Bischof Scheuer ruft zu Spenden für Westafrika auf
"Caritasbischof" im "Kathpress"-Interview zur Hungerkrise - Kirchliche Strukturen in betroffenen Ländern stark - Konzilsjubiläum: Streit ums Konzil ist "Zeichen der Lebendigkeit der Kirche" - Pfarrer-Initiative: "Es geschieht nicht Nichts!"
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Innsbruck, 04.04.2012 (KAP) Angesichts der wachsenden Hungerkrise in der afrikanischen Sahelzone ruft "Caritasbischof" Manfred Scheuer die Österreicher dringend zu Spenden auf. "Ich bitte Sie um Ihre Solidarität, denn die Betroffenen haben vielerorts bereits mit schwierigen politischen Verhältnissen zu kämpfen und dennoch ihren aufrechten, würdevollen Gang bewahrt - nun brauchen sie Ihre Hilfe", so der Innsbrucker Bischof im Gespräch mit "Kathpress".
Nach Caritas-Angaben sind insgesamt mehr als 13 Millionen Menschen in den betroffenen Ländern Mali, Tschad, Niger, Mauretanien, Burkina Faso, dem Senegal, Gambia, Kamerun und im Norden Nigerias vom Hunger bedroht. Den Höhepunkt der Krise erwarten Experten in den Monaten Mai bis September.
Die Kirche biete durch ihre vorhandenen Strukturen wichtige Anlaufstellen in den betroffenen Ländern, erklärte Bischof Scheuer der "Kathpress". Es sei erstaunlich, dass selbst dort, wo die Christen gegenüber der muslimischen Mehrheitsbevölkerung eine deutliche Minderheit darstellten, die Kirche über starke Strukturen und ein hohes öffentliches Ansehen verfüge.
Dies sei einerseits auf das starke kirchliche Engagement im sozialen sowie im Bildungsbereich zurückzuführen, andererseits auf die gute Gesprächsbasis mit dem Islam in einigen der Länder. In Mali und Burkina Faso etwa - beide Länder hat Bischof Scheuer selbst bereist - sei der Dialog mit dem Islam "selbstverständlich"; in anderen Ländern wie etwa Nigeria sei dies jedoch problematischer.
Erst vor wenigen Tagen hatte sich die österreichische Caritas mit einem Hilfsappell an die Öffentlichkeit gewandt. Man stehe vor einem "Drama mit ungeheurem Ausmaß", warnten Caritas-Präsident Franz Küberl und Caritas-Auslandshilfechef Christoph Schweifer. Nur eine sofortige und massive internationale Hilfe könne die Katastrophe in der Sahelzone noch verhindern. Daher sucht die Caritas Spender, die von April bis September eine "Patenschaft gegen den Hunger" übernehmen und so mithelfen, die Nahrungsmittelkrise zu überwinden.
Die heimische Caritas ist durch Projektpartner vor Ort vor allem in der Soforthilfe aber auch in langfristigen Hilfsprojekten wie etwa dem Brunnen- und Teichbau aktiv. Gegenwärtig konzentriert sich ihre Hilfe auf die Versorgung von Kindern, Schwangeren, Stillende und alten Menschen mit Zusatznahrung sowie den Ankauf von Getreidevorräten.
(Caritas-Spendenkonto: PSK 7.700 004, BLZ 60.000, Kennwort: Hunger Westafrika. Infos zu "Patenschaften gegen Hunger" unter www.caritas.at)
"Streit um Konzil zeigt Lebendigkeit der Kirche"
Auch 50 Jahre nach seiner Eröffnung spaltet das Zweite Vatikanische Konzil (1962-65) noch Bischöfe, Theologen und Gläubige. Für eine positive Bewertung dieses aktuell wieder aufflammenden Streits spricht sich der Innsbrucker Bischof Manfred Scheuer aus. "Der Streit um das Konzil zeigt die Lebendigkeit der Kirche", so Scheuer im Gespräch mit "Kathpress".
Konkret geht es in diesem Streit etwa um die Frage einer Kontinuität oder Diskontinuität des Konzils zur kirchlichen Tradition, um die Frage nach dem Verhältnis von kirchlicher Hierarchie und "Communio"-Struktur und das Verhältnis von Orts- und Weltkirche zueinander. In diesen Fragen habe das Konzil selbst sich nicht auf die eine oder andere Seite festgelegt, sondern bewusste Spannungen aufgebaut. Wenn man sich im heurigen Jubiläumsjahr dem Konzil neu nähere, so müsse man daher sehen, dass "Kirche nie ein monolithischer Block ist", sondern immer von Deutungs- und Auslegungsprozessen bestimmt ist.
Eng verknüpft mit dem Konzilsjubiläum sieht Bischof Scheuer das heurige, von Papst Benedikt XVI. ausgerufene "Jahr des Glaubens". Ähnlich wie das Konzil ziele auch das "Jahr des Glaubens" auf eine "Erneuerung des Glaubens" und auf einen "Gang zu den Quellen des Glaubens" ab. Wenn das Konzil etwa die starke Fixierung des Glaubens auf Christus (Christozentrik) unterstreicht, so seien damit "Spuren gelegt, die heute noch lange nicht eingeholt sind" - etwa wenn es darum geht, größere "Gelassenheit" im Blick auf hitzige Reform- und Strukturdebatten zu entwickeln.
