Stützenhofen: Zulehner verteidigt Schönborn
Pastoraltheologe Paul M. Zulehner, Wiener Pastoralamtsleiterin Veronika Prüller-Jagenteufel und Pfarrer-Initiativen-Obmann Helmut Schüller diskutierten in ORF-Sendung "Journal Panorama"
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Wien, 12.04.2012 (KAP) In der sich mittlerweile zum medialen Dauerbrenner entwickelnden "Causa Stützenhofen" stellt sich nun auch der Pastoraltheologe Paul M. Zulehner dezidiert hinter Kardinal Christoph Schönborn. Durch die Entscheidung des Wiener Erzbischofs, die Pfarrgemeinderatswahlen in Stützenhofen anzuerkennen und damit auch den homosexuellen Florian Stangl für den Pfarrgemeinderat zuzulassen, habe die Kirche "in dieser Auseinandersetzung weit mehr gewonnen als verloren", so Zulehner in der ORF-Sendung "Journal Panorama" am Mittwochabend. Er habe von vielen Menschen - auch von weit entfernt stehenden - gehört, dass sie die Entscheidung des Kardinals begrüßen und zur Kenntnis nehmen, dass sich in der Kirche "doch etwas zu bewegen scheint".
Den Eindruck, dass der Kardinal mit seiner Entscheidung letztlich das Kirchenrecht gebeugt habe, könne er nicht teilen: "Man legt einem Bischof bei der Weihe ja nicht den Kodex aufs Haupt, sondern das Evangelium", erinnerte Zulehner. Schönborn habe "auf frappierende Weise" deutlich gemacht, dass nicht die Frage der Rechtskonformität im Vordergrund stehen müsse, sondern die Frage, wie Jesus selbst in einer solchen Situation gehandelt hätte. Das bedeute keinesfalls einen Abschied von einer nach Recht und Ordnung strukturierten Kirche: "Unsere Normen und Spielregeln machen Sinn - ich möchte ja auch nicht in einer rechtlosen Kirche leben, sondern in einer Rechtskirche". Es gebe aber Situationen, wo man auf den Einzelfall blicken müsse, so Zulehner. "Und ich finde, da ist die Kirche auf einem hervorragenden Weg."
"Ein hochsensibler Seelsorger"
Eine der Lehren aus der "Causa Stützenhofen" sei laut Zulehner, dass man gerade beim Thema Homosexualität "noch sehr viel zu lernen" habe - dies gelte für die Kirche, aber auch für die Gesellschaft insgesamt. So wisse man heute, dass es sehr viele verschiedenen Formen dieser "Begabung" gibt - seien sie genetischen Ursprungs oder Folgen von Erziehung und Entwicklung. Aufgrund dieser Bandbreite des Phänomens sei es unmöglich, "die herkömmliche ethische Norm, dass das alles Sünde ist", anzuwenden. Die Kirche müsse "lernen, diese Spannungen auszuhalten" und zugleich anerkennen, "was zu innerst der Mensch wünscht, nämlich lebenslange Treue und Verlässlichkeit". Auf diese Tatsache habe der Kardinal "mit Respekt" reagiert und sich damit "nicht nur als Kirchenführer, sondern als hochsensibler Seelsorger" gezeigt, so Zulehner.
Zugleich sprach sich Zulehner dafür aus, die Menschen "in diesem sehr persönlichen Bereich in Ruhe zu lassen" - dies gelte für die Kirche, aber auch für die Gesellschaft bzw. die Medien, wie etwa der Fall Stützenhofen zeige. Die privaten Enthüllungen dort seien "genauso obszön wie bei einem Politiker oder einem Journalisten oder einem Filmschauspieler", so der Theologe.
Ähnlich auch die Einschätzung Helmut Schüllers in der "Journal Panorama"-Diskussion: Die Kirchenleitung sei nun "gut beraten, den Terraingewinn nicht durch panische Reaktionen oder Diffamierungen aus dem rechten Lager wieder zunichte zu machen". Wenn die Stützenhofener Entwicklung nun auf eine mangelhafte Wahlordnung für den Pfarrgemeinderat geschoben werde, mache man genau diesen Terraingewinn wieder zunichte, so Schüller.
Als "Fehlentwicklung" betrachtete es auch Veronika Prüller-Jagenteufel, wenn man - wie im Fall Stützenhofen - "an sekundären Fragen abzulesen versucht, ob jemand katholisch ist". Die "zentrale Frage" müsse immer die Frage nach der "Orientierung am Evangelium" sein und die Offenheit eines "Aufeinander Zugehens im Gespräch". "Grabenkämpfe" führen in dieser Situation nicht weiter, so die Wiener Pastoralamtsleiterin. Es gehe vielmehr darum, "wirklich konkret in die Lebenssituationen zu schauen".
Gehorsam nicht zur Dienstpflicht verkürzen
Auf den "strategischen" Charakter des Wortes vom "Ungehorsam" verwies Paul Zulehner. Angezeigt werde durch das Wort, dass "möglicherweise jetzt ein Zeitpunkt gekommen ist, wo die Ungeduld derer, die sich wirklich ernsthaft um die Kirche und das Evangelium bemühen, so groß geworden ist, dass sie sagen: wir hören jetzt auf zu reden. Wir wollen durch Taten zeigen, dass es weitergeht".
Auf den engen Konnex zwischen Gehorsam und Gemeinschaft verwies die Wiener Pastoralamtsleiterin Veronika Prüller-Jagenteufel. "Gehorsam macht dann Sinn, wenn er in eine Gemeinschaft eingebettet ist, die auf Vertrauen basiert". Gehorsam sei daher nicht als bloße "Dienstpflicht" zu verstehen, sondern habe mit Beziehung und Vertrauen zu tun. "Vielleicht ist die Schwierigkeit, die wir in der Kirche und im Klerus mit dem Gehorsam haben, ein Hinweis darauf, wie wir Gemeinschaft leben", mutmaßte die Pastoralamtsleiterin. Schließlich definiere das Recht nicht die Kirche an sich, sondern bestimme immer nur die Ränder von Kirche. Das Recht halte damit zwar etwas "wichtiges in Erinnerung" - es müsse aber immer wieder auch auf die konkreten Lebensumstände hin geprüft werden.
Zulehner: Gehorsam und Freiheit gehören zusammen
Kritik übte Zulehner an einer "sehr lautstarken und medial sehr präsenten" kirchlichen Gruppe, die vor allem auf Internetportalen ihr Verständnis von Gehorsam propagiere. Dieses basiere laut Zulehner allerdings "nicht auf Verantwortung und Freiheit", sondern sei "aus irgendeiner Angst gespeist". Beim Gehorsam gehe es schließlich nicht um eine blinde Gefolgschaft, sondern um eine "radikale Form der Freiheit, in der ich mich in Verantwortung an jemanden oder an etwas binde, nämlich das Evangelium", so der Theologe.
Auf den Zusammenhang von Gehorsam und Aufeinander-Hören verwies Helmut Schüller. Natürlich habe man sich über die kritische Erwähnung des "Aufrufs zum Ungehorsam" gefreut, man wolle die von Benedikt XVI. formulierten Anfragen als solche ernst nehmen und sich um ein persönliches Gespräch mit dem Papst bemühen, um ihm "darzulegen, was wir meinen", so Schüller.