Neue Forschungen zu Pius XI. und Österreich
Wiener Kirchenhistoriker Klieber legt neue Erkenntnisse zur Rolle von Pius XI. bei den politischen Vorgängen in Österreich 1933/34 vor - Offizielle Präsentation bei internationaler Tagung im Herbst in Wien
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Wien (KAP) Exakt zwei Jahre nach dem Start des interdisziplinären Forschungsprojekts "Pius XI. und Österreich" liegen nun erste neue historische Erkenntnisse zum Pontifikat Pius XI. und zum Verhältnis des Vatikans zur Ersten Republik (1918-1938) vor. Die Erkenntnisse betreffen die Regierungstätigkeit von Bundeskanzler Prälat Ignaz Seipel genauso wie das Zustandekommen des Konkordats, den Übergang der Ersten Republik zum autoritären Ständestaat und die vatikanischen Warnungen vor dem Nationalsozialismus. Daneben werden auch die Hintergründe von Bischofsernennungen in Österreich aufgezeigt, die nach dem Ende der Monarchie erstmals vom Papst direkt ernannt wurden.
So heißt es in einem "Kathpress" vorliegenden Dossier des Projektleiters und Wiener Kirchenhistorikers Rupert Klieber u.a., dass Pius XI. (1922-1939) gut informiert war über das Bestreben der Regierung Dollfuß, die demokratische Verfassung der Republik in einen autoritären Stände-Staat umzuwandeln. Der Papst habe nicht von sich aus politisch Einfluss genommen, jedoch auf Anfrage von Bundespräsident Wilhelm Miklas selbst dessen moralische Bedenken zerstreut. Nach bisherigem Stand der Interpretation "kam dieser geheimen Konsultation keine entscheidende Bedeutung für den weiteren Verlauf der Ereignisse zu". Auch sei mehr als fraglich, ob der Präsident zu diesem Zeitpunkt Ende 1933 überhaupt noch über die Macht und Mittel verfügte, das Rad der Geschichte und die politischen Veränderungen im Februar 1934 aufzuhalten.
Aktueller Anlass für diese erste Publikation der Forschungsergebnisse ist der 90. Jahrestag der Wahl Pius XI. am 6. Februar sowie sein "Krönungstag" am 12. Februar 1922. Gestartet wurde das Forschungsprojekt "Pius XI. und Österreich" im Jänner 2009. Es kooperiert mittlerweile mit zahlreichen internationalen Partnern, so etwa auch mit dem vom Münsteraner Kirchenhistoriker Hubert Wolf koordinierten internationalen "Forschungsnetzwerk Pius XI."
Grundlage des internationalen wie des auf Österreich fokussierten Projekts ist die Öffnung der Vatikanischen Archive zum Pontifikat von Pius XI. im Jahr 2006. Durch Workshops, Forschungsseminare und die Vermittlung von Rom-Stipendien der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) konnten laut Klieber bereits beachtliche Ergebnisse zusammengetragen werden, die bei einer Internationalen Tagung am 22./23. November dieses Jahres in Wien offiziell präsentiert werden sollen.
Verfassungsänderung im Dienste des Gemeinwohls?
Ein enger Konnex zwischen Pius XI. und Österreich besteht u.a. durch die Erklärung der Regierung Dollfuß, mit dem "Ständestaat" zwischen 1934 und 1938 die päpstliche Enzyklika "Quadragesimo anno" (1931) politisch in die Tat umzusetzen - ein Experiment, das in anderer Form auch Portugal wagte. In der Literatur wird diese Enzyklika laut Klieber mitunter als "aktive vatikanische Sterbehilfe" am parlamentarischen System der Ersten Republik beschrieben - neuere Forschungen erlaubten nun jedoch einen "sehr viel differenzierteren Blick auf den Einfluss des Vatikans auf die Vorgänge in Österreich".
Konkret initiierte der Vatikan 1929 eine eigens nach Österreich entsandte "fact finding mission", um sich über die "religiöse Gefährlichkeit" der damaligen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (samt ihrem austromarxistischen Flügel) Gewissheit zu verschaffen. Auf den "Kulturkampffeldern" Ehe, Schule und Jugendarbeit ortete der Vatikan in Person des nach Österreich entsandten Luigi Faidutti die Gefahr eines "enormen religiösen Schadens", so Klieber.
