"Dramatische Situation der Christen im Nahen Osten"
Wien, 24.1.07 (KAP) Die Stiftung "Pro Oriente" möchte heuer den Dialog mit der russisch-orthodoxen Kirche sowie mit den orthodoxen Kirchen Südosteuropas weiter intensivieren. Zugleich stehen die Beziehungen zum Islam im Zentrum der inhaltlichen Bemühungen. Dabei möchte man großes Augenmerk auf die orientalisch-orthodoxen Kirchen legen, die sich im islamischen Umfeld oft von den Christen des Westens vergessen sehen. Die Situation der Christen im Nahen Osten sei "dramatisch", so "Pro Oriente"-Präsident Johann Marte am Mittwoch bei einem Pressegespräch in Wien.
Bei dem Pressegesprächn erinnerte Marte daran, dass mit dem Beitritt von Rumänien und Bulgarien nun bereits mindestens 45 Millionen orthodoxe Christen innerhalb der Grenzen der EU leben. Insofern sei der katholisch-orthodoxe Dialog auch keine rein innerkirchliche Angelegenheit mehr, sondern habe auch große gesellschaftspolitische Bedeutung.
Die Erfahrung zeige, so Marte weiter, das im Dialog zwischen katholischer und orthodoxer Kirche oft weniger theologische Hindernisse im Weg stünden als vielmehr historisch bedingte Vorurteile oder Missverständnisse. Um diese zu beseitigen, findet beispielsweise von 7. bis 12. Mai in Wien die 4. internationale Konferenz zum quellenkritischen Forschungsprojekt über die "Union von Siebenbürgen" statt. An diesem Projekt sind orthodoxe, unierte (griechisch-katholische), evangelische und römisch-katholische Experten aus Rumänien und Österreich beteiligt, die eine gemeinsame und von allen Konfessionen anerkannte Darstellung der historischen Ereignisse verfassen wollen, die im Jahr 1700 zur "Union von Siebenbürgen" führten. Damit, so Marte, wolle man - ganz im Sinne von Johannes Paul II. - zur "Reinigung des Gedächtnisses" beitragen und einen wichtigen Impuls zur Überwindung einer Jahrhunderte langen Auseinandersetzungen liefern.
Wie der Wiener Ostkirchenexperte Prof. Rudolf Prokschi betonte, sollen erste Ergebnisse dieses Forschungsprojekt bereits bei der Dritten Europäischen Ökumenischen Versammlung (EÖV3) im September in Sibiu schriftlich präsentiert werden. Damit sei auch deutlich, dass es im Rahmen diese Projekts - wie auch bei einem ähnlichen zur "Union von Brest" (in der Ukraineund Weißrussland - bereits zu einer großen Annäherung zwischen den Konfessionen gekommen ist.
Christen in Basra sind verloren
Die dramatische Verschlechterung der Situation der Christen in islamisch dominierten Staaten ist Anlass zu einer internationalen Konferenz im Juni (12. bis 16. Juni) in Wien. Unter dem Motto "Der Status religiöser Minderheiten in Europa und im Nahen Osten" sollen Begriffe wie "Toleranz" und "Religionsfreiheit" in Theorie und Praxis sowie die aktuelle rechtliche Situation in Europa wie auch im Nahen Osten unter die Lupe genommen werden, wie der Vorstand des Institus für Rechtsphilosophie, Religions- und Kulturrecht, Prof. Richard Potz, bei der Pressekonferenz erläuterte.
