Religionsunterricht in Österreich ist ein "Erfolgsprojekt"
"Seggauer Gespräch" über "Religionsunterricht im Wandel der Gesellschaft" mit Religionspädagogen Weirer und Mendl - 92,5 Prozent der katholischen Schüler und Mehrheit der Konfessionslosen nehmen am Religionsunterricht teil
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Graz, 13.04.2012 (KAP) Religionsunterricht in Österreich ist ein "Erfolgsprojekt". Das betonte der Grazer Religionspädagoge Wolfgang Weirer beim "4. Seggauer Gespräch zu Kirche und Staat", das noch bis Freitagmittag im kirchlichen Bildungshaus Schloss Seggau zum Thema "Religionsunterricht im Wandel der Gesellschaft" stattfindet.
Seine Einschätzung belegte der Theologe mit folgenden Zahlen: Von den mehr als 900.000 Schülern in Österreich sind 73 Prozent römisch-katholisch, quer durch alle Schultypen nehmen 92,5 Prozent davon am Religionsunterricht teil. Hinzu kommen noch etliche Schüler ohne religiöses Bekenntnis, denn sieben von zehn aus dieser Gruppe besuchen ebenfalls einen konfessionellen Religionsunterricht - mehr als 90 Prozent davon wiederum den katholischen. "Welches andere kirchliche Projekt erreicht so viele Menschen?", so die rhetorische Frage Weirers an das vornehmlich von Theologen und Rechtswissenschaftlern gebildete, 60 Personen umfassende Plenum.
Zu den Teilnehmern der seit 2006 zum vierten Mal stattfindenden Tagung zu Fragen, die das Verhältnis von Kirche und Staat betreffen, gehörten auch die Bischöfe Egon Kapellari und Franz Lackner, Caritas-Präsident Franz Küberl, der Europa-Referent der Österreichischen Bischofskonferenz, Michael Kuhn, einige Schulamtsleiter österreichischer Diözesen sowie mit Oliver Henhapl und Karl Schwarz hochrangige Vertreter des Kultusamtes im Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur.
Trotz der hohen Akzeptanz des Religionsunterrichtes unter den Schülern, auch unter vielen kirchendistanzierten Eltern, die ihren Kindern religiöses Basiswissen und christliche Feierkultur zukommen lassen wollen, sieht Weirer den Religionsunterricht als Fach "zwischen den Stühlen". Inhaltlich und für die Beauftragung der Lehrpersonen seien die staatlich anerkannten Religionsgemeinschaften zuständig, disziplinär und dienstrechtlich die Schulbehörden. Auch der Status als "Pflichtfach mit Abmeldemöglichkeit" verleihe Religion eine Sonderstellung im Fächerkanon, die laut Weirer durchaus zu "Verhandlungen" durch Schüler führe wie z.B.: "Wenn es bei Ihnen keine Tests und keine Noten schlechter als einen Zweier gibt, bleibe ich."
Bildung ohne Religion bliebt unvollständig
Auf die völkerrechtlich abgesicherte Stellung des Religionsunterrichts - in Österreich durch das Konkordat zwischen der Republik und dem Heiligen Stuhl - zu pochen reicht als Legitimation nicht, so der Grazer Religionspädagoge: Religionsunterricht müsse sowohl bildungstheoretisch als auch theologisch plausibel sein. Weirers Thesen: Bildung bliebe unvollständig ohne Berücksichtigung der religiösen Dimension, die zur conditio humana gehöre; zudem schütze eine kritische Auseinandersetzung mit dem religiösen Erbe vor Fundamentalismen. Und aus der Sicht der Kirche müsse der Religionsunterricht eine von mehreren Formen sein, sich nach dem Vorbild Jesu den jungen Menschen zuzuwenden und ihnen zu dienen. Weirer hob zugleich hervor, dass Religionsunterricht nicht auf "Katechese" im Sinn von Glaubensunterweisung an die Kirchenmitglieder verkürzt werden dürfe. Er habe vielmehr auch die Kirchendistanzierten und Atheisten im Blick zu haben.
