"Aufruf zum Ungehorsam": Papstkritik war "notwendig"
Kardinal Kurt Koch in "Osservatore Romano": Anstiftung zum Ungehorsam ist "sehr unüblicher Tatbestand" für geweihte Personen - Prinzipielles Verständnis für Motive der Initiative
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Vatikanstadt-Wien, 27.04.2012 (KAP) Der Präsident des päpstlichen Rates für die Einheit der Christen, Kardinal Kurt Koch, hat die päpstliche Kritik an der österreichischen "Pfarrer-Initiative" als "notwendig" bezeichnet. Er sei zwar zunächst erstaunt gewesen, dass der Papst dem "Aufruf zum Ungehorsam" überhaupt "die Ehre einer Erwähnung" gegeben habe, sagte Koch in einem Interview, das die vatikanische Tageszeitung "Osservatore Romano" (Freitag) in Auszügen veröffentlichte. Andererseits sei er der Auffassung, dass eine Stellungnahme des Papstes zu diesem Thema notwendig gewesen sei. Der Papst habe sich in seiner Predigt während der Chrisammesse am Gründonnerstag "klar, aber in einem sehr freundlichen Ton" geäußert, so der Schweizer Kardinal.
Zugleich zeigte Koch Verständnis für die Motive der Unterzeichner des Aufrufs. Viele Priester hätten sich der Initiative angeschlossen, weil sie sehr besorgt seien angesichts der seelsorgerlichen Probleme der heutigen Zeit. Er glaube jedoch nicht, "dass alle Unterzeichner mit der Entwicklung einverstanden sind, die diese Initiative genommen hat", so der Kardinal. Es sei das "traurige Paradox" der "Pfarrer-Initiative", dass Priester und Diakone zum Ungehorsam anstifteten. Dies sei ein "sehr unüblicher Tatbestand" für geweihte Personen.
In einem Interview mit der österreichischen Tageszeitung "Der Standard" (Freitag) wies Koch indes jede weitere päpstliche Befassung mit dem Thema zurück. "Ich glaube nicht, dass die Gespräche hier an Ort und Stelle in Österreich so ans Ende gekommen sind, dass man nur noch mit dem Papst reden kann". Wenn man an einem Ort Probleme habe, "redet man mit dem Bürgermeister - und nicht gleich mit dem Bundespräsidenten", merkte Koch zum Gesprächsansuchen der "Pfarrer-Initiative" mit dem Papst an.
Als tiefere Ursache für innerkirchliche Protestbewegungen im deutschsprachigen Raum bezeichnete Koch eine verzerrte Darstellung des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965). Einen prinzipiellen Hang zur Auflehnung der deutschsprachigen Katholiken gegenüber Rom verneinte er hingegen. Bis Ende der 1950er Jahre hätten die Katholiken geschlossen, einig und treu zur römischen Kirchenleitung gestanden, sagte der Kardinal. Nach dem Konzil sei von den Massenmedien jedoch vor allem die Interpretation des Schweizer Theologen Hans Küng verbreitet worden. Dieser habe das Konzil als Bruch mit kirchlichen Tradition und nicht als Weiterentwicklung dargestellt. Auf diese Sichtweise gründeten sich seiner Ansicht nach die "heutigen Unruhen" in den deutschsprachigen Ländern.
Anfang dieser Woche hatte Koch außerdem im Rahmen eines Wien-Besuchs pointiert zur Ökumene und zu den Piusbrüdern Stellung genommen. Ein Engagement in der Ökumene ist für die katholische Kirche "nicht Kür, sondern Pflicht" - und zwar eine Pflicht, der sich jeder Gläubige aber auch die Kirchenspitze verpflichtet fühlen muss. Christliche Ökumene sei "kein bloßer Zusatz oder ein Anhängsel im Leben der Kirche, sondern gehört elementar zum Wesen der Kirche", so Koch. Besondere Relevanz erlange die Ökumene im Projekt der Neuevangelisierung. Deutliche Worte auch zu den Piusbrüdern: An ihnen liege es nun, auf das vom Papst vorgelegte Versöhnungsangebot "definitiv zu antworten", so Koch. Die bisherigen Antworten seien ungenügend gewesen.