Vor diesem Hintergrund erscheine die Selbstausschaltung des Parlaments im März 1933, die politischen Ereignisse im Februar 1934 und die Errichtung des "Ständestaates" in einem anderen Licht, sahen viele im katholischen Lager sich doch dadurch bestätigt in ihrem Wunsch nach einer staatlichen Neuordnung. Der Impuls von "Quadragesimo anno" in Richtung einer nach Ständen, d.h. korporativen Einrichtungen organisierten Gesellschaft sei bereitwillig aufgenommen und diskutiert worden. Für Dollfuß wurde die Enzyklika laut Klieber zu einem "starken moralischen Argument für seinen autoritären Kurs" - ein Kurs, den er u.a. beim "Allgemeinen Deutschen Katholikentag" im September 1933 in Wien verteidigte.
Im Oktober 1933 spitzten sich die Ereignisse schließlich zu, als Miklas klar wurde, dass die Regierung Dollfuß nicht etwa auf eine bloße Abänderung der Verfassung hinarbeitete, die - etwa im Blick auf eine Aufwertung des Präsidentenamtes und die Absicherung kirchlicher Positionen - auch in Miklas' Sinne gewesen wäre. Als sich die Signale in Richtung einer autoritär-diktatorischen Regierungsform verdichteten, trat für den überzeugten Katholiken Miklas "der Ernstfall seiner Gewissensentscheidung" ein, so Klieber. Und so suchte er - unter Umgehung des in Wien residierenden Nuntius - beim Papst persönlich Rat. Übermittler seines Schreibens war Kardinal Theodor Innitzer.
Die Antwort von Pius XI. folgte - datiert auf den 29. Dezember 1933 - in einem hoch vertraulichen Schreiben von Kardinalstaatssekretär Eugenio Pacelli. Darin versuchte Pius XI., die Gewissensskrupel des Präsidenten unter Hinweis auf das "Volkswohl" zu zerstreuen und ihn von einem Rücktritt zurückzuhalten, so Klieber.
Wörtlich heißt es in dem Brief: "Die Änderungen, die man an der Verfassung vorzunehmen im Begriffe steht, dienen aber offensichtlich dem höheren Wohle des Landes. Indem der Herr Bundespräsident sie gut heißt, hält er sich also, wenn auch nicht an den Buchstaben, so doch an den Geist seines Amtseides und gibt ihm eine höhere Erfüllung. [...] Der Heilige Vater ist aber der Meinung, dass es im vorliegenden Falle einfachhin gegen die salus populi verstoßen würde, wollte man nicht zu jenen Reformen greifen, welche die augenblickliche ernste und schwere Lage erheischt. Viel mehr noch würde es nach der Auffassung des Heiligen Vaters gegen die salus populi verstoßen, sich in diesem Augenblick höchster Gefährdung wesentlicher religiöser Interessen zurückzuziehen."
Vatikanischer Beitrag zum Ende der Demokratie?
Es spreche für Miklas, so Klieber, dass ihn die Worte des Papstes nicht beruhigten und er in einem vertraulichen Schreiben vom 2. Februar 1934 an die österreichischen Bischöfe abermals seine Bedenken formulierte. Indes machten die Ereignisse des 12. Februar diese Überlegungen schließlich obsolet. Man müsse sich jedoch zugleich die Frage stellen, so Klieber, ob die Entwicklungen in Österreich zur Zeit der Konsultation des Papstes nicht bereits so weit fortgeschritten waren, dass "selbst ein energischer Schritt des Bundespräsidenten wohl keine grundsätzliche Wende mehr herbeigeführt hätte".
Klieber zu dieser Frage abschließend: "Dem aktuellen Forschungsstand zufolge hat die Kurie unter Pius XI. nur indirekt über Ermutigungen und Ermahnungen ins politische Geschehen Österreichs eingegriffen. Die Konsultation des Präsidenten erfolgte allein auf dessen nachdrücklichen Wunsch."
Weiters gibt Klieber hinsichtlich des vatikanischen Vorgehens zu bedenken, dass die gängige kirchliche Lehre Staatsformen damals noch allein "ergebnisorientiert" beurteilte: Solange sie die "Naturrechte" (sprich: menschenrechtliche Grundstandards) und "Kirchenrechte" respektierte, wurden sie gut geheißen, sonst verurteilt.
