Kirche für gesellschaftlichen Wertewandel unerlässlich
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St. Pölten, 23.02.2012 (KAP) Die Gesellschaft werde sicher nicht davon profitieren, wenn der Einfluss der Kirche noch weiter zurückgeht: Davon zeigte sich der Herzogenburger Propst Maximilian Fürnsinn zum Auftakt des Symposions "Heimat - christlich - Abendland" am Mittwochabend in Stift Dürnstein überzeugt. Im Rahmen einer Podiumsdiskussion ortete der Propst ein großes Unbehagen in der Gesellschaft. "Wir haben eine Wirtschaftskrise, aber eigenlicht spüren alle, dass dem eine ethische Krise zugrunde liegt", so Fürnsinn.
Deftiger drückte es der Wiener Philosoph Peter Kampits aus: "Die jüngsten Korruptionsfälle zeigen, dass jedwede Form von auch nur primitivster Anständigkeit verloren gegangen ist." Und - selbst antwortlos - fügte er hinzu: "Wieso gehen wir seit Jahren der maßlosen Ökonomisierung der Welt auf den Leim?"
Etwas weniger pessimistisch zeigte sich Propst Fürnsinn. Seiner Ansicht nach sei die Zeit reif für einen positiven Wandel. Die Kirche biete dabei wertvolle Orientierung. Er wolle aber nicht so sehr von kirchlichen Werten sondern von "Werten des Evangeliums" sprechen.
Der Kabarettist Gregor Seberg, Moderator und zugleich Diskussionsteilnehmer, wünschte sich von der Kirche ein stärkeres Auftreten, wenn es darum geht, gesellschaftliche Missstände und Fehlentwicklungen aufzuzeigen. Die Zeit der harmonisierenden und besänftigenden Volkskirche sei sowieso vorbei. Man brauche darauf nicht mehr Rücksicht nehmen, so Seberg.
Die deutsche Politologin Antje Schrupp gab der Kirche in Person Fürnsinns den Rat mit auf den Weg, das Internet und neue Kommunikationsformen wie Facebook stärker zu nutzen, um mit den Menschen wieder ins Gespräch zu kommen. Damit zog sie sich allerdings den Groll von Peter Kampits zu: Das Internet habe einen dramatischen Verlust von Wirklichkeit mit sich gebracht. Die Menschen lebten nur mehr in Pseudowelten, soziale Fähigkeiten wie Empathie gingen verloren.
Eine weitere heftige Kontroverse der beiden Diskutanten: Schrupp sprach sich für das bedingungslose Grundeinkommen als zukunftsfähiges Gesellschaftsmodell aus, Kampits sprach ablehnend von einer "Sozialutopie".
Kaum Erwartungen an die Politik
Einig waren sich hingegen alle Diskutanten, dass von der Politik hinsichtlich eines Wertewandels am wenigsten zu erwarten sei, auch wenn Propst Fürnsinn den meisten Politikern zumindest Bemühen zugestand. Aber auch er hob die Notwendigkeit hervor, dass die Zivilgesellschaft einen solchen Wandel herbeiführen müsse, und dabei spiele die Kirche eben auch eine wesentliche Rolle.
Alle soziologischen Untersuchungen zeigten beispielsweise, dass Kirchgänger in der Regel sehr stark sozial motiviert sind, so Fürnsinn. Er setze auch große Hoffnungen in die Jugend, die er für nicht so egoistisch und materialistisch eingestellt halte, wie dies oft dargestellt wird. Der Herzogenburger Propst verwies u.a. auf die "youngCaritas" oder die große Jugend-Sozialaktion "72 Stunden".
Diesen Jugendbefund Fürnsinns bestätigte auch die Wiener Flüchtlingshelferin Ute Bock. Viele Jugendliche würden sie - zum Teil in Form von Schulprojekten - in ihrer Arbeit unterstützen. Und nicht alle Reichen dürften über einen Kamm geschoren werden.
Einig waren sich Fürnsinn, Bock, Kampits und die Religionsjournalistin Ursula Baatz, dass die Schule für die Wertvermittlung eine herausragende Rolle spielt. Fürnsinn verwies in diesem Zusammenhang auf die rund 70.000 Schüler, die eine katholische Privatschule besuchen. Er nehme als Anregung mit, in diesen Schulen noch stärker als bisher auf Wertevermittlung und soziale Praxis zu setzen. Nachsatz von Ute Bock: Zur Vermittlung von sozialen Werten brauche es Vorbilder: "Reden bringt nichts. Man muss etwas tun."
Das Symposion "Heimat - christlich - Abendland" - Von welchen Werten reden wir?" beschäftigt sich noch bis Sonntag im ehemaligen Augustiner-Chorherrenstift Dürnstein und an der Donau-Universität Krems mit Fragen von Werten und Wertebegründungen aus unterschiedlichen Perspektiven.
Weitere Informationen sind unter http://www.donau-uni.ac.at abrufbar.