtigkeit dürsten" bei "Tyrolia" erschienen.