Auch gelte es, im "Jahr des Glaubens" Kirche neu vom Konzil her zu begreifen: Denn Kirche sei - das hat das Konzil aufgezeigt - "nicht selbst die Antwort auf die Fragen der Menschen, sondern Gott". Kirche sei "ein Werkzeug" und "für sich allein genommen eigentlich Nichts", so Scheuer.
Pfarrer-Initiative: "Es geschieht nicht Nichts!"
Mit Nachdruck wehrt sich der Innsbrucker Bischof Manfred Scheuer gegen jeden Eindruck, die Kirche wolle die Diskussionen rund um die Pfarrer-Initiative "aussitzen". Es gebe in allen Diözesen Gespräche mit Pfarrern der Initiative und Versuche, die angestoßenen Themen "weiterzudenken" - etwa die Frage der konkreten Amtsausübung, der priesterlichen Lebensform, das Problem der Arbeitsbelastung. "Es geschieht ja nicht Nichts", so Scheuer gegenüber "Kathpress". Aber man müsse stets im Auge haben, "was man tatsächlich erwarten kann". Manchmal habe er den Eindruck, "dass Differenzierungen der Fragen nicht willkommen sind - auf beiden Seiten".
Gegenüber der "Tiroler Tageszeitung" (Donnerstag) fügt Scheuer hinzu, dass es keine "raschen Lösungen" der Fragen geben werde. Es sei zwar wichtig, die Anliegen anzuhören und wahrzunehmen, es gebe aber Bereich, in denen man klar sagen müsse: "so geht das nicht"; etwa im Bereich der "Sakramente oder wenn es um die Einheit der Kirche geht". Scheuer: "Das Ineinander von konkreter Not, von Protest und anderen Interessen und von öffentlicher Aufmerksamkeit macht das Ganze nicht gerade leichter."
Zu den von der Pfarrer-Initiative u.a. aufgeworfenen Themen zählt auch der pastorale Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen. Dazu hält Bischof Scheuer im Gespräch mit "Kathpress" fest, dass es "in fast allen Diözesen ähnliche Wege gibt" - d.h. Wege, in denen mit Betroffenen nach Einzelfalllösungen gesucht wird. "Keine Perspektive" sehe er für Lösungsvorschläge, die entweder auf einem "strikten Verbot" für Eucharistieteilhabe wiederverheirateter Geschiedener beharren oder eine rechtliche Freigabe fordern, die eine "Vergleichgültigung" dem Wert der Ehe gegenüber bedeuten würde. Einzelfalllösungen wie etwa die in Wien zur Anwendung kommenden "Fünf Aufmerksamkeiten" seien "ein durchaus verantwortbarer Weg", der auch in anderen Diözesen ähnlich gegangen werde.
Nach Wien geht der Blick darüber hinaus auch beim Thema kirchliche Strukturreformen: So gebe es weitgehende Einigkeit etwa in dem beim Wiener diözesanen Reformprozess eingeschlagenen Weg, Strukturreformen und geistlichen Aufbruch zu verbinden. "Eins muss klar sein: die Veränderung von Strukturen allein bringt nicht automatisch neues Leben", so Scheuer. "Struktur und Geist hängen zusammen - aber Geist ist durch Strukturen nicht produzierbar". Daher müsse man sich bei allen Veränderungen stets fragen, "inwiefern die kirchlichen Strukturen dem Anliegen des Evangeliums entsprechen", so der Innsbrucker Bischof. In Tirol etwa gehen strukturelle Veränderungen einher mit einem Ausbau des Angebots an "Exerzitien im Alltag" und mit Programmen zur Erneuerung des Glaubens und Lebens in den Pfarren.
Bischof froh über Entfernung der FP-Wahlplakate
Froh zeigte sich Bischof Scheuer über die Entfernung der umstrittenen FP-Wahlplakate in Innsbruck: "Fremde, Migranten oder Menschen mit Behinderungen dürfen nicht ausgegrenzt, ihre Menschenrechte und ihre Menschenwürde nicht verletzt werden", kommentierte er gegenüber der "Tiroler Tageszeitung" die Plakate, die den Textzug "Heimatliebe statt Marokkaner-Diebe" trugen.
Er glaube nicht, dass es zum Erfolg führe, "mit Ressentiments gegenüber bestimmten Gruppen zu arbeiten oder zu glauben, damit Stimmen zu gewinnen". Zugleich sei er froh, dass "das öffentliche Bewusstsein so stark" sei, dass dies zur Entfernung der 33 Großplakate geführt habe.
Ökumene: Bischof bremst Erwartungen
Bei zwei ökumenischen Detailfragen bremste Bischof Scheuer im Gespräch mit "Kathpress" die Erwartungen: So sei bei dem auch unter den Bischöfen seit langem intensiv diskutierten Thema des gemeinsamen Kommunionempfangs bei gemischt-konfessionellen Ehepaaren keine baldige Lösung absehbar. "Da kann ich nichts versprechen." Zugleich verwies Scheuer auf die bereits von Kardinal Kasper angedachte Form der "Einzelfallgerechtigkeit", d. h. der jeweils individuellen Suche nach pastoral verantwortbaren Lösungen.
Keine baldige Lösung zeichne sich außerdem bei der Frage nach einem gemeinsamen katholisch-orthodoxen Ostertermin ab. Auch wenn ein solcher gemeinsamer Termin "ein starkes Zeichen eines gemeinsamen christlichen Zeugnisses" wäre, so hinderten doch vor allem "unterschiedliche kulturelle Traditionen" die Kirchen nach wie vor daran, diese Frage zu lösen. "Die Erwartungshaltungen dürften sich nicht so bald erfüllen", so Scheuer.