Studien über den "Erfolgsnachweis" des Religionsunterrichts in Bezug auf Glaubenswissen, religiöse Praxis oder Kirchenbindung gebe es noch kaum, antwortete Weirer auf eine Frage in der anschließenden Diskussion. Aus den wenigen vorliegenden Daten gehe hervor, dass sich der Religionsunterricht im Vergleich mit anderen Fächern "nicht verstecken" muss. Einen Hinweis darauf gebe auch, dass die Religionslehrer der ab dem Schuljahr 2012/13 eingeführten kompetenzorientierten Matura seinem Eindruck nach "relaxed entgegensehen", wie Weirer sagte.
Je säkularer die Gesellschaft, desto wichtiger Fach Religion
Einen Einblick in die konfessionell anders gelagerte Situation in Deutschland gab der Passauer Religionspädagoge Hans Mendl: Katholiken und Protestanten halten sich dort die Waage, gerade im Osten und im städtischen Bereich Deutschlands gebe es einen hohen Anteil an Konfessionslosen. Mendls Überzeugung: "Je säkularer und pluraler die Gesellschaft wird, desto wichtiger erscheint ein Schulfach, in dem zentrale religiöse und existenzielle Fragen geklärt werden." Gerade für Jugendliche sei Kirche heute "ästhetisch und lebensweltlich unattraktiv", dennoch würden ihre sehr unterschiedlichen Milieus vom Religionsunterricht erreicht. Mendl bezeichnete den Religionsunterricht als "Flaggschiff der Kirche in der säkularisierten Postmoderne". Die Kirche könne von Religionsunterricht lernen, "was es bedeutet, dass Kirche im Sinn Bonhoeffers nur dann Kirche ist, wenn sie für andere da ist, ohne sich selber zu verlieren".
Distanzierte "Religionskunde" aus der Beobachterposition hält der Passauer Theologe für ebenso verfehlt wie vereinnahmende Verkündigung. Der Jugend-Katechismus "YouCat" als Unterrichtsgrundlage würde gerade nicht die "Fernstehenden" erreichen und entzöge dem schulischen Religionsunterricht seine Berechtigung, so Mendl.
Je nach dem jeweiligen Umfeld müssten "in Sache Religion" unterschiedliche Modelle zum Tragen kommen, forderte der Religionspädagoge: Wo es möglich ist, solle der klassische konfessionelle Religionsunterricht beibehalten werden; "wo es nötig ist", riet Mendl zu kooperativen, konfessionsüberschreitenden Modellen, die auch Schüler ohne religiöses Bekenntnis miteinschließen. Auch über die Ausgestaltung von Fächerverbünden mit Religion und Ethik werde in Zukunft nachzudenken sein.
In Deutschland besuchen rund drei Millionen Gläubige einen katholischen Sonntagsgottesdienst, ebenso viele Kinder und Jugendliche nehmen am katholischen Religionsunterricht teil: Dies unterstreiche, wie "enorm wichtig" der Religionsunterricht für die Kirche sei, so Mendl.
Caritas-Präsident Küberl, an der Konzeption und Themenfindung der "Seggauer Gespräche" beteiligt, bekannte sich in der Diskussion als "Verfechter eines konfessionellen Religionsunterricht mit starker Dialogkomponente": Als auch mit Bildungsfragen Befasster - die Caritas fungiert auch als Schulträgerin - habe er die Erfahrung gemacht, wie befruchtend ein Austausch über verschiedene Zugänge von Religionsgemeinschaften zu einzelnen Themen sein könne. Ein engagiertes Plädoyer legte Küberl für eine positive Konzeption eines flächendeckenden Ethikunterrichtes ab. Diesen nur als "Strafe für die, die sonst nirgendwo dabei sind", zu sehen, halte er für verfehlt. Wohl aber brauche es eine ernsthafte Herangehensweise an die Frage, was eine gemeinsame Wertebasis in Österreich sein könne und wie dies schulisch zu vermitteln sei.