Dollfuß-Bild wird demnächst verhängt
St. Pölten, 1.2.07 (KAP) Das umstrittene Wandbild im Altarraum der einstigen Karmelitinnenkirche ("Prandtauerkirche") in St. Pölten wird demnächst verhängt. Das Wandbild zeigt Bundeskanzler Engelbert Dollfuß (1892-1934), in dessen Amtszeit das unter Joseph II. entweihte barocke Gotteshaus der Kirche zurückgegeben worden war. Diözesanbischof Klaus Küng möchte in Zusammenarbeit mit allen Beteiligten eine neue Gestaltung für den Altarraum erarbeiten lassen.
Das neobarocke Wandbild war von den deutschen Künstlern Manfred Stader und Edgar Müller 2005 angefertigt worden. Es zeigt im oberen Teil eine Allegorie der drei göttlichen Tugenden Glaube, Hoffnung, Liebe und widmet sich in den unteren Seitenfeldern der Geschichte der Kirche. Im linken Feld wird der Gründung des einstigen Karmelitinnenklosters gedacht, im rechten Seitenfeld der Wiedereinweihung der Kirche im Jahr 1934. Dort werden die kirchlichen und weltlichen Repräsentanten dieses Jahres bildlich dargestellt, Bischof Michael Memelauer und der damalige Bundeskanzler Engelbert Dollfuß.
Auf dem Hintergrund der Diskussionen um das Bild hatte das St. Pöltner Ordinariat am 11. Jänner die Entscheidung Bischof Küngs mitgeteilt. Zugleich wurde betont, dass das Bildmotiv als "Ausdruck der Dankbarkeit für die Rückstellung der Kirche" gewählt worden war. Niemand habe die Absicht gehabt, "andere zu provozieren oder alte Grabenkämpfe wieder aufleben zu lassen". Es sei keinerlei "politische Botschaft" beabsichtigt gewesen.
Die Bewertung von Bundeskanzler Dollfuß ist wegen der Ereignisse um den 12. Februar 1934 - nicht zuletzt wegen der Hinrichtung mehrerer sozialdemokratischer "Schutzbund"-Angehöriger - bis heute umstritten. Der Grazer Kirchenhistoriker em. Prof. Maximilian Liebmann hat in diesem Zusammenhang darauf aufmerksam gemacht, dass es beharrliche Legendenbildungen gibt, die trotz gegenteiliger historischer Beweislage weiter gepflegt werden. Dies betreffe insbesondere die Darstellung, dass einer der Verurteilten "auf einer Tragbahre zum Galgen geschleppt" worden sei. Wörtlich sagte Prof. Liebmann im Gespräch mit "Kathpress": "So schrecklich, unmenschlich und unverzeihlich die Todesurteile, insbesondere die Hinrichtungen, auch waren und sind, so verfehlt ist es, diese Bluttat noch durch horrible Legenden zu überfrachten". Unverständlicherweise halte sich die "obskure Legende" auch in seriösen Geschichtsdarstellungen.
Der Kirchenhistoriker hat u.a. im Wiener Diözesanarchiv die Berichte der Gefangenenseelsorger an Kardinal Theodor Innitzer eingesehen. Aus diesen Berichten gehe hervor, dass Karl Münichreiter - auf den sich die Tragbahren-Darstellung bezog - "eine Zigarette rauchend, seelenruhig aus der Armensünderzelle zur Richtstätte ging". Der Gefangenenseelsorger Josef Supp habe noch hinzugefügt: "Bei der Hinrichtung benahm sich Münichreiter vollständig ruhig und gefasst ohne etwas auszurufen".
Prof. Liebmann verweist darauf, dass Kardinal Innitzer offensichtlich bei der Dollfuß-Regierung nachhaltig für die Begnadigung der standgerichtlich Verurteilten interveniert hatte. Nur so sei ein "ins Detail gehender Rechtfertigungsversuch" des damaligen Justizministers Kurt Schuschnigg in einem Brief an Innitzer zu erklären. Zur Formulierung Schuschniggs, dass "die Anzahl der Justifizierten mit acht glücklicherweise eine sehr geringe" war, müsse man aber feststellen, dass es "um acht zu viel waren", so der Historiker. (ende)