Potz betonte, dass sich die Situation für die christlichen Minderheiten im Nahen Osten sehr differenziert darstelle. Während es etwa den Christen in Syrien relativ gut gehe, sei die Situation im Irak, vor allem im Süden, aber auch in den mittleren Landesteilen, katastrophal. Präsident Marte wies darauf hin, dass im Südirak in der Region Basra das christliche Leben - trotz der "offiziellen" Besetzung der Region durch britische und verbündete Truppen - beinahe vollständig zum Erliegen gekommen sei. Fast alle Christen seien geflohen, Angehörige von Geistlichen seien von Islamisten bestialisch ermordet worden, ohne dass die irakischen "Behörden" oder die britischen Besatzungstruppen eingegriffen hätten. Auch der chaldäisch-katholische Erzbischof von Basra, Gabriel Kassab, eine herausragende Gestalt der nahöstlichen Christenheit, sei vom Vatikan veranlasst worden, sich nach Australien zurück zu ziehen (Kassab war noch im Jahr 2003 Ehrengast des alljährlichen Ökumenischen Empfangs von Kardinal Christoph Schönborn). Derzeit halte nun nur noch ein einziger chaldäisch-katholischer Priester in Basra die Stellung. Basra, noch vor wenigen Jahren eine Hochburg der Christen, sei als Ergebnis westlicher Politik und islamistischen Totalitarismus praktisch "christenfrei".
Diese Situation sei umso tragischer, so Marte, als die irakischen Christen dieses Szenario genauso vorausgesehen hätten. Entsprechende Interventionen von kirchlichen Repräsentanten - bis hin zu Johannes Paul II. - hätten aber vor dem Irakkrieg 2003 in Washington keine Konsequenzen gezeitigt.
Der Auseinandersetzung der orientalischen Kirchen mit dem Islam ist auch eine Tagung im Rahmen des Forschungsprojekts "Pro Oriente Studies of Syriac Tradition" gewidmet. Die Expertentagung findet vom 5. bis 10. November in Wien statt.
Albanien und Kosovo
Eine weitere, von "Pro Oriente" initiierte Tagung in Wien beschäftigt sich mit "Religion und Kultur im albanischsprachigen Westbalkan" (3. bis 7. Oktober). Ziel dieser Tagung - an der albanische Intellektuelle wie auch Experten aus anderen europäischen Ländern teilnehmen - ist es, der Bedeutung von Religion und Religiösität in Vergangenheit und Gegenwart in Albanien und den umliegenden Regionen nachzugehen. Dabei sollen u.a. etwa auch die von 1967 bis 1991 dauernde Epoche des verordneten Atheismus in Albanien aber auch die aktuellen kulturellen und religiösen Hintergründe im Kosovo zur Sprache komme, so der Projektleiter der Konferenz, Prof. Oliver Schmitt. Für viele albanische Intellektuelle hat heute noch der Ende des 19. Jahrhunderts geprägte Slogan "Die Religion des Albaners ist der Albanismus" Gültigkeit.
Mohammed und Christentum
Neben wissenschaftlichen Tagung stehen auf dem "Pro Oriente"-Programm auch zahlreiche öffentliche Veranstaltungen. Etwa am 22. Februar ein Vortrag des anglikanischen Bischofs von Gibraltar, Geoffrey Rowell, sowie des orthodoxen Theologen Erzpriester Wladimir Iwanow über anglikanische und orthodoxe Zugänge zur "Herrlichkeits-Theologie in der Kirche von England im 20. Jahrhundert".
Am 8. Mai hält P. Sidney Griffith von der Catholic University of America einen Vortrag zum Thema "What did Mohammed know about Christianity?" (Was wusste Mohammed über das Christentum). P. Griffith gilt als einer der profundesten christlichen Islam-Experten.
Am 18. April wird in Wien das Buch "Elias Chacour - Israeli, Palästinenser, Christ" präsentiert, das von "Pro Oriente"- Mitarbeiterin Pia de Simony und der Wiener Publizistin Marie Czernin verfasst wurde. Chacour stammt aus einem kleine Dorf in Galiläa, er gründete 2003 die erste christlich-arabische Hochschule in Israel, ist einer der maßgeblichen Wegbereiter einer Versöhnung zwischen den Religions- und Volksgruppen im Nahen Osten und wurde bereits drei Mal für den Friedensnobelpreis nominiert. 2006 wurde er zum griechisch-katholischen (melkitischen) Erzbischof von Galiläa ernannt. (Informationen: Internet: www.pro-oriente.at).