Feichtlbauer: Klasnic-Kommission agiert unabhängig
Publizist Feichtlbauer: Verantwortliche in der Kirche hätten Perspektive zugunsten der Opfer gewechselt - Weiterführende Debatte über Zölibat und klerikale Machtstrukturen notwendig
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Wien, 16.02.12 (KAP) Die Opferschutzkommission um Waltraud Klasnic kann ihre Entscheidungen über kirchliche Entschädigungszahlungen an Missbrauchsopfer völlig unabhängig treffen. Das betont der Publizist Hubert Feichtlbauer in einem Interview in der aktuellen Ausgabe der westösterreichischen Kirchenzeitungen. Die Bischöfe stünden "ohne Abstriche" zu ihrer Zusage, die Kommission völlig unabhängig arbeiten zu lassen und ihre Entscheidungen, auch was Entschädigungen angeht, zu respektieren. Vorwürfe wonach die Kommission Dinge vertuschen oder Täter schützen würde, weist Feichtlbauer zurück. "Wenn wir in 500 Fällen positiv im Sinne der Opfer entschieden haben und in knapp 20 negativ, dann kann man wohl kaum von Vertuschen reden." Die Kommission entscheide auch bei nicht unerheblichen Zweifeln im Sinne der Opfer.
Die Verantwortlichen in der Kirche hätten ihre Perspektive zugunsten der Missbrauchsopfer gewechselt, so Feichtlbauer, der der Opferschutzkommission seit ihrer Gründung vor zwei Jahren angehört. Es gebe dazu klare Richtlinien der Bischöfe. "Täter zu schützen, weil nicht sein kann, was nicht sein darf, ist heute nicht mehr 'drinnen'."
Ziel der Kommission sei "einzig und allein, den Opfern von Missbrauch und Gewalt in der Kirche ein Stück ihrer Würde wiederzugeben, ihnen Gehör zu schenken und ihnen durch symbolische Entschädigungen - denn wirklich abgelten, was ihnen angetan wurde, kann man nicht - zu zeigen, dass es der Kirche mit der Einsicht in die Schuld und der Bitte um Vergebung ernst ist".
Die Fachleute der Klasnic-Kommission seien bei ihrer Arbeit mit "erschütternden und furchtbaren" Details konfrontiert worden, betont Feichtlbauer. "Das betrifft sowohl die Taten selber als auch die oft perfiden Praktiken, mit denen die Opfer eingeschüchtert und zum Schweigen gebracht wurden." Aber auch bei der Suche nach möglichen Motiven von Tätern - etwa wenn diese in ihrer Kindheit selbst missbrauch worden sind - würden tragische Schicksale und Abgründe sichtbar.
Klerikale Machtstrukturen
Mittlerweile habe die Kirche für die künftige Prävention von Missbrauchsfällen "einiges in Gang gesetzt". Darüber hinaus spricht sich der frühere Vorsitzende der Plattform "Wir sind Kirche" in dem Interview für eine ernsthafte Diskussion über den Zusammenhang von Zölibat und Missbrauch aus. Die zölibatäre Lebensform sei "sicherlich nicht der alleinige 'Sündenbock'; aber dass sie gar nichts damit zu tun hat, ist genauso falsch", so Feichtlbauer. Eine "gründliche Überprüfung" der Frage, "wie die Kirche die Sexualität insgesamt sieht", sei nötig.
Der Publizist vermisst zudem eine kritische Auseinandersetzung mit "klerikalen Machtstrukturen" in der Kirche. Diese hätten nicht nur das Vertuschen von Missbrauchsfällen begünstigt; dass sie von Tätern, die auf einem hohen gesellschaftlichen und moralischen Podest standen, auch massiv unter Druck gesetzt wurden, habe bei vielen Opfern die Vertrauens- und Glaubensfähigkeit zerstört, schildert Feichtlbauer: "Bis heute können manche keine Kirchenglocken hören oder einer Messe beiwohnen. Wenn sie dennoch hingehen, dreht sich ihnen der Magen um."