Missbrauch: Klasnic-Kommission zieht Zwischenbilanz
"Unabhängige Opferschutzanwaltschaft" hat in den vergangenen zwei Jahren von Missbrauch Betroffenen zudem mehr als 23.500 Therapiestunden zugesprochen - 702 Betroffenen-Meldungen bisher entschieden
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Wien, 17.04.2012 (KAP) Mehr als acht Millionen Euro finanzielle Hilfe und 23.500 Therapiestunden hat die "Unabhängige Opferschutzanwaltschaft" in den bisherigen zwei Jahren ihres Bestehens Betroffenen von Gewalt und Missbrauch im kirchlichen Bereich zuerkannt. Die im April 2010 von Kardinal Christoph Schönborn ins Leben gerufene Einrichtung unter Leitung von Waltraud Klasnic hat am Dienstag in Wien ihren Zwischenbericht präsentiert. "Bisher konnten 702 (62,2 Prozent) der an die Unabhängige Opferschutzanwaltschaft herangetragenen 1.129 Betroffenen-Meldungen entschieden werden. 19 Fälle wurden ablehnend entschieden", erklärte Klasnic.
Insgesamt gingen in den vergangenen zwei Jahren 1.244 Meldungen bei der Unabhängige Opferschutzanwaltschaft (Stand 3. April 2012) ein. Davon waren laut dem Zwischenbericht 1.129 Betroffene von Gewalt und Missbrauch in kirchlichen Einrichtungen; der Rest der Meldungen betraf "nicht-kirchliche Bereiche in Staat und Gesellschaft".
Die 702 bisher getroffenen Entscheidungen schlüsseln sich laut Bericht in 632 Beschlüsse in der Kommission und 70 konkrete Hilfestellungen für Betroffene im direkten Weg sowie 85 "Erledigungen von Anliegen, die nicht in die Zuständigkeit der Opferschutzanwaltschaft fallen", auf. Zu letzteren gehören z. B. Weiterleitungen der Betroffenen an die richtigen Stellen.
Rund 85 Prozent aller Meldungen betrafen nach Angaben der Kommission Fälle von Missbrauch und Gewalt vor dem Jahr 1980. Mit einem Anteil von rund 40 Prozent hätten sich die meisten davon in den Jahren zwischen 1960 und 1970 ereignet, berichtete Klasnic bei der Pressekonferenz. Drei von vier Betroffenen seien männlich gewesen.
Die Vorfälle ereigneten sich zu 66,4 Prozent in Orden und Kongregationen sowie zu 38,8 Prozent in Diözesen; teilweise "sowohl als auch", hieß es im Bericht. Demnach waren die Betroffenen insgesamt zu 67,2 Prozent Opfer von sexuellem Missbrauch, 65,4 Prozent erlitten körperliche und 68,3 Prozent psychische Gewalt. Drei Viertel der Betroffenen waren von mindestens zwei Arten des Missbrauchs betroffen, 25,8 Prozent mussten alle drei Arten erleben.
Klasnic: Schlussbericht 2013 "kein Schlussstrich"
Geplant sei, bis Jahresende 2012 den größten Teil der eingelangte Meldungen von Betroffenen zu entscheiden. Für das erste Quartal 2013 kündigte Klasnic einen umfangreichen Abschlussbericht an. Dieser bedeute jedoch "keinen Schlussstrich", betonte Klasnic: "Es soll auch ab 2013 weiterhin eine unabhängige Einrichtung geben, die für Betroffene im Bereich der katholischen Kirche Österreichs Entscheidungen für Hilfestellungen trifft und Bewusstseinsbildung und Prävention zum Ziel hat."
Darüber hinaus forderte die Unabhängige Opferschutzkommission eine "Österreichische Plattform für die Prävention von körperlicher, seelischer und sexueller Gewalt". Diese solle "Empfehlungen" für öffentliche wie auch zivilgesellschaftliche Einrichtungen geben, so Klasnic.
"Bemüht, auch Stütze zu sein"
Immer wieder habe man sich auch bemüht, "praktische Lebensbegleitung, Intervention und Stütze zu sein", sagte Klasnic bei der Präsentation des Zwischenberichts. Das Anliegen von Opferschutzanwaltschaft und Opferschutzkommission sei "die Hilfestellung für die Menschen und ihre Schicksale und nicht das Paragrafennetz". Die Entscheidungen der Kommission fielen "nach einer groben Plausibiliätprüfung - ungeachtet von Verjährungsfristen - und werden im Zweifel für das Opfer getroffen", betonte Klasnic. Der Rechtsweg stünde den Betroffenen "selbstverständlich auch danach offen".
Die finanziellen Hilfestellungen seien "nicht an Schweigeversprechen gebunden und können wesentlich einfacher und in bedeutend kürzerer Frist erlangt werden, als es vielleicht je in einem Gerichtsverfahren möglich wäre", führte Klasnic aus. Auch nach Abschluss einzelner Fälle seien viele Kontakte mit den Betroffenen aufrecht geblieben.
Deutlich weniger Meldungen an diözesane Ombudsstellen
Indes ist die Zahl der Meldungen von Fällen von Gewalt oder sexuellem Missbrauch bei den diözesanen Ombudsstellen stark rückläufig. Insgesamt verzeichneten die Ombudsstellen im Vorjahr 366 Kontakte mit Betroffenen, wovon 221 derzeit als ernstzunehmende Verdachtsfälle zu qualifizieren sind. Das ist das Ergebnis einer Anfrage von "Kathpress" bei den Ombudsstellen aller österreichischen Diözesen. Rund 90 Prozent der Verdachtsfälle beziehen sich demnach auf Fälle von Gewalt und Missbrauch vor dem Jahr 1993.
Im Vergleich dazu gab es im Jahr 2010 insgesamt 1.201 Kontakte von Betroffenen mit den Ombudsstellen. Nach abklärenden Gesprächen mit den Betroffenen und der Berichtigung von Mehrfachnennungen verzeichneten die Stellen 2010 499 bestätigte Fälle von Missbrauch oder Gewalt im kirchlichen Bereich.
Die Ombudsstellen - sie arbeiten weisungsfrei und sind seit 31. Mai 2011 wieder Erstanlaufstelle für alle Meldungen - haben im Jahr 2011 von den 221 an sie herangetragenen Verdachtsfällen 150 an die "Unabhängige Opferschutzanwaltschaft" (Klasnic-Kommission) zur Behandlung weitergeleitet. Bei 7 Fällen, das sind 3,2 Prozent aller Verdachtsfälle, sei nach Einschätzung der Ombudsstellen eine strafrechtliche Relevanz gegeben gewesen. Um sicher zu gehen, habe es jedoch in 13 Fällen eine Anzeige bei den staatlichen Behörden gegeben, berichtete der Wiener Ombudsstellenleiter, Prof. Johannes Wancata, in der Analyse der Zahlen gegenüber "Kathpress".