Theologen würdigen Bedeutung der Protestbewegungen
Theologen Bucher und Sander in "Furche", Ruh in "Theologisch-praktischer Quartalsschrift": "Protest sollte den in der Kirche Verantwortlichen zu denken geben" - Bischöfe sollen Orte ehrlicher Auseinandersetzung schaffen
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Wien, 26.04.2012 (KAP) Die Bedeutung innerkirchlicher Protestbewegungen haben deutschsprachige Theologen in aktuellen Beiträgen für kirchennahe Printmedien gewürdigt. "Wenn die Kirche keinen Modus des Umgangs mit Widerstand im eigenen Bereich findet, wird sie auch in den gesamtgesellschaftlichen Widerstandsprozessen an Relevanz verlieren", warnen der Grazer Pastoraltheologe Rainer Bucher und der Salzburger Dogmatiker Hans-Joachim Sander in der aktuellen Ausgabe der Wochenzeitung "Die Furche".
Und der katholische Publizist Ulrich Ruh sieht in der aktuellen Ausgabe der "Theologisch-Praktischen Quartalschrift" (ThPQ) Reforminitiativen wie das "Kirchenvolks-Begehren" als "typisch nachkonziliares Phänomen", bedingt durch schon auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil unterlassene Änderungen am strukturellen Gefüge der katholischen Kirche. Alle drei Autoren sind sich einig: "Protest sollte den in der Kirche Verantwortlichen also zu denken geben", wie der ehemalige wissenschaftlichen Mitarbeiter des späteren Mainzer Kardinals Karl Lehmanns es formuliert.
Bucher und Sander stellen die Pfarrer-Initiative und ihren "Aufruf zum Ungehorsam" in den Kontext gegenwärtiger Widerstandspotenziale in Politik und Gesellschaft - namentlich die von Stephane Hessels Streitschrift "Empört Euch!" inspirierten Jugendproteste. Einer im Widerstand gebündelten Empörung sei durch bischöfliche Maßnahmen und kritischen päpstlichen Widerspruch nicht beizukommen, so die Einschätzung der Theologen. "Pfarrherrliche Widerspenstigkeit wäre zu brechen, Empörung aber weitet sich unweigerlich aus, selbst wenn die, die widerstehen, gebrochen werden", warnen Bucher und Sander.
Sie raten zur Einrichtung von Orten, an denen sich "der feine Unterschied" zwischen Widerstand und Widerspenstigkeit entfalten kann und sich alle Beteiligten ehrlich - und beispielhaft für die Gesamtgesellschaft - den Gründen der kirchlichen Empörung stellen. Ein Katholikentag böte laut Bucher und Sander ein möglicherweise geeignetes Podium, dass Initiativen dazu abgelehnt wurden, sei "eine Chance weniger". Ungeachtet dessen sei Handeln geboten, meinen die Theologen. Denn "wenn es so weitergeht wie bisher, wird dieser innerkirchliche Konflikt eskalieren, keine innerkirchliche Kreativität hervorbringen und gleichzeitig irrelevant bleiben für die Entwicklung der gesellschaftlichen Widerstandsprozesse."
"Kirchengeschichte ist Konfliktgeschichte"
"Kirchengeschichte ist Konfliktgeschichte", konstatiert "Herder Korrespondenz"-Chefredakteur Ulrich Ruh in seinem Beitrag "Innerkirchlicher Protest - sinnlos oder notwendig?" (nachzulesen in ThPQ 2012/2 zum Thema "Protest"). Das Zweite Vatikanische Konzil habe davor eher "im Untergrund" befindliche Reformströmungen betreffend u.a. den Ökumenismus, die Religionsfreiheit oder die Bibel als maßgebliche Glaubensquelle in die offiziellen Dokumente aufgenommen. An ihrem strukturellen Gefüge nahm die Kirche durch das Konzil "zwar gewisse Akzentverschiebungen (Aufwertung des Bischofskollegiums einesteils, der gläubigen Laien andernteils) vor, allerdings keine grundlegenden Änderungen". Damit war laut Ruh der Streit um die Reichweite und die Konsequenzen der Grundoptionen des Zweiten Vaticanums "schon vorprogrammiert".
Vor diesem Hintergrund erscheinen dem deutschen Publizisten Versuche als "kurzsichtig", die kirchlichen Krisenerscheinungen der unmittelbaren Nachkonzilsjahre mit dem Einbruch der "68er-Ideologie" in das kirchliche Gefüge und damit als Überfremdung des Glaubens erklären zu wollen. Die römisch-katholische Kirche hatte sich laut Ruh vor dem Konzil "durch ein verengtes Verständnis von Tradition und Identität in eine Sackgasse manövriert". Das Konzil habe "Zumindest ansatzweise (...) diese Sackgasse geöffnet und die Kirche damit dem Risiko kontroverser Debatten ausgesetzt".
Innerkirchliche Protestbewegungen wie die "Kölner Erklärung", das "Kirchenvolks-Begehren" oder das "Theologen-Memorandum" "waren und sind grundsätzlich ein unvermeidlicher Bestandteil" eines nachkonziliaren Veränderungsprozesses, befand Ruh. Sie griffen "legitimer Weise" auf Methoden zurück, die in der demokratischen Protestkultur der Gegenwart gebräuchlich sind. Ruh sieht den innerkirchliche Protest als "Zeichen von Lebendigkeit einer vielgestaltigen Kirche".
Zuletzt sei bei der Debatte um das "Memorandum" angemerkt worden, die Autoren hätten die doch eigentlich brennende "Gotteskrise" anzusprechen vergessen. Doch auch das Konzil habe - so erinnerte Ruh - keines seiner Dokumente ausdrücklich der Gottesfrage im Horizont der Moderne gewidmet, "obwohl die entsprechende Herausforderung schon seinerzeit durchaus bestand".