"Das Gemeinsame vor das Trennende stellen"
Wien, 19.1.07 (KAP) Kardinal Christoph Schönborn hat das Zustandekommen der neuen Bundesregierung gewürdigt und zugleich auf drängende Aufgaben der nächsten Jahre verwiesen. Im Gespräch mit der Wiener Kirchenzeitung "Der Sonntag" und "Radio Stephansdom" unterstrich der Kardinal, dass die Menschen in Österreich ein "Miteinander" wollen; dieses Miteinander habe - "mit allen Problemen" - den Aufstieg Österreichs ermöglicht. Die Erfahrung der letzten Wochen habe gezeigt, dass die Politiker in Österreich zusammenfinden, "wenn sie ernsthaft miteinander reden". Dafür sei ihnen, aber auch dem Bundespräsidenten Dank zu sagen. Der österreichischen Öffentlichkeit sei vor Augen geführt worden, dass Politiker das Gemeinsame vor das Trennende stellen wollen. Es sei eine Regierung zu Stande gekommen, die "eine Absage an Extremismen aller Art bedeutet".
Die neue Regierung habe die Chance, Grundbedürfnissen der Menschen in Österreich zu entsprechen, so Kardinal Schönborn. Ein solches Grundbedürfnis sei die Sehnsucht nach sozialer Solidarität. Die Ausgewogenheit der gesellschaftlichen Verhältnisse sei ein "kostbarer Wert", die Schere zwischen arm und reich dürfe nicht zu weit aufgehen, erinnerte der Wiener Erzbischof. Ein Grundbedürfnis vieler Menschen sei aber auch die Wahrung christlicher Werte, angefangen von der Bedeutung der Familie und des freien Sonntags. In beiden Regierungsparteien gebe es Politiker, die dafür Verständnis haben.
Kardinal Schönborn erinnerte daran, dass die österreichischen Bischöfe bei ihrer letzten Vollversammlung einige zentrale Aufgaben für die nächsten Jahre benannt haben: Das unbedingte "Ja zum Leben" in allen Phasen, die verstärkte materielle und immaterielle Unterstützung von Ehe und Familie als Gemeinschaft von Mann und Frau, die für Kinder offen ist, die entschlossene Bekämpfung von Arbeitslosigkeit und Armut, die Förderung des Bildungswesens unter Beachtung der geistigen und religiösen Dimension, Maßnahmen zur Überwindung der demographischen Krise, der Einsatz für die europäische Integration und für weltweite Gerechtigkeit.
Auf der Wunschliste vieler engagierter Christen stünden auch Dinge, die seit vielen Jahren, ja Jahrzehnten immer wieder versprochen wurden, sagte der Wiener Erzbischof: Die "flankierenden Maßnahmen" zur Fristenregelung (1974), die stufenweise Erhöhung der Mittel für Entwicklungszusammenarbeit auf 0,7 Prozent des Bruttonationaleinkommens (1970), die steuerliche Absetzbarkeit von Spenden für die Caritas und andere soziale Organisationen usw. Am Beginn einer neuen Legislaturperiode sei es notwendig, "diese offenen Punkte in Erinnerung zu rufen".
Im Gespräch mit "Radio Stephansdom" unterstrich der Kardinal die "vier großen Ja", um die es jetzt gehe: Das "Ja zum Leben" am Anfang und am Ende des Lebens ("es ist sehr zu hoffen, dass diese Regierung die 'flankierenden Maßnahmen' durchsetzt und dass sie die Hospizbewegung unterstützt"), das "Ja zur Familie" ("jede Förderung der Familie ist eine Förderung der Zukunft und des Gemeinwohls"), das "Ja zur Vollbeschäftigung" und das "Ja zum freien Sonntag" ("die Menschen brauchen einen Rhythmus").
Prinzipiell rief Kardinal Schönborn in Erinnerung, dass gerade in einer Zeit des prinzipiellen "Argwohns" auch gegenüber jenen Menschen, die Regierungsverantwortung übernehmen, ein "Grundvertrauen" herrschen sollte. Vertrauen sei das "kostbarste Gut" auch für die Gestaltung des politischen Lebens: "Wenn dieses kostbare Gut schwindet, werden sich immer weniger Menschen finden, die bereit sind, sich in den Dienst der 'öffentlichen Sache' zu stellen".