Bundeskanzler Seipel hielt Kontakt
Schon vor den Ereignissen in den Jahren 1933/34 war Pius XI. informiert über die österreichischen Verhältnisse durch ein außerordentlich enges Verhältnis zu Bundeskanzler Ignaz Seipel - der Geistliche und Obmann der Christlichsozialen Partei von 1921 bis 1930 stand von 1922-24 und von 1926-29 der Regierung vor. Der gute Kontakt zu Pius XI. wurde vermittelt über einen vertrauensvollen Austausch mit dem damaligen vatikanischen Nuntius in Österreich, Enrico Sibilia. Quellenstudien haben nun laut Klieber gezeigt, dass Seipel u.a. mehrfach den Vatikan zu offiziellen Stellungnahmen zur Situation in Österreich angeregt hat.
Auch informierte Seipel den Nuntius exklusiv über die Beweggründe seines überraschenden Rücktritts im April 1929: So wollte er damit den Weg frei machen für "energische Schritte" der Innenpolitik, die er "mit Rücksicht auf seine Priesterwürde nicht selbst verantworten wollte", schreibt Klieber.
Vatikanisches Entsetzen nach "Anschluss"
"Mit Entsetzen" haben laut Klieber die römische Kurie und der seit 1936 in Wien amtierende Nuntius Gaetano Cicognani auf den Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich reagiert. Bereits vor dem Anschluss hatte der Nuntius wiederholt die mutlose Haltung von Bundeskanzler Kurt Schuschnigg gegenüber Hitler kritisiert.
Nach dem Einmarsch habe er schließlich vergeblich versucht, Kardinal Innitzer "von vorauseilenden Loyalitätsbekundungen abzuhalten". Klieber: "Es bedurfte eines massiven vatikanischen Drucks auf Innitzer, dass er nach Rom reiste, wo ihn der Papst scharf zurechtwies und nötigte, im 'Osservatore Romano' eine Klarstellung zu veröffentlichen." Auch ein vom österreichischen Rektor des Priesterkollegs Santa Maria dell'Anima, Alois Hudal, in Rom angesetztes "Te Deum" für den "Anschluss" konnte nur "auf allerhöchste kirchliche Weisung" unterbunden werden.
Bischofsernennungen wieder durch den Papst
Neue Erkenntnisse gibt es auch im Blick auf die Bischofsernennungen in Österreich nach 1918. So machte das Erlöschen des kaiserlichen Ernennungsrechtes für Bischöfe mit dem Ende der Monarchie eine Neuregelung dieser Frage notwendig. Neu geregelt wurden von Rom auch die traditionellen Ernennungs-Privilegien Salzburgs für die Diözesen Gurk und Seckau.
Theodor Innitzer war - wie die Quellen zeigen - etwa nur "zweite Wahl" für Pius XI. bei der Besetzung des Wiener Bischofsstuhls 1932. Vorgesehen war eigentlich der Linzer Pastoraltheologe Wenzel Grosam, der sich jedoch dem Amt verweigerte. Bei Bischofsernennungen in Seckau und Salzburg lassen die Quellen laut Klieber eine deutliche Einflussnahme von kirchennahen Politikern auf die Bischofswahl erkennen.
"Übersteigerter katholischer Gestaltungswille"
In einem Resümee zum Pontifikat von Pius XI. hält Klieber fest, dass dieser das Papstamt kraft seiner starken Persönlichkeit sowie der von ihm erreichten völkerrechtlichen Absicherung "zu einem neuen Höhepunkt seines Ansehens und Einflusses geführt" habe. Das habe gleichzeitig Erwartungen engagierter Katholiken gesteigert, von höchster Stellung sichere Weisungen für möglichst alle Fragen der turbulenten Zeit zu erhalten.
Gerade die für Österreich so folgenreiche Enzyklika "Quadragesimo anno" verweise jedoch "auf immanenten Grenzen und Gefahren dieses übersteigerten katholischen Gestaltungswillens". So habe die Gefahr bestanden, dass die katholische Kirche selbst in den Ring der Ideologien steigt. Die Kategorien der katholischen Soziallehre seien dafür aber "bei weitem zu unvollständig und vieldeutig" für ein alternative katholische Staats- und Gesellschaftsordnung gewesen. Das Konzept "Stände-Organisation" ist in späteren päpstlichen Äußerungen daher auch nicht mehr aufgegriffen worden, so Klieber.
Die Entscheidung im Gefolge des Zweiten Vatikanischen Konzils, "stärker die Autonomie der weltlichen Wissenschaften zu respektieren und die Äußerungen des Hl. Stuhles auf Grundsatzfragen des Glaubens und die Verteidigung von christlich-humanen Prinzipien zu konzentrieren", sei wohl nicht zuletzt eine Frucht der Erfahrungen mit der Ära Pius XI., urteilt der Wiener Kirchenhistoriker.