"Die Lateinamerikaner wissen zu wenig von Christus"
Wien, 24.1.07 (KAP) Im Vorfeld der Papstreise zur V. Vollversammlung des lateinamerikanischen Bischofsrats CELAM hat der honduranische Kardinal Oscar Andres Rodriguez Maradiaga, in europäische Hauptstädten - darunter in Wien - zentrale Anliegen der Kirche des Subkontinents zusammengefasst. Hauptsorge sei, dass die meisten Lateinamerikaner praktisch nichts über das Evangelium und die Soziallehre der Kirche wissen, sagte der Erzbischof von Tegucigalpa am Dienstag bei einem Pressegespräch in Wien: "In unserem Land hören die Menschen vielleicht 15 Minuten pro Woche etwas von Christus. Den Rest der Zeit sind sie Jünger des Konsumismus, des Fernsehens und der Propagierung falscher Ideale". Ähnlich hatte sich Rodriguez Maradiaga in einem Vortrag in der argentinischen Botschaft beim Heiligen Stuhl geäußert.
Der Kardinal war am Wochenende auch mit Papst Benedikt XVI. zusammengetroffen; Rodriguez Maradiaga nahm an der Vollversammlung der Päpstlichen Lateinamerika-Kommission teil. Benedikt XVI. habe vor den Kommissionsmitgliedern mehrere "heiße Eisen" angesprochen: Den von einzelnen Theologen und neuen Caudillos propagierten "Indigenismo", einen Rassismus, der nicht der Realität Lateinamerikas entspricht, die Gewalt, den Drogenhandel und die Ausbreitung der Sekten. Diese Themen werden auch bei der CELAM-Vollversammlung im brasilianischen Aparecida eine Rolle spielen.
Kritik an Chavez
Befragt zum lateinamerikanischen Neo-Caudillismo - insbesondere in Venezuela -, übte Rodriguez Kritik. Wenn Präsident Hugo Chavez gute Politik machen wolle, sei das recht: "Aber es gibt ein Problem: Wie kann man Gerechtigkeit stärken, indem man einen Diktator unterstützt? Hier wird ein Modell der Vergangenheit imitiert - dafür spricht auch die Anwesenheit von 1.000 kubanischen Lehrern und 1.000 kubanischen Ärzten. Ich fürchte, hier geht man zurück statt nach vorne".
Im Zusammenhang mit der Ausbreitung der Sekten sprach der Kardinal von "spirituellen Drogen" und "religiöser Industrie". Die Sekten hielten "Drogen" für die Menschen bereit. So gebe es Ankündigungen, wann und wo sich Massen-Wunderheilungen ereignen würden. "Industriell" inspiriert sei die Geschäftemacherei. Rodriguez verwies auf den Chef der brasilianischen "Igreja Universal", Edir Maceido, einen Multimillionär. Seine Sekte verbreite ein Video für Pastoren, in denen Maceido Lektionen erteile, wie erfolgreiches Fund-Raising zu betreiben sei.
Irakkrieg trifft Lateinamerikaner
Heftige Kritik übte der Kardinal auch am Irak-Krieg, der viele Lateinamerikaner betreffe. Für viele illegale Einwanderer in den USA gehe der Weg zu einer Legalisierung ihres Status über eine Meldung zu den Streitkräften. Nächste Station sei dann Irak oder Afghanistan. "Wie können wir mit so einem Krieg gut ins 21. Jahrhundert starten? Wenn jetzt noch 25.000 US-Soldaten in den Irak kommen sollen, ist das keine Lösung", meinte Rodriguez Maradiaga.
Bei seinem Wien-Besuch stellt der honduranische Erzbischof auch ein Radioschulen-Projekt für den Großraum Tegucigalpa vor, das von der Salesianer-Jugendorganisation "Jugend eine Welt" (J1W) promotet wird. Ziel ist es, Schulabbrechern die Chance zu einem Sekundärschulabschluss zu geben. Die durchschnittliche Schulbesuchsdauer beträgt in Honduras derzeit gerade 4,5 Jahre.
Kardinal Rodriguez Maradiaga betonte, das Projekt sei vom Werk des Radioschulen-Pioniers P. Franz Tattenbach SJ (1910-92) inspiriert. Der aus München stammende Jesuit hatte ab 1974 in Costa Rica eine Radioschule für Erwachsene entwickelt, die armen Landbewohnern einen staatlich anerkannten Schulabschluss ermöglichte. 1978 gründete P. Tattenbach in Guatemala eine weitere "Radio-Escuela" und verlegte seinen Wohnsitz dorthin. Über diese Schule erwarben rund 30.000 Menschen einen Schulabschluss, der in ganz Lateinamerika anerkannt ist. Die guatemaltekischen Programme werden außer in Spanisch auch in vier Sprachen der indianischen Minoritäten gesendet.
Gegner einer ökonomischen Globalisierung
Kardinal Oscar Andres Rodriguez Maradiaga hatte beim Konklave 2005 als "Papabile" gegolten. Der 1942 geborene Rodriguez Maradiaga war nach seiner Schulzeit in den Salesianerorden eingetreten. Er studierte in Tegucigalpa, Rom und Innsbruck. Nach der Priesterweihe 1970 unterrichtete er in verschiedenen ordenseigenen Schulen Physik, Mathematik und Chemie. Er besitzt ein Diplom in klinischer Psychologie und Psychotherapie aus den USA. Am Theologischen Institut der Salesianer im Nachbarstaat Guatemala lehrte er Ekklesiologie und Moraltheologie. Neben Latein und Griechisch spricht er sechs Sprachen fließend. In jungen Jahren wurde Rodriguez zum Weihbischof ernannt; es war eine der ersten Personalentscheidungen von Johannes Paul II. 1993 wurde er zum Erzbischof seiner Heimatstadt Tegucigalpa ernannt. Seit 2001 trägt Rodriguez Maradiaga den Kardinalspurpur.
In den vergangenen Jahren machte er sich einen Namen als entschiedener Gegner einer rein von der Wirtschaft dominierten Globalisierung. So überreichte er 1999 im Rahmen des Kölner Weltwirtschaftsgipfels gemeinsam mit "U2"-Frontman Bono dem damaligen deutschen Bundeskanzler Gerhard Schröder 17 Millionen Unterschriften für eine weit reichende Entschuldung armer Länder. Für die Entschuldungskampagne "Jubilee 2000" hatte er die Schirmherrschaft